„Hinaus, hinaus ins Offene!“

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„Hinaus, hinaus ins Offene!“

Von Carl Bossard, 17.08.2019

Lernen ist Aufbrechen zu Neuem; Bildung eröffnet einen Horizont. Das ist anspruchsvoll. Lehrpersonen tragen eine hohe Verantwortung. Freiheit ist das notwendige Korrelat. Gedanken zum Schuljahresbeginn.

In der Schweiz starten wie jedes Jahr im Spätsommer rund 120’000 Lehrpersonen in ein neues Schuljahr – zusammen mit ihren Schülerinnen und Schülern. Anfangen, und zwar immer wieder, jeden Tag, das gehört zum menschlichen Leben und damit auch zur Schule. Leben ist anfangen. Mit Kindern und Jugendlichen sowieso. Am schönsten ist es wohl beim Start in ein neues Schuljahr. Jedem Anfang wohnt ja – wie Hermann Hesse in seinem Gedicht „Stufen“ schreibt – ein Zauber inne. Etwas Freudig-Beschwingtes liegt im Aufbrechen, etwas Erwartungsvolles, manchmal vermischt mit Unsicherheit und einer Prise Skepsis.

Unterrichten ist Segeln auf offener See, nicht Bahnfahren

Lernen heisst ja immer auch aufbrechen und sich einlassen auf Neues, Unbekanntes. Es gleicht einer Entdeckungsreise. Den geschützten Hafen verlassen und hinaussegeln in ein neues Schuljahr: So könnte man metaphorisch formulieren, um die Grösse des Anfangs zu charakterisieren. Lernen bedeutet sich aufmachen und die feste, fixe Mole hinter sich lassen, von der Anlegestelle hinausfahren und sich ins Unbekannte wagen.

„Hinaus, hinaus ins Offene!“, schrieb der Philosoph Friedrich Nietzsche, als er am Strand von Genua in die unendliche Weite des Mittelmeeres hinausschaute und den Horizont absuchte. Das lässt sich vielleicht auf die Bildung übertragen und auf die Arbeit der Lehrerinnen und Lehrer: konfrontiert sein mit Unbekanntem und aufbrechen ins Offene, manchmal sogar ins Unbegangene – zu neuen Horizonten. Das ist nicht immer bequem und mit unbekannten Variablen und Risiken verbunden. Das ist anstrengend und anspruchsvoll zugleich. Unterrichten ist Segeln auf offener See, nicht Bahnfahren – immer im gleichen Geleise. Nein, Unterrichten heisst etwas wagen und sich auch auf Nebenwege getrauen – aber mit einem Kompass für die richtige Richtung und mit den Koordinaten des gemeinsamen Ziels.

Das Unwägbare und Unberechenbare des Unterrichts

Die Hohe See kennt das Unwägbare, das Unberechenbare und das Nichtkalkulierbare. Das gilt auch für Schule und Unterricht: Wie in der Seefahrt lässt sich nicht alles planen, aber man muss auf die Fahrt, auf die gemeinsame Bildungsreise mit den Schülerinnen und Schülern gründlich vorbereitet sein – und die Richtung kennen. Ob man aber immer und mit allen ankommt, das ist letztlich nie ganz sicher. Und doch darf Ankommen kein Zufall bleiben.

In diesem Sinne sind Schulleitung und Lehrpersonen ja nicht verantwortlich für Wind und Wellen, für Sturm und Strömung, für Nacht und Nebel, aber sie sind verantwortlich für das Boot, das Team, die Passagiere. Sie sind verantwortlich für den richtigen Kurs, zuständig für die Lernatmosphäre und die Performance an Bord.

Verantwortung braucht Freiheit

Wer Verantwortung trägt, braucht Freiheit. Das gilt für die Seefahrer, das gilt auch für die Schule. Freiheit sei für die Bildung „die erste und unerlässliche Bedingung“ [1], schrieb der Reformer des preussischen Bildungswesens und Theoretiker der Freiheit, Wilhelm von Humboldt.

