Hilfe, mein Chef ist ein Narziss!

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Hilfe, mein Chef ist ein Narziss!

Von Ruth Enzler, 20.06.2014

Der Umgang mit dem Chef erfordert gutes Fingerspitzengefühl. Denn er ist anders als andere Menschen. Wer das erkennt, kommt leichter durch den beruflichen Alltag.

Sie fragen Ihren Chef nach dem Stand eines Projekts, nach einer Lohnerhöhung, nach Lösungsstrategien bei einem komplexen Fall, nach dem Budget für Ihren Auftrag oder ganz einfach: Sie fragen nach, worum es in seinem an Sie gerichteten und etwas verworren formulierten Auftrag genau geht.

Ruth Enzler Denzler hat Jura und Psychologie studiert und wurde in Psychopathologie promoviert. In einer Schweizer Grossbank war sie in führenden Positionen tätig, ebenso in einem Wirtschafts-dachverband. Von ihr sind mehrere Bücher zu Themen der Stressbewältigung im Beruf, des Umgangs mit Konflikten und des Burnout erschienen. 

Seine Antwort, floskelhaft, lautet so oder ähnlich: „Sind Sie so schwer von Begriff? Sie müssen erst einmal lernen, die Arbeit richtig anzugehen!“ Und da Sie an keinem Hörschaden leiden und sich auch in Zukunft keinen zuziehen wollen, indem Sie seine Aggressionen noch weiter fördern, ziehen Sie sich vielleicht erschrocken, vielleicht hilflos und wahrscheinlich reichlich frustriert zurück. Sie denken, dass Sie gar nichts kapiert haben, und sehen sich vor einer unerfüllbaren Aufgabe oder einem unmöglich zu erreichenden Ziel.

Sie kennen das?

Sie fragen sich, was Sie falsch gemacht haben, wo Sie sich im Ton vergriffen haben könnten, ob Sie einfach zu hohe Anforderungen gestellt haben oder ob Sie tatsächlich so bescheuert sind, wie Ihnen das suggeriert worden ist? Sie wenden sich an Ihren Partner, Ihre Ehefrau, an Ihre Freundinnen und Kollegen und holen Ratschläge ein? In einem solchen Fall ist guter Rat tatsächlich teuer. Solche Situationen sind schwierig und belastend. Sie kommen aber so häufig vor, dass es sich lohnt, hierauf näher einzugehen und die Dynamik zu analysieren.

Erklärung der Dynamik

Gehen Sie davon aus, dass Sie es mit den Ängsten eines positionsbezogenen Menschen zu tun haben. Wahrscheinlich ist er durch Ihre Frage selbst verunsichert, weiss keine Antwort oder er müsste einen Entscheid treffen, von dem er nicht ganz sicher ist, ob dieser sich nicht eventuell negativ für ihn selbst auswirken könnte.

Dadurch sieht er seine Position, wenn auch nicht akut, so doch in naher Zukunft bedroht. Er hat – bewusst oder unbewusst – Angst, er könnte von seinem eigenen Vorgesetzten in Zukunft gerügt werden, weil sich sein Entscheid aus dessen Sicht als falsch erwiesen haben könnte. Also empfindet er allein schon eine Frage als Bedrohung und sieht sich einem Entscheidungsdruck ausgesetzt, aus dem sich für ihn ein mögliches Verhängnis ergeben könnte.

Wer derartig Angst vor eigenen Fehlern hat, wird seinen Untergebenen häufig Fehler vorwerfen und erst recht nach deren Fehlern suchen. Von eigenen Fehlern wiederum wird er ablenken und sie vertuschen. Vor allem wird er sie dadurch zu vermeiden suchen, dass er nur sehr wenige Entscheidungen selber trifft. Eine „Angst-vor-Fehlern-Kultur“ wird auf diese Weise implementiert.

Diese Kultur wirkt sich unmittelbar auf Sie aus: Sie und Ihre Mitarbeitenden beginnen, sich vermehrt abzusichern, so dass Ihnen keine Fehler unterlaufen. Sie sind mit sich und Ihren und künftigen Fehlern beschäftigt, das Ablenkungsmanöver Ihres Chefs hat funktioniert! Auf diese Weise entsteht ein Heer von Technokraten, die nach dem Prinzip „cover your ass“ arbeiten.

Das Paradoxon

In einer solchen Kultur, wo eine angebliche Nulltoleranz gegenüber Fehlern herrscht, können Sie aber ganz unbesorgt Fehler machen. Das heisst, üben Sie, Fehlern mit Gelassenheit zu begegnen und diesbezügliche Grosszügigkeit mit sich zu entwickeln. Dies klingt paradox. Doch die Erklärung ist einleuchtend: Wo gearbeitet wird, wird es immer wieder Fehler geben. Null Fehler machen zu wollen, ist ein nicht zu erreichendes Ziel, was Stressempfinden und Frustration auslöst. Ihr Chef wird in jedem Fall schlafwandlerisch Ihre Schwächen finden und darauf hinweisen.

Schwächen vor ihm verbergen zu wollen, ist einerseits eine unmögliche Anforderung und andererseits auch in der Beziehung zum Chef nicht nützlich. Angenommen, Sie würden tatsächlich keinen einzigen Fehler mehr machen, dann würde sich Ihr Chef als nicht mehr gebraucht vorkommen. Die Sinnentleerung des Chefseins und die mögliche Abschaffung seiner Position wären aus seiner Sicht die Folge. Dann wären Sie ja so gut wie er und dies darf und kann ja gar nicht sein!

