God’s Own Country

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God’s Own Country

Von Bernard Imhasly, 29.08.2018

Die Kombination einer Flut- und Erdrutschkatastrophe hat den Bundesstaat Kerala schwer mitgenommen. Sie löste eine kollektive Hilfsbereitschaft aus, die ebenso beispiellos ist.

Der populäre Slogan von Keralas Tourismusindustrie, „God’s Own Country“, hat eine neue Variante bekommen: „God’s Own Havoc“. Vier Tage ununterbrochener und heftiger Niederschläge haben in der zweiten Augustwoche im ganzen Staat noch nie gesehene Verheerungen angerichtet: mit über 370 Toten und einer Million Obdachlosen. Der Gesamtschaden wird auf drei Milliarden Dollar geschätzt.

Fatale Faktoren

Die Topografie des langgezogenen Bundesstaats bildet, mit seinem Nebeneinander von flacher Küste und Bergzügen, von Teegärten und Backwaters einen soliden Trumpf für seinen Fremdenverkehr. Bei den Wolkenbrüchen wurde daraus ein doppelter K.o.-Schlag. Die Bergregion ist weitgehend entwaldet, und ihr intensiver Plantagenbau – Tee, Kaffee, Kautschuk – stabilisiert die Böden nur geringfügig. Das Gelände rutschte weiträumig ab und riss Strassen und Häuser, Teegärten und Felsgruppen in die Tiefe – und mit ihnen Menschen, Tiere, Hab und Gut.

Die Tiefebene wurde zusätzlich zu den eigenen Regenmassen durch die Abflüsse der Bergregion überschwemmt. Erschwerend kam hinzu, dass die 36 Dämme in den Taleinschnitten der Western Ghats, wie immer nach zwei Monaten Monsun, bereits randvoll waren. Wie sich rasch herausstellte, kennt Kerala (und ganz Indien) keine integrierte Kontroll- und Befehlsstruktur zur Regulierung der Stauanlagen. Jeder Dammwächter öffnete die Schleusen, manchmal sogar ohne Warnung an die Bewohner im Einzugsgebiet darunter.

Im Mündungsgebiet der Flüsse trug ein weiterer Monsun-Faktor dazu bei, dass die Regenfälle zum Perfect Storm anwuchsen. Der saisonale Anstieg des Meeresspiegels, ohnehin bereits höher aufgrund des globalen Klimawandels, trug Salzwasser bis tief ins Mündungsgebiet und verhinderte eine rasche Entwässerung der Flüsse.

Schock und Hilfsbereitschaft

Als wäre dies nicht genug, überzieht dieser Sturm den dichtest bevölkerten Bundesstaat Indiens. Es ist zudem, dank den Geldüberweisungen der Arbeitsmigranten in Mittelost, dessen reichster und liegt mit 2600 US-Dollar Pro-Kopf-Einkommen um 60 Prozent über dem Landesmittel. Viele Auslandsarbeiter legen ihr Erspartes in Wohnhäusern an. Es wird in grösster Dichte und Intensität gebaut, unbekümmert um rechtliche oder bodenstatische Hindernisse.

Der Bau- und Immobiliensektor ist für Kerala wirtschaftlich weit wichtiger als die Landwirtschaft und  der Tourismus. Der Hunger nach Wohn-„Sicherheit“ hat den Gesteinsabbau in den Bergen hochgetrieben, denn die Küstenregion schwimmt eigentlich auf Wasser und weist kaum Gesteinsschichten auf. Viele der zahllosen Steinbrüche wurden nun zum Ausgangspunkt für Erdrutsche.

Noch nie hatte sich eine derartig ungünstige Konstellation ergeben. Umso grösser war der Schock in der Bevölkerung. Doch das sofort geschaffene und weit herumgereichte Wortspiel von „God’s Own Havoc“ war ein frühes Indiz, dass er nicht Lähmung, sondern ein Aufbäumen dagegen auslöste. Statt der Beschränkung auf die Sicherung der eigenen Existenz kam es zu einer Flut privater Hilfeleistungen, die ebenso unerwartet wie beispiellos war.

Gegen Resignation

Es begann mit Fischerleuten, die hunderte ihrer Boote in die Backwaters steuerten und Menschen aus ihrer Notlage retteten. Angehörige der christlichen und muslimischen Gemeinden stellten auf verschonten Bodenerhebungen – oft kirchliche Standorte – Notlager auf. Diese dienten zusätzlich als Sammelpunkt für ein Füllhorn von Sachgütern (denn Geld ist in einem Land mit endemischer Korruption eine verpönte Hilfsgeste).

Überall stapelten sich Decken, Saris, Hüfttücher, Sandalen, Büchsennahrung, Reissäcke, Wasserkanister, Medikamente. Ärzte schlossen ihre Praxen und meldeten sich in den Auffanglagern, IT-Teams organisierten die Logistik für die Bedarfsfeststellung und Verteilung, Staatsangestellte schlossen sich den Teams der Disaster Relief Force an, um diesen bei den Örtlichkeiten und mit Sprachkenntnissen beizustehen. Elektriker, Installateure, Schreiner taten sich zusammen und wurden dort aktiv, wohin Koordinatoren – private oder staatliche – sie schickten.

Zeitungen, Radio- und Fernsehkanäle wurden zu interaktiven sozialen Netzwerken. Fernsehkanäle stellten die für Werbung reservierten Time Slots für Appelle und Durchsagen zur Verfügung, Radiosendungen wurden zu Helplines. Statt Verzweiflung und Anklagen entwickelte sich eine beinahe euphorische Bewegung. Eine Journalistin des Fernsehkanals Manorama News erzählte der Zeitung Mint: „Wir trafen schon früh einige Entscheidungen. Eine war: Drei Worte werden wir nicht in den Mund nehmen – Beethi, peti, ashaya“ – Furcht, Verzweiflung, dunkle Vorahnung.

Entwicklung und Nachhaltigkeit

Die zahllosen Geschichten individuellen und kollektiven Engagements zeigten in ganz Indien Wirkung. Ärzte-Gruppen aus Mumbai flogen spontan nach Kerala; Cloud9, eine NGO aus Chennai, die auf die Rettung von Haustieren spezialisiert war, schickte mehrere Teams; Amazon India richtete im ganzen Land Sammelzentren ein, verschiffte und verteilte Hilfsgüter, die von Oxfam und World Vision als besonders dringlich erkannt wurden. Religiöse Organisationen öffneten ihre Kirchen (und Geldbeutel).

Auch der Staat wurde von diesem karitativen Fieber erfasst. Distriktverwalter koordinierten Hilfsströme, organisierten Notstrom-Aggregate, appellierten an NGOs im ganzen Land, die sich auf den Toilettenbau spezialisieren. Auch der Chefminister des Staats sprach nicht so sehr von der Katastrophe, sondern von der Chance, die diese nun biete, ein „Neues Kerala“ zu bauen – eines zum Beispiel, das die schwierige Balance zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und ökologischer Nachhaltigkeit besser in den Griff bekomme.

Die Economic Times fragte am letzten Wochenende, was diesen beispiellosen Einsatz wohl erkläre, der so verschieden sei von der Leidensbereitschaft, mit der Inder sonst auf Naturereignisse reagierten. Der Kolumnist T. K. Arun meinte, es sei der politischen Emanzipation seiner Bewohner zu verdanken. Statt wie sonstwo geduldig auf die Intervention des Staats zu warten, hätten die Malayalis gelernt, Rechte und Pflichten auch einzufordern.

Einigende Not

Er erwähnt die weltweit wohl einzigartige Dichte von Gewerkschaften und Interessegruppen, die den oft von Kommunisten regierten Staat auszeichneten. Jede Berufsgattung hat ihre lokalen Berufsvereinigungen, und seien es die Kokospflücker, die Tagelöhner, die Krankenschwestern, die Eisenbahnpassagiere, die Fischer und die Korbflechter, die Strassenwischer und Busfahrer.

Warum ist Kerala dennoch ein Staat mit immensen wirtschaftlichen Problemen, mit der höchsten Arbeitslosigkeit des Landes? Weil jede Interessengruppe, schreibt Arun, nur ihre Partikularinteressen wahrnehme, „eine emanzipierte Gesellschaft, die unfähig ist, als Kollektiv zu arbeiten“.

Die Flut- und Erdrutschkatastrophe hat auf einmal eine Herausforderung geschaffen, damit sich alle einigen können. Aji Matthew, einer der Ärzte, der seine Praxis schloss und das nächste Camp aufsuchte, sagte gegenüber einem Zeitungsreporter: „I will not remember this year for the devastating floods. I will remember these extraordinary acts of bravery and kindness by ordinary people. It will inspire us to be better citizens in God’s own country.“

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