Haltlose Zensurvorwürfe

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Haltlose Zensurvorwürfe

Von Heiko Flottau, 22.06.2017

ARD und Arte haben einen Film über Antisemitismus gesendet, dessen Inhalt und Machart nach Einschätzung der Redaktionen journalistischen Standards nicht entsprach.

Ein wohl einmaliger Vorgang. Der deutsch-französische Kultursender Arte hatte zusammen mit dem Westdeutschen Rundfunk Köln (WDR) einen Film über den wachsenden Antisemitismus in Europa in Auftrag gegeben. Ein ausserordentlich löbliches Unterfangen. Jedoch: als der Film fertig war, sahen die Redakteure unter dem Titel „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ ein Machwerk, das dem ursprünglichen Auftrag in keiner Weise entsprach und so viele handwerkliche und inhaltliche Mängel aufwies, dass sich zunächst der französische Fernsehdirektor Alain Le Diberder von Arte und danach auch der WDR gezwungen sahen, den Film nicht zu senden.

Bildzeitung in der Bresche

Doch in der Welt der so genannten sozialen Medien und der Boulevardpresse können Redaktionen, insbesondere öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten, offensichtlich nicht mehr souverän entscheiden, ob ein journalistischer Beitrag wegen erheblicher Mängel nicht ins Programm kommt. Denn zunächst beklagte der deutsche Historiker Götz Aly in einem Beitrag der Berliner Zeitung vom 2. Mai 2017 die Tatsache, dass der Film nicht ausgestrahlt werden solle. Dann kam der Streifen auf wundersame Weise auf die Website der Hamburger „Bildzeitung“ und stand dort einige Zeit zur Ansicht frei.

Nun war die Sache endgültig an der breiten Öffentlichkeit, der Druck auf Arte und den WDR wuchs. Der Streifen wurde dann am gestrigen Mittwochabend um 22.15 Uhr im Gesamtprogramm der ARD und später auf Arte gesendet. Anschliessend gab es eine Diskussion unter Leitung der Moderatorin Sandra Maischberger.

Absichtsvolle Verwirrung der Begriffe

Zunächst zum Verhalten von Arte und WDR. Bisher war es üblich – und so sollte es auch in Zukunft sein –, dass Redaktionen einen Beitrag dann nicht senden, wenn dieser offensichtliche journalistische Mängel aufweist. Ein solches Vorgehen hat nichts mit Zensur zu tun, sondern mit Respekt vor dem Zuschauer, der Anspruch darauf hat – besonders bei öffentlich-rechtlichen Sendern –, dass er gut recherchierte Dokumentationen zu sehen bekommt.

Merke: Zensur kann nur ein Staat oder eine staatliche Behörde ausüben, nicht aber eine Redaktion. Natürlich gibt es die berühmte „Schere im Kopf“, die dann zuschnappt, wenn Redakteure für den Fall der Aussendung eines Beitrages Proteste von Interessenverbänden oder politischen Parteien fürchten. Eine solche Situation lag aber im Falle der Arte/WDR-Dokumentation kaum vor.

Auch hatte die ursprüngliche Ablehnung des Films nichts mit Unterdrückung von Meinungen zu tun. Antisemitismus und Rassismus sind stets und in jeglicher Form zu verurteilen. Nur: auch ein Film, der sich dieses Themas annimmt, muss journalistischen Standards entsprechen. Schlichte Tatsache ist: Arte und WDR wurden von nicht befugter Seite genötigt, einen Film auszustrahlen, der journalistischen Standards nicht entsprach. Eine sehr bedenkliche Entwicklung.

So kam es zu einer wundersamen, wohl einmaligen Situation. Arte und ARD sendeten einen Film, in den die Redaktionen immer wieder Korrekturen oder Stellungnahmen einblendeten – etwa eine Passage, in der mitgeteilt wurde, dass die von den Autoren kritisierten Personen leider nicht um eine Stellungnahme gebeten wurden. Zudem sah der Zuschauer am unteren Bildrand fast ständig eine Laufschrift mit dem Hinweis, dass es weitere Informationen und Klarstellungen unter www.doku-faktencheck.wdr.de gebe. Dort stellten WDR und Arte insgesamt 32 Korrekturen und eigene Stellungnahmen ins Netz.

