Heilsbringer leben gefährlich

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Heilsbringer leben gefährlich

Von Urs Meier, 12.06.2017

Wer wie Macron auf einer Welle der Begeisterung surft, bekommt Gegenwind. Nicht immer auf faire Art.

Das Spiel geht so: Weckt ein Politiker oder eine Politikerin in der Anhängerschaft Begeisterung, so wird den Begeisterten in den Medien alsbald unterstellt, sie sähen in ihrem Idol einen Heilsbringer. Denn, so die Logik, wer jubelt, muss so naiv und dumm sein, einem Politiker unfehlbare Erkenntnisse und übernatürliche Kräfte zuzutrauen, ja, ihn oder sie als Person für makellos zu halten. Damit nicht genug: Die Medien suggerieren auch, der oder die Bejubelte beginne irgendwann an den eigenen Heilsbringerstatus zu glauben.

Den Rest kennt man. Bekommt das leuchtende Bild erste Schrammen, wird der angebliche Heilsbringer in Grund und Boden geschrieben. Für Medienleute, die so vorgehen, ist dieses Spiel eine sichere Sache: Sie behalten immer recht, können sich als abgebrühte Realisten gebärden und heimsen das Prestige kritischen Berichtens ein, ohne dafür journalistische Leistungen erbringen zu müssen.

Mit Emmanuel Macron verfahren manche Medien nach diesem eingespielten Muster. Es ist ein übles Spiel. Statt nach den politischen Gründen für Macrons Aufstieg zu fragen und sich kritisch mit den Zielen seiner Bewegung auseinanderzusetzen, werden Fallen präpariert, die irgendwann zuschnappen sollen.

Macron mag in manchem eine Ausnahmeerscheinung sein. Trotzdem bleibt er ein Politiker wie andere. Ein paar Fehler hat er ja schon gemacht; es werden kaum die letzten bleiben. Selbstverständlich soll er kritisiert und genau unter die Lupe genommen werden. Aber es müssen die üblichen Massstäbe gelten.

Kommentare

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"Unfair" ist vor allem das Wahlrecht in Frankreich: Macrons "Bewegung" hat bei nicht mal 50% Wahlbeitiligung nur gut 30% der Stimmen erhalten. Dennoch dürfte er sich auf eine satte Mehrheit in der Nationalversammlung stützen können. Das ist das grösste Problem in Frankreich – dass wiederum nur eine abgehobene Macht-Elite in Paris regiert, die eine Minderheit vertritt – und die breite Mehrheit von den wichtigen Entscheiden ausschliesst. Dass der neue Président zudem mit eigenmächtigen Dekreten am Parlament und am Volk vorbei regieren will, macht seine Regierung zu einem Regime, das auf sehr wackeligem Fundament steht. Zu hoffen ist darum, dass die Macroniens schon bald wieder "balayé" sein werden. N. Ramseyer, BERN

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