Heimkommen nach Zürich

Annette Freitag's picture

Heimkommen nach Zürich

Von Annette Freitag, 18.09.2020

Das Opernhaus Zürich trotzt der Pandemie und eröffnet die Saison mit einer grossen Produktion. Für Boris Godunow engagiert es einen der weltweit gefragtesten Baritone, Michael Volle.

Entspannt sitzt Michael Volle in seiner Garderobe. Die Probe lief gut und die Sonne scheint an diesem prächtigen Spätsommertag durchs Fenster in den nüchternen Raum. Und vor allem: Es geht wieder los, und zwar richtig! Nach Monaten der Lähmung steht die Eröffnungspremiere der neuen Spielzeit bevor: Boris Godunow, eine russische Oper von Modest Mussorgski, mit Michael Volle in der Titelrolle. Es wird aus dem Vollen geschöpft, möchte man mit einem Wortspiel sagen. Denn für Michael Volle ist es eine neue Rolle in einer Oper von vier Stunden Länge und auf Russisch. Also ein schönes Stück Arbeit!

Trotzdem drängt sich zunächst ein Thema auf, an dem gegenwärtig niemand vorbeikommt. Corona. «Wie haben Sie denn diese vergangenen Monate verbracht, Herr Volle», frage ich. Schliesslich war er zu Beginn der Pandemie in Deutschland in die Schlagzeilen geraten. «Ja, das war Ende Februar», erzählt er. «Ich war für eine Neuproduktion der Salome in Mailand an der Scala. Da hiess es, ein junger Kollege sei positiv getestet worden, aber wir haben weitergemacht. Dann war ich in der Woche vor der Premiere kurz zuhause in Berlin, und bekam die Nachricht, ein junger Mann in unserer Produktion sei ebenfalls positiv getestet worden. Von einer Minute auf die andere wurden wir alle kaltgestellt. Das war noch vor dem allgemeinen Lockdown.»

Der Quarantäne entgangen

Es folgten Tests im Berliner Krankenhaus Charité für ihn, seine Frau, die Schweizer Opernsängerin Gabriela Scherer, und die beiden Kinder. Tagelanges Warten und angedrohte Quarantäne für die ganze Familie inklusive Kindermädchen, bis der Test ausgewertet war. Davon bekamen auch die Medien Wind. «Sowas habe ich noch nie erlebt», sagt Michael Volle. «Das ging so weit, dass ich zur Diskussionssendung bei Anne Will zugeschaltet wurde. Das war aber auch interessant, denn sowas hatte ich noch nie gemacht. Ich stellte den Laptop auf den Tisch und wartete auf dem Sofa. Plötzlich sieht man sich im Fernsehen und hat eigentlich gar nicht so viel zu sagen. Aber es war halt eine Live-Schaltung. Ich war nervöser als bei einer Opern-live-Übertragung!»

Die Tests ergaben schliesslich, dass Familie Volle nicht infiziert war. Aber zu diesem Zeitpunkt war ohnehin überall der Betrieb im Lockdown heruntergefahren, und auch für Michael Volle hiess es «abgesagt» für all seine Auftritte.

Michael Volle (Foto: Carsten Sander)
Michael Volle (Foto: Carsten Sander)

Theoretisch hätte er sich nun ausgiebig auf seine neue Rolle als Boris Godunov vorbereiten können. Aber da ging es Michael Volle wie so vielen anderen Kollegen. «Es fehlte jegliche Motivation… Ich habe auch wochenlang nichts gesungen...» Aber irgendwann gab es kein Entrinnen mehr. Text und Musik für vier Stunden Boris Godunov mussten einstudiert werden. «Die Länge ist nicht so das Problem», sagt er. «Hans Sachs in den Meistersingern ist noch länger, aber den habe ich intus und abrufbereit. Der ist aber auch auf Deutsch. In den Jahren 1999 bis 2007, das war die glückliche Zeit, als ich hier in Zürich im Ensemble war, da habe ich drei Opern auf Russisch gemacht, Eugen Onegin, Pique Dame und Chowanschtschina. Ich spreche kein Wort Russisch, aber man lernt das phonetisch, Wort für Wort. Damals wie heute standen mir Menschen zur Seite, die Russisch sprechen. Ausserdem haben wir einen Klavierauszug mit lateinischen Buchstaben. Es ist eine schwierige Sprache, wunderschön zum Singen, mit vielen Vokalen, aber heikel wegen der unterschiedlichen Zischlaute.»

Politische Ränkespiele

Inhaltlich passt Boris Godunow bestens in unsere Zeit: apokalyptische Grundstimmung, Hysterie und Paranoia vor dem politischen Hintergrund der Zeit nach dem Tod von Iwan dem Schrecklichen. Alexander Puschkin hat aus dem Stoff um Boris Godunow, der Anstifter für die Ermordung von Iwans Sohn gewesen sein soll, um selbst Zar zu werden, eine Tragödie verfasst, die Mussorgski schliesslich als Grundlage für seine Oper diente. 

Vieles an den politischen Ränkespielen kommt einem gerade heutzutage wieder sehr bekannt vor. Michael Volle lacht laut. «Das ist ein zeitloses Prinzip, wie so viele Themen in der Oper, wobei ich dies wirklich nicht allein auf Russland beziehen möchte. Die bösen Buben und Damen sitzen überall. Ich weiss nicht, was geschichtlich alles stimmt, aber Boris Godunow reiht sich in eine lange Linie von blutrünstigen Herrschern und Diktatoren ein. Aber die Szenen in der Oper sind so, dass man am Schluss fast Mitleid haben muss mit Boris Godunow, weil er so ein zerrissener und vom Schicksal geschlagener Mensch ist. Natürlich hat er das zum Teil selbst verschuldet, aber in den Szenen mit seinen Kindern und vor allem mit dieser Musik, da zerreisst es einen schier. Das ist grossartig zum Spielen und macht viel mehr Freude als eine Rolle ohne Ecken und Kanten.»