Doch Freiheit, dieses kleine Wort, hat heute wenig Freunde, und es ist weit weniger populär, als es die politische Rhetorik suggeriert. Darum wohl wird in den Schulen immer enger normiert. Das zermürbt die Akteure und schadet der Unterrichtsqualität. Dabei müssten Lehrpersonen ihre Kinder zur Autonomie führen, zum Vermögen, „sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen“ [2], wie es Immanuel Kant so einprägsam formuliert hat. Eben: die eigene Freiheit ergreifen.

Viele Kinder werden in der Schule frei

Wo aber werden viele Kinder frei? Nicht zu Hause, nicht in engen sozialen Verhältnissen, sondern in der Weite der Schule – dank einer guten Bildung, dank autonomer Lehrpersonen. Beredtes Beispiel ist Albert Camus, der grosse Schriftsteller seiner Generation und Literaturnobelpreisträger von 1957. Ohne die Schule und ohne seinen Lehrer Louis Germain wäre Camus’ Freiheit als Aufbruch aus dem harten, armseligen Milieu seiner Familie nicht möglich gewesen. [3]

Und darin liegt das Paradoxon: Die überall forcierte Regulierung steht im Widerspruch zur geforderten und notwendigen Freiheit. Das bringt Schulen in Enge und Atemnot. „Schule in Ketten“ resümiert ein erfahrener Lehrer seine Unterrichtsjahre. [4] Doch zielgerichtet navigieren und situativ richtig reagieren ruft nach Freiheit.

Freiheit bringt Raum für das Unvoraussehbare und Unvoraussagbare

Freiheit ist die Freiheit des Handelns. Darin liegt das pädagogische Elixier. Nur schon deshalb muss die Schule – auch und gerade in den Zeiten sozialtechnologischer und ideologischer Steuerungs- und Indoktrinationsphantasien – ein Ort der Freiheit bleiben. Frei von unnötigen Vorschriften und Vorgaben, frei fürs zielorientierte und kreative Handeln, frei fürs spontane Eingehen auf Kinder. Freiheit bringt Raum für das Unvoraussehbare und Unvoraussagbare.

Und in der Schule ist manches weder voraussehbar noch klar voraussagbar. Humor und Witz, Imagination und Fantasie blühen nicht im engen Kleid der Vorschriften; sie brauchen einen Humus der Freiheit. Das Humane aber lässt sich nicht mit Vorschriften erzwingen. Was uns menschlich anspringt, können wir nicht ins Numerische outsourcen oder über bürokratische Fesseln steuern. Es braucht das Momentum der Freiheit. In der Freiheit liegt darum der Kern des ganzen pädagogischen Wirkens.

Hinausfahren in Freiheit, das zählt

Regen voraussagen kann jeder, sagt eine indianische Weisheit; aufbrechen und hinausfahren, das zähle. Nun sind die Schulschiffe wieder unterwegs, die Klassenboote in voller Fahrt. Stimmen muss die Richtung. Woher der Wind weht und wie die Wellen wogen, ist nicht so wichtig. Entscheidend ist, wie die einzelnen Schulen und Klassen die Segel setzen, welcher Esprit d’équipe sie leitet, in welchem Geist sie aufbrechen und den anvisierten Horizont ansteuern. Ein anspruchsvoller Auftrag, fast ein clin d’œil à l’impossible – ein augenzwinkerndes Liebäugeln mit dem Unmöglichen. Gerade darum brauchen Lehrerinnen und Lehrer für die Jahresfahrt die notwendige Freiheit. In diesem Sinn: Schulen ahoi!

[1] Wilhelm von Humboldt (2006): Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen. Stuttgart: Reclam, S. 22.

[2] Immanuel Kant (1999): Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften. Philosophische Bibliothek, Bd. Nr. 512. Hamburg: Felix Meiner Verlag, S. 20.

[3] Albert Camus (1994), Le premier homme. Editions Gallimard, S. 180f.

[4] Walter Meier (2015): Schule in Ketten. Sachroman. Muri b. Bern.

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