Hallo! – Ein Ruf über den Fluss

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Hallo! – Ein Ruf über den Fluss

Von Urs Meier, 08.11.2019

Das kleine Wort ist aus dem Alltag nicht wegzudenken. Es schafft Kontakt und wahrt zugleich Distanz. Das ist genau, was man im betriebsamen urbanen Leben braucht.

Hallo gehört zur Klasse der Einwurfswörter – so übersetzt sich der sprachwissenschaftliche Begriff Interjektion. In der Tat wird es hineingeworfen in Begegnungssituationen oder jemandem zugeworfen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Interjektion «Hallo!» ist im Alltag unentbehrlich als Gruss an Unbekannte oder an Menschen, deren Namen man vergessen hat. Es dient auch als unverfängliche Grussformel für die Fälle, da man nicht sicher ist, ob ein Sie oder ein Du erwartet wird. Und es ist praktisch, um Fremde auf fallen gelassene Handschuhe hinzuweisen.

Kein Wunder, gibt es ein solches Wort anscheinend in sehr vielen Sprachen. Und zumindest zwischen den meisten indogermanischen Idiomen stösst man auf keine Sprachbarrieren: hallo, hello, allô, hola, olá, alo, hallå – so heisst es auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Rumänisch, Schwedisch.

Doch was bedeutet das Wörtchen eigentlich? Im Mittelhochdeutschen ist die sprachliche Wurzel noch klar. Das «hola» gehört zum Verb «holen». Mit dem Ruf «hola!» (mit langem a) hat man einst den am anderen Flussufer auf Passagiere wartenden Fährmann auf sich aufmerksam gemacht. Im Neuhochdeutschen ist daraus das bekannte «Hol’ über!» geworden.

Das Wörtchen «hallo» ist demnach ein Abkömmling des Rufs über den Fluss an den Fährmann. Diese Reminiszenz kann jedes «hallo!» in ein zauberhaftes Licht stellen, indem sie den Einwurf mit einem inneren Bild verbindet. Man stelle sich einfach vor, es brauche für das Ankommen des kurzen Grusses oder Zurufs einen Fährdienst, für den man nun übers Wasser ruft – im Vertrauen darauf, dass der Fährmann oder die Fährfrau einen hört und über den Fluss kommt.

Kommentare

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Ah, darum. Das schweizerische Grüetzi und Sali dürfte gegen Hallo noch eine Weile bestand haben, und bloss "Hoi" wird nur in Thailand tunlichts vermieden, benennt es doch auf vulgärste Art Muschel.

Stimmt, in Deutschland hat die jahrzehntelang übliche Begrüssung/Verabschiedung von "Grüss Gott"/ "Auf Wiedersehen" zum kumpelhaften "Hallo"/ Tschüss mutiert. Und dies weitherum, auch zwischen erwachsenen Personen, die sich nicht kennen. Beispielsweise an Bank-, Bahn- Postschaltern. Immerhin wirkt diese neumodische Begrüssungskultur vor Gericht und bei Beamtenbewerbungsgesprächen negativ.

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