Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun? (1932)

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Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun? (1932)

Von Urs Bitterli, 12.12.2014

Die moderne Grossstadt ist das Thema vieler Romane der Zeit zwischen den Weltkriegen. In seinem bekanntesten Roman schildert Fallada das Berlin zur Zeit der Wirtschaftskrise von 1929.

Ein Jahr vor Hitlers Aufstieg zur Macht erschien in Deutschland ein Buch, das den Zustand des Landes nach der Weltwirtschaftskrise anschaulicher darstellte als jede Statistik oder soziologische Untersuchung. Der Verfasser nannte sich Hans Fallada, und der Titel des Buches enthielt eine Frage, die sich damals Millionen von Deutschen stellten: „Kleiner Mann – was nun?“

„Er glaubt denen gar nichts“

Erzählt wird die Geschichte von Johannes Pinneberg und seiner Freundin Emma Mörschel, genannt Lämmchen. Die beiden lieben sich, erwarten ein Kind und wollen heiraten; doch ihnen fehlt das Geld. Fallada schreibt: „Von weitem gesehen, sieht eine Ehe ausserordentlich einfach aus: Zweie heiraten, bekommen Kinder. Das lebt zusammen, ist möglichst nett zueinander und sucht vorwärtszukommen. Kameradschaft, Liebe, Freundlichkeit, Essen, Trinken, Schlafen, das Geschäft, der Haushalt, sonntags ein Ausflug, abends mal Kino! Fertig.“

Es ist dieses bescheidene Glück, das sich die beiden jungen Menschen ersehnen. Doch Pinneberg verliert seine Stelle. Er zieht mit Lämmchen aus der Provinz nach Berlin, um dort Arbeit zu suchen. Er hängt traurigen Gedanken nach:

„Ach, er ist ja nur einer von Millionen, Minister halten Reden an ihn, ermahnen ihn, Entbehrungen auf sich zu nehmen, Opfer zu bringen, deutsch zu fühlen, sein Geld auf die Sparkasse zu tragen und die staatserhaltende Partei zu wählen.  Er tut es und er tut es nicht, je nachdem, aber er glaubt denen nichts. Gar nichts. Im tiefsten Innern sitzt es, die wollen alle etwas von mir, für mich wollen sie doch nichts. Ob ich verrecke oder nicht, das ist ihnen ja so egal, ob ich ins Kino kann oder nicht, das ist ihnen so schnuppe...“

Billige Wohnung im Lagerschuppen

Der Hochstapler Holger Jachmann, ein Freund von Pinnebergs Mutter, einer aufgedonnerten Bardame, vermittelt dem jungen Mann eine Stelle in der Herrenkonfektionsabteilung eines Warenhauses. Pinneberg ist ein gutwilliger Angestellter. Er schliesst Freundschaft mit dem ersten Verkäufer Joachim Heilbutt. Aber die Arbeit ist miserabel bezahlt, und das Geschäft läuft schlecht. Jeden Abend wird abgerechnet und festgestellt, ob das Soll erreicht worden ist. Wer nicht genügt, wird entlassen. Auch hat die Firma einen „Organisator“ angestellt, der untersucht, wo noch rationalisiert und gespart werden kann.

Pinnebergs finden eine billige Wohnung im Lagerschuppen eines Tischlermeisters gleich neben einem Kino, und Lämmchen, obwohl hochschwanger, richtet sich tatkräftig ein und besorgt den Haushalt. Das Kind wird geboren. Es ist ein Junge; er wird „Murkel“ genannt. Die Eltern sind überglücklich, doch man muss an allem sparen, und es gibt Scherereien mit den Behörden.