Wirr und einseitig

Zum Film. Bestellt war ein Beitrag über Antisemitismus in Europa. Herausgekommen aber ist ein eher wirrer Beitrag über Antisemitismus in der muslimischen Welt, in weiten Teilen gedreht in Israel und den palästinensischen Gebieten. Auch ein solcher Film hätte seine Verdienste, wenn, ja wenn man darin auch den beständigen völkerrechtswidrigen israelischen Siedlungsbau, die Diskriminierung der Palästinenser an den Dutzenden von Israel errichteten Checkpoints im Westjordanland und die Behinderung der Reisefreiheit der Palästinenser gezeigt hätte.

Denn die seit 50 Jahren andauende Besatzung des palästinensischen Gebietes durch Israel ist eine der Hauptursachen für den neuen Antisemitismus in der arabischen Welt. Auch hätte es sich in diesem Fall angeboten, die grosse jüdische Philosophin Hannah Arendt zu zitieren. Diese hatte sich nach 1945 durchaus für die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina ausgesprochen, hatte aber angemahnt, man müsse mit den Palästinensern zu einer friedlichen Übereinkunft kommen, andernfalls sich der neue jüdische Staat stets in einer „Wagenburgmentalität“ befinden werde.

Ausführlich – und vollkommen unkritisch – wird in dem Film der ehemalige israelische Generalstabschef Rafael Eitan vorgestellt, der unwidersprochen behauptet, im Grunde habe es im israelisch-arabischen Krieg von 1948/49 keine Vertreibung der Palästinenser gegeben. Unerwähnt bleiben etwa die israelischen Historiker Benny Morris und Ilan Pappe, die ganz klar die Vertreibung von Hunderttausenden von Palästinensern dokumentiert haben. Ilan Pappe etwa hat ein auch auf deutsch aufgelegtes Buch unter dem Titel „Die ethnische Säuberung Palästinas“ geschrieben.

So wurde der Film, der Antisemitismus in Europa darstellen sollte, zu einem antipalästinensischen Beitrag, in welchem, ohne die Ursachen zu nennen, der neue muslimische Antisemitismus erörtert wurde.

Verteidiger verschweigt Mitwirkung am Film

Schliesslich die Diskussion unter Leitung von Sandra Maischberger. Zunächst gab es ein Rededuell zwischen WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn und dem Historiker Michael Wolffsohn. Dieser fand den Film absolut hervorragend, teilte aber nicht mit, dass er persönlich als Berater an dem Film mitgewirkt hatte. Schönenborn verteidigte zu Recht die journalistischen Standards, die ein öffentlich-rechtlicher Sender im Interesse der Zuschauer anzulegen habe und die der Film nicht erfüllt habe.

Wolffsohn, häufiger Gast in deutschen Talkshows (gibt es denn niemand anderen?) hatte zweimal nichts weiter mitzuteilen, als sich ziemlich süffisant bei Schönenborn für die ungewollte Publicity zu bedanken, welche die ursprüngliche Ablehnung des Beitrages erzeugt habe. Schönenborn war mutig genug, sich dieser Diskussion zu stellen – wo er doch eigentlich zunächst nur dem WDR-Fernsehrat Rechenschaft hätte geben müssen. Es war schon ein einmaliges Schauspiel, dass sich ein renommierter Fernsehmann dem Versuch ausgesetzt sah, sich von einem Historiker wie Wolffsohn vorführen zu lassen, der einst die Androhung von Folter befürwortet hat, um islamistische Terrorverdächtige zum Reden zu bringen.

Israelkritik ist nicht Antisemitismus

Die anderen Vertreter der Maischberger-Runde – Rolf Verleger, ehemaliges Mitglied des Zentralrates der Juden, Gemma Pörzgen, ehemalige Nahostkorrespondentin, Norbert Blüm, ehemaliger bundesdeutscher Arbeitsminister und häufiger Israelkritiker, sowie Ahmed Mansour, arabischer Israeli, Psychologe und Autor, konnten sich auf eine wesentliche Frage nicht einigen. Verleger, Blüm und Pörzgen machten deutlich, dass weder Kritik an Israel noch eine gewisse Art des Antizionismus mit Antisemitismus gleichzusetzen seien. Michael Wolffsohn dagegen mischte mehr oder weniger alles in einen Topf, beschwerte sich generell über ARD und Arte und monierte, dass zwar Israel ständig kritisiert werde, Menschenrechtsverletzungen in Zentralafrika aber kaum Erwähnung fänden. Nur: die deutsche Bundesregierung hat Israels Sicherheit zur Staatsraison erklärt, nicht aber die Sicherheit der Staaten Zentralafrikas.