Orchester auf Distanz

Nun gibt es aber etwas, das diese Opernproduktion von allen bisherigen unterscheidet. Das Gesangsensemble steht zwar auf der Bühne und singt wie gewohnt – allerdings ohne den Dirigenten und ohne Orchester. Der Orchestergraben bleibt leer. Dies wegen Corona. Das Orchester sitzt ein paar Strassenzüge entfernt im Probenlokal am Kreuzplatz, von dort aus gibt der Dirigent seine Anweisungen auf die Bühne, und das Orchester wird über mehrere Lautsprecher live ins Opernhaus übertragen. Das gilt auch für die folgenden Produktionen. 

Wie ist das nun für Michael Volle, zumal in dieser anspruchsvollen Rolle? «Ich war nie in Bregenz auf der Seebühne, aber dort ist es ja gang und gäbe. Inzwischen hatten wir die erste Bühnenorchesterprobe und es ging besser als ich befürchtet hatte. Die Qualität ist gut. Natürlich spielt es für uns auf der Bühne und fürs Publikum im Zuschauerraum eine grosse Rolle, den Dirigenten und das Orchester zu sehen. Man hört und sieht es einfach anders. Aber Kirill Karabits, unser Dirigent, vermittelt gut. Man gewöhnt sich daran. Das spontane Reagieren, der momentane Austausch, der Blickkontakt, das fehlt. Aber klar, unterm Strich kann man sagen: besser als gar nichts.»

Prekäre Situation durch Corona

Besonders in Deutschland sei die Situation im Kulturbereich durch den Lockdown ziemlich prekär geworden, sagt Volle. «Also ich möchte ja nicht Politiker sein und Entscheidungen fällen, aber ich habe schon Angst um unser Genre. Kammermusik mit kleiner Besetzung geht. Aber – und das hat Andreas Homoki sehr richtig gesagt – Oper ist nicht nur klein, wie Barock oder Mozart. Die grossen romantischen Werke, die brauchen mehr. Und kosten mehr. Und der Politik geht es nur um Kosten. Da gibt es Technokraten, die eine einfache Rechnung aufstellen und sagen, macht doch einfach Streaming, da sparen wir Kosten. Wenn wir aber eine Gesellschaft sein wollen, in der Kultur eine wichtige Rolle spielt, dann muss man sich auch darum kümmern und ein Minus in der Kasse in Kauf nehmen. Aber in Deutschland waren wir wochenlang für die Politik gar nicht vorhanden!»

Ihm selbst gehe es gut, sagt er. «Aber es gibt Kollegen, die werden es nicht überleben. Ich kenne viele, die einen anderen Job suchen. Auch junge Kollegen.»

Und einige Intendanten, die Millionenbeträge von Zuschüssen für ihre Opernbühnen kassierten, würden andererseits ihren Künstlern in den Rücken fallen. Sie hätten ja rechtzeitig Geld zur Seite legen können, sie verdienten doch so viel, heisse es dann, was Michael Volle mit Zorn in der Stimme erzählt. «Man hat gemerkt, wo verlässliche Partner sind und wo nicht. Und es hat Gräben aufgerissen innerhalb unseres Genres.» Auf der anderen Seite habe es aber auch Solidaritätsaktionen gegeben von Künstlern für Künstler.

Aber nun geht es – zumindest teilweise – wieder los. Und Michael Volle ist glücklich, hier in der Garderobe des Zürcher Opernhaues zu sitzen. «Für mich ist das ein Heimkommen. Acht Jahre war ich hier unter Alexander Pereira fest im Ensemble. Für mich waren das ganz entscheidende Jahre. Es war der Start in die höheren Sphären meiner Karriere. Es gab grossartige Kollegen und Dirigenten. Das Haus ist relativ klein und die Atmosphäre war sehr familiär. Das ist übrigens an der Met ganz ähnlich: dort fühle ich mich auch sehr wohl. Aber das Haus hier in Zürich, das ist so ‘heimelig’, obwohl sich mit Andreas Homoki vieles verändert hat und verändern musste. Und dann die Stadt, die Lage, der See! Da habe ich meine Plätze, wo ich hin spaziere, es ist einfach ein Traum. Es ist wunderschön, wieder hier zu sein.» Michael Volle kommt richtig ins Schwärmen, zumal neue Projekte bereits in Arbeit seien.

Aber jetzt kommt erst einmal Boris Godunow auf die Bühne in der vielversprechenden Regie von Barrie Kosky und mit der vollen Stimme von Michael Volle.

Boris Godunow, Opernhaus Zürich, Premiere am 20. September 2020

Live-Streaming: 26. September 2020 18.30 Uhr www.opernhaus.ch/operfueralle

 

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren

«Belarus - ein Modell unserer Zukunft»

Reinhard Meier: Die belarussische Nobelpreisträgerin Swetlana Aleksijewitsch hat die russischen «Brüder» um Solidarität mit ihrem Volk gebeten. Die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja antwortete, Belarus sei ein «Modell unserer nahen Zukunft». Mehr…