Heilbutt verliert seine Stelle; denn man hat erfahren, dass er sich einen Nebenverdienst sicherte, indem er von sich Aktfotos herstellte und diese im Strassenhandel vertrieb. Das Warenhaus Mandel entlässt weiteres Personal; auch Pinneberg verliert seine Stelle. Lämmchen übernimmt Näharbeiten, und sichert so der kleinen Familie ein kümmerliches Überleben. Auch sie gibt sich düsteren Gedanken hin: „Wie kann man lachen, richtig lachen, in solcher Welt mit sanierten Wirtschaftsführern, die tausend Fehler gemacht haben, und kleinen entwürdigten, zertretenen Leuten, die stets ihr Bestes taten?“

„Armut ist Makel“

Das Elend verführt zu unlauteren Machenschaften. Heilbutt hat sich selbstständig gemacht und verdient viel Geld mit Aktfotos. Jachmann ist beim Falschspiel erwischt und ins Gefängnis gesteckt worden. Lämmchen kann ihren Mann nur mit Mühe davon abhalten, mit einer Diebesbande zusammenzuarbeiten. Ohne Arbeit und ohne Hoffnung geht Pinneberg allein und trübselig durch die Strassen. Er betrachtet sein verwahrlostes Ebenbild im Schaufenster eines Geschäfts und wird von einem Polizisten weggejagt.

„Und plötzlich“, schreibt Fallada, „begreift Pinneberg alles, angesichts dieses Schupo, dieser ordentlichen Leute, dieser blanken Scheibe begreift er, dass er draussen ist, dass er hier nicht mehr hergehört, dass man ihn zu Recht wegjagt: ausgerutscht, versunken, erledigt. Es war einmal. Arbeit und sicheres Brot. Es war einmal. Vorwärtskommen und Hoffen. Es war einmal. Armut ist nicht nur elend, Armut ist auch strafwürdig. Armut ist Makel, Armut heisst Verdacht.“

Einer von sechs Millionen

Der Roman „Kleiner Mann – was nun?“ kennt kein Happy End. Pinneberg kommt eines Abends nach Hause, gedemütigt und verzweifelt. Es ist dunkel, die Sterne funkeln. Lämmchen erwartet ihn. Und beiden bleibt zuletzt nur noch eine Hoffnung: ihre Liebe und ihr Kind, der „Murkel“. Der Roman schliesst mit den Worten: „Es ist das alte Glück, es ist die alte Liebe. Höher und höher, von der befleckten Erde zu den Sternen.“

In einem Brief an seinen Verleger Ernst Rowohlt hat Fallada den Inhalt seines Romans kurz und bündig so zusammengefasst: „Ehe und Wehe von Johannes Pinneberg, Angestellter, verliert seine Stellung, bekommt eine Stellung, wird endgültig arbeitslos. Einer von sechs Millionen, ein Garnichts, und was der Garnichts fühlt, denkt und erlebt.“

Elend als Schicksal

Hans Falladas Roman fand sofort reissenden Absatz. Innerhalb eines Jahres wurden 80’000 Exemplare verkauft und zahlreiche Übersetzungsrechte vergeben. Dieser Erfolg erstaunt nicht. Der Autor hatte den einfachen Leuten auf den Mund geschaut und ihre Sprache geschrieben. Er kannte ihren Alltag, kannte ihre Sorgen. Hans Fallada ist ein unpolitischer Autor. Die Wirtschaftskrise erscheint in seiner Darstellung nicht als Bankrott des kapitalistischen Systems und nicht als ein durch Menschen verursachtes, von ihnen zu verantwortendes Unglück. Sie erscheint weit mehr als Schicksal, dem man sich vergeblich entgegenstemmt und dem man sich schliesslich fügt.

Wir sind hier weit von jenem sozialistischen Realismus entfernt, der in Gorkis „Mutter“ darauf abzielte, den Weg zur politischen Tat zu ebnen. Die beiden Protagonisten des Romans, der gutwillige, aber weiche Johannes Pinneberg und seine lebenstüchtigere Frau Emma denken nicht daran, die Welt zu verändern. Nationalsozialismus und Kommunismus werden im Roman zwar erwähnt, stellen für Pinnebergs aber keine Versuchung dar.