Fazit: zumindest gelegentlich sollte man dem journalistischen Sachverstand öffentlich-rechtlich arbeitender Redakteure glauben und es ihnen abnehmen, wenn sie einen Film für nicht ausstrahlungswürdig erachten. Der Beitrag „Ausgewählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ war in der vorliegenden Form nicht sendefähig. So muss man leider konstatieren: schade um die Produktionskosten, schade um den Abend, besonders aber schade um die vertane Chance.

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Kommentare

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Ich muss sagen, dass ARTE und WDR sich durch die Weigerung, die Sendung so zu akzeptieren, mein Vertrauen in ihre Professionalität bewahrt haben.
Sie bringt viele Bilder (= "Fakten"?), jedoch in tendenziös einseitiger Auswahl / Interpretation. Diverse Interviews beider Seiten hätten sehr wohl zur Förderung gegenseitigen Verständnisses eingesetzt werden können, dürften in ihrer Einseitigkeit aber lediglich einer Verschärftung der Auseinandersetzung dienen. Propaganda halt, kein Erkenntnisgewinn und schon gar keine Grundlage für die Förderung konstruktiver Konfliktlösung.

Ich empfinde diesen Artikel als eine haltlose Daemonisierung von Israel.

Im Artikel sind etliche unhaltbare Behauptungen, die nicht der Wahrheit und den Tatsachen entsprechen.

„Denn die seit 50 Jahren andauende Besatzung des palästinensischen Gebietes durch Israel ist eine der Hauptursachen für den neuen Antisemitismus in der arabischen Welt.“ Herr Flottau möchte mit diesem Satz Israel die Hauptschuld am arabischen Antisemitismus und dem damit eng verbundenen Terror geben. Gut, das mag seine Meinung sein. Aber, er stellt sich damit gewollt oder ungewollt, auf die Seite der Araber / Palästinenser, wie wir im Film anlässlich der Rede vor dem Europaparlament im Juni 2016 auch aus dem Munde von Präs. Abbas erfahren durften. „... doch, sobald diese Besatzung endet, werden die Ausreden verschwinden, dann werden der Terrorismus, die Gewalt und der Extremismus auf der ganzen Welt und im Nahen Osten, sowie in Europa und den anderen Erdteilen enden.“ Die Aussage als Frage formuliert zu haben, wäre korrekt gewesen, hier wird aber statt dessen ein Faktum geschaffen.
Schade, dass der Inhalt des Films durch die 32 Einblendungen viel an Aufmerksamkeit verlor, ich denke, jeder mündige Bürger wäre in der Lage, sich im „Faktencheck“ kundig zu machen. So geriet ein wichtiges, wenngleich journalistisch vielleicht nicht perfektes Dokument zu einer Filmvorführung mit mangelhaften und störenden Untertiteln.

Der gesamte Vorgang ist beeindruckend, bis hin zu der Dominanz des WDR-bashings (Fratze etc) in allen (sozialen) Medien. Offensichtlich läuft hier die Operation, muslimischen oder palästinensischen Hass auf Israel, politische Kritik der europäischen Linken an Israel, journalistische Sorgfalt und islamistischen Terror ununterscheidbar in einen antisemitischen Topf zu werfen.
Das ist sicher nicht neu. Was mir neu anmutet, ist die Schnelligkeit, Breite und Entschlossenheit, mit der der WDR und ARTE hier zum Abschuss als antisemitische Lügner freigegeben werden.