Der Status als Chef

Müssen Sie also einen unklaren Auftrag ausführen, dann empfiehlt es sich, entweder den Auftrag bis auf weiteres zu schubladisieren oder nach der „Trial-and-Error-Methode“ vorzugehen. Versuchen Sie, etwas aus dem Auftrag zu machen, setzen Sie nach Ihrem Ermessen ein Budget dafür ein, warten Sie gelassen auf seine Kritik, die ja so oder so nicht ausbleibt. Vielleicht wird er aufgrund Ihrer Versuche, den Auftrag zu verstehen, Ihnen besser und klarer auf die Spur helfen, weil er Ihnen jetzt erklären kann, was Sie offenbar falsch verstanden haben.

Auf diese Weise rechtfertigen Sie seinen Status als Chef und festigen so seine Position. Natürlich bedürfen Sie hierzu einer inneren Stärke und Selbstsicherheit. Besinnen Sie sich auf das, was Sie können und was Sie schon erreicht haben. Lassen Sie sich nicht kleinreden. Bleiben Sie standhaft in der Meinung, dass Sie schon in Ordnung und weder besser noch schlechter sind als andere Mitarbeitende. Ihr Chef ist so strukturiert, dass er sich übermässig mit seiner Position identifiziert und sich darüber definiert. Wird sie ihm auch nur ansatzweise streitig gemacht, sieht er seine Persönlichkeit in Frage gestellt.

Nischen suchen

Lohnerhöhungsfragen können meist nur rechtlich begründet werden. Sie haben Anspruch auf mehr gemäss Reglement oder Gesetz. Brüsten Sie sich nicht mit Ihrer guten Leistung – hierfür hat er kein Verständnis, denn Sie werden zur Bedrohung. Er ist Chef und damit derjenige, der bestimmt, wie viel hier verdient wird! Sind Sie ihm besonders nützlich, weil Sie ihm Verantwortung abnehmen, ihn vor Unbill bewahren oder Sie ihn in wichtigen Fragen sehr eng unterstützen oder er Sie aus irgendeinem anderen Grund gut gebrauchen kann bzw. auf Sie angewiesen ist, dann werden Sie vermutlich wenig Schwierigkeiten mit ihm haben. Ist ihm klar, welchen Vorteil Sie ihm bringen, dann wird er Sie gut behandeln - solange Sie ihm niemals gefährlich werden können. Dies ist ein weiterer Rat: Machen Sie sich nützlich, suchen Sie eine wichtige Nische, auf die Ihr Chef nicht verzichten kann. Belassen Sie ihm aber jederzeit seine Position als Chef.

Sehen Sie Ihren Job als das an, was er auch ist: „Just a Job“, und schaffen Sie sich im privaten Umfeld einen Ausgleich. Gehen Sie auf innere Distanz. Den Frauen rate ich speziell: Auch Ihr Chef ist erwachsen, er bedarf Ihrer Fürsorge und emotionaler Betreuung nicht. Gehen Sie emotional auf Distanz und bleiben Sie sich selber treu. Stehen Sie auf eigenen Beinen; Sie brauchen diese gegenseitige Abhängigkeit nicht.

Die Aura des Narziss

Vielleicht ist ein Jobwechsel angezeigt. Ich rate allerdings: Wechseln Sie erst dann, wenn Sie genügend über diesen Typus Mensch gelernt und erfahren haben. Narzisstisch strukturierte Chefs begegnen Ihnen immer wieder. Chefs wollen in 99 Prozent der Fälle Recht bekommen. Sie zeigen wenig bis keine echte und für Dritte nachvollziehbare Empathie und haben starke Abwertungstendenzen gegenüber Gleichgestellten oder Untergebenen. Sie sind sehr empfindlich und vertragen keinerlei Kritik. Vielleicht tun sie im ersten Moment so, um im nächsten Moment zum Rundumschlag auszuholen.

Es sind Menschen, die wenig Zugang zu sich selber haben, die im Grunde nicht wissen, wer sie eigentlich sind. Ihre Persönlichkeit ist meist wenig spürbar, weil sie zum Beispiel alles toll finden, was Menschen von hohem sozialen Prestige tun oder in deren Kreisen „in“ ist. Sie wirken meist eloquent, charmant, offen und auf den ersten Blick zugänglich. Sie verströmen nicht selten eine charismatische Aura, die von vermeintlicher Selbstsicherheit und Stärke zeugt. Lassen Sie sich von diesem Schein nicht trügen und schauen Sie genau hin. Es sind Menschen, die gerne über sich selber sprechen (Egozentrizität), die auf Kritik äusserst empfindlich reagieren (Empfindlichkeit), die wenig bis keine echte Empathie zeigen (Empathiemangel) und über andere häufig schlecht reden (Entwertung). Seien Sie sich Ihres Könnens und Ihrer Fähigkeiten bewusst, hüten Sie sich vor seinem Charme, fragen Sie nach, testen Sie ihn auf die Echtheit seines Tuns und Wirkens, solange Sie die Flucht noch unbeschadet ergreifen können.

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Trotz mehrmaligem aufmerksamem Lesen dieses Artikels habe ich keineswegs verstanden, worum es der Autorin überhaupt geht.
Ich bin zwar jetzt Rentner, muss aber bekennen, dass ich zur - vielleicht aussterbenden - Gattung derjenigen gehörte, die in ihrer Arbeit in erster Linie sachbezogen handelten und darauf verzichteten, persönliche Beziehungen damit zu vermischen.

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