Tadel von rechten und linken Rezensenten

Das junge Paar tritt vielmehr die Flucht in die Innerlichkeit ihrer gegenseitigen Zuneigung an. Die tröstliche Botschaft, die Fallada seinen Lesern anzubieten hat, besteht in der Hoffnung, dass da, wo zwei sich wirklich lieben, dem Unglück Grenzen gesetzt sind. Die Rezensenten empfanden das Buch denn auch weniger als Sozialkritik denn als Trostbotschaft. So etwa Jakob Wassermann, der feststellte, man habe nach der Lektüre den Eindruck, „ein Volksmärchen“ gelesen zu haben.

Es wundert nicht, dass rechtsradikale und linksradikale Rezensenten an Falladas Buch tadelten, dass die Protagonisten nicht die Kraft fänden, sich gegen den Staat aufzulehnen. Hans Johst, später der wichtigste Kulturfunktionär des NS-Staates, stellte fest: „Nicht dieses lasche Mitleid mit den wehrlosen Opfern ihrer Umwelt, sondern das Leiden wehrhafter Charaktere gilt es endlich wieder einmal zu gestalten.“ Und eine sozialistische Kritikerin schrieb: „Wie wird dieser kleine Mann Johannes Pinneberg den rechten Weg finden? Wird er begreifen, dass der Boden schwankt auf dem er steht, dass er sich einreihen muss in den Kampf der Millionen, die diese ungerechte Ordnung umgestalten wollen?“

Falladas turbulente Vita

Hans Falladas Leben war ähnlich turbulent wie die Zeit, in der er lebte. Er wurde 1893 als Sohn des Landgerichtsrats Dietzen in Greifswald geboren. Kindheit und Jugend waren von gesundheitlichen und psychischen Problemen überschattet, der Jugendliche aus gutbürgerlicher Familie war drogensüchtig und wurde wegen Unterschlagung zu Haftstrafen verurteilt. Einen ersten Erfolg hatte Fallada mit dem Roman „Bauern, Bonzen und Bomben“, in dem es um Bauernunruhen in Schleswig Holstein und einen korrupten Kommunalpolitiker geht.

Im Jahre 1928 trat er der sozialistischen Partei bei und wurde 1933 vorübergehend von der SA verhaftet. In weiteren Romanen wie „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ und „Wolf unter Wölfen“ konnte sich Fallada zwar die Gunst einer breiten Leserschaft erhalten, galt aber bei der Hitler-Partei als „unerwünschter Autor“. Er lavierte zwischen Anpassung und Widerstand, fand sich zu Konzessionen bereit, bezog erhebliche Einkünfte vom Propagandaministerium, blieb aber ein sperriger und verdächtiger Autor.

Der psychischen Belastung hielt der labile Charakter nicht stand, und Fallada wurde gegen Kriegsende in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Nach dem Krieg suchte der Präsident des Kulturbundes der DDR, Johannes R. Becher, Fallada in seine Dienste zu nehmen. Er liess ihm Gerichtsakten zum nationalsozialistischen Hochverratsprozess gegen zwei Gegner des Regimes aushändigen, und Fallada verfasste auf Grund dieses Materials den erneut erfolgreichen Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Der Schriftsteller starb 1947 in Ostberlin.

Parallelen zu Döblins „Berlin Alexanderplatz“

Wer von Falladas Roman „Kleiner Mann - was nun?“ spricht, sollte einen andern Roman erwähnen, der zur gleichen Zeit erschien und ebenfalls in Berlin spielt: Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. In beiden Romanen wird Berlin aus der Perspektive des kleinen Mannes gesehen. Bei Fallada ist die Hauptstadt die Kulisse, vor der sich die Handlung abspielt. Bei Döblin erscheint das labyrinthische Pandämonium der Metropole als Hauptfigur. Gezeigt wird, wie Franz Biberkopf, ein im Grunde gutartiger, aber schwacher Mensch, gegen die Versuchungen des Molochs Berlin ankämpft, unterliegt und sich immer wieder aufrappelt.

Döblins Werk ist literarisch anspruchsvoller und formal innovativer. Doch beide Werke zeigen, was deutsche Sprache zu leisten vermochte, bevor die Nationalsozialisten sie ihrer Zensur unterwarfen und in den Dienst ihrer Propaganda stellten.

 

 

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