Schlussendlich fand ich diesen Film mit den eingeschobenen Untertiteln durchaus interessant. Mein Fazit: es war die größte politische Fehlentscheidung Israels, nach dem 7.Tage Krieg nicht wieder die besetzten Gebiete zu räumen und die Aufgabe der Friedenssicherung an die UNO zu übergeben. Jetzt nach 50 Jahren militärischer Besatzung ist in der muslimischen Welt und ebenso bei linken europäischen Gruppierungen ein kaum noch entflechtbares Amalgam von Judenhass und Israelhass entstanden.

Jörg Schönenborn ist zu loben, bei der mehrmals und süffisant, recht peinlich aufdringlich untenommenen Vorführung (!) durch Michael Wolffsohn, den "unehrlichen Protagonisten", weil verschwiegener Mitarbeiter an einer Dokumentation, die eher an Propaganda denn an Aufklärung denken lässt, nachdenkliche Ruhe bewahrt zu haben. Schönenborn hat nichts zu verbergen, denn er erfüllt seine Aufgabe zur Wahrung der Qualität des Senders. Man konnte Sandra Maischberger mehrfach ansehen, wie sie der Oberlehrer-haften Doziererei Wolffsohns Herrin zu werden versuchte, jedoch, der Chutzpe des Wolffsohn war weder sie, noch der sachlich argumentierende Rolf Verleger, ja selbst die erfahrende Journalistin Gemma Pörtgen gewachsen. Norbert Blüm jedoch konnten weder Wolffsohn noch Mansour sachliche Antworten geben, sie gingen einfach nicht auf die von ihm vorgetragenen vielfachen Erfahrungen ein. Über die Rolle des "Isralischen Arabers" Ahmed Mansour in der Runde in der bundesrepublikanischen Realität, da kann der verblüffte Zuschauer nur Vermutungen anstellen, als umworbener "arabischer" Student an der Universität Haifa hat es ihm wahrlich nicht an Gelegenheiten gemangelt, seine wohl eher aus einem verunglückten Vater-Sohn-Komplex begründete infantile "Antisemitismus-Erfahrung" an den Erfahrungen des Lebens unter Besatzung (wenige km. östlich, im Westjordanland) am von ihm beschriebenen "arabischen Antisemitismus" zu messen. So könnte Mansour dem interessanten Zuschauer erklären, dass ein Palästinenser Juden in aller Regel ausschließlich als Besatzer und Unterdrücker, als Vertreter der Staatsmacht des "jüdischen" Israel kennen lernt. Böte es sich da für Mansour, in Israel und auch in seiner Wahlheimat Deutschland, nicht an, die Jugendlichen, um die er sich besorgt zeigt, über den Unterschied zwischen Ideologen und Unterstützern eines "jüdischen" Besatzungs- und Unterdrückungsregims und, auf der anderen Seite den universellen Menschenrechten verpflichteten Juden, wie z.B. Professor Verleger, aufzuklären. Schnell wäre der Gordische Knoten des aufflammenden Antisemitismus unter diesen Jugendlichen gelöst. Genau das aber unterlässt der Psychologe Mansour sträflich, denn seine gut-eineübte These des "arabischen Antisemitismus", auch in Berlin und in anderen Städten Deutschlands, würde schnell wie ein Kartenhaus in sich zusammen brechen. Diese Widersprüche hätten in der Diskussion um den Film geklärt werden können, wenn, ja wenn nicht Mansour und Wolffsohn auf erdrückende Weise die Debatte bei Frau Maischberger an sich gerissen hätten. Das hatte Wolffsohn aber bereits in seinem bewusst als "Vorführung" Jörg Schönenborns angelegten Vorgespräch erkennen lassen. Damit hat sich Wolffsohn als unehrlicher Diskuttant entlarvt. Ich frag mich wirklich, warum Wolffsohn, der nicht unabhängiger Beobachter ist, sonden Partei nach der Regel "Good or Bad, My Country", überhaupt eingeladen wurde.
Noch eine Frage stellt sich dem Beobachter: Wer war (oder waren) diejenigen, die sich angeschickten - erfolgreich! -, erprobte Regeln der Medien-Kultur, nämlich der Urteils- und Entscheidungskraft zweier wichtigen Redaktion (WDR und ARTE) zu durchbrechen? Es ist zu wünschen, dass hier Ross und Reiter genannt werden.

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