Gewalttätiger Buddhismus

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Gewalttätiger Buddhismus

Von Peter Achten, Peking - 15.08.2013

Buddhismus ist im Westen als Doktrin der Liebe, des Mitleids und der Gewaltlosigkeit Mode geworden. Doch das Bild des buddhistischen Friedens wird rissig. In Myanmar und Sri Lanka hat eine gewaltbereite Form des Buddhismus Zulauf.

In der Stadt Sittwe im Südwesten Myanmars nahe der Grenze zu Bangladesh lebten die buddhistische Mehrheit und die muslimische Minderheit seit weit über hundert Jahren mehr oder weniger friedlich mit- und oft nebeneinander. Doch letztes Jahr kam es in der Hauptstadt der Rakhine-Provinz zu schweren Unruhen. Die muslimischen Rohingyas wurden von der buddhistischen Mehrheit gewaltsam vertrieben. Zweihundert Tote und über 150‘000 Vertriebene waren das Resultat.

Die Rohingyas sind in Myanmar als angeblich neu Zugewanderte recht- und staatenlos. Wer nicht beweisen kann, dass er vor 1823 – also dem Beginn der britischen Kolonialzeit – eingewandert ist, bleibt zeitlebens ein Paria. Die Rohingyas können nirgendwohin, denn auch das benachbarte Bangladesh weigert sich, sie aufzunehmen.

Buddhistischer Chauvinismus

Was lange als regionaler Konflikt galt, hat im März dieses Jahres, angefacht von buddhistischen Ultranationalisten, in weiten Teilen Myanmars eine Welle von Gewalt gegen Muslime ausgelöst. Angeführt wird die chauvinistische Bewegung von Ashin Wirathu. Der Mönch sass während der Herrschaft der Militärs acht Jahre im Gefängnis wegen seiner radikalen Ansichten und wegen «Verbreitung von Hass».

Jetzt, im schnellen Übergang zur Demokratie profitiert der Mönch aus Mandalay, dem religiösen Zentrum des Landes, von der neuen Rede- und Versammlungsfreiheit. Wirathu nimmt denn auch kein Blatt vor den Mund. «Du kannst voller Liebe und Zuneigung sein», sagte der Mönch neulich vor Tausenden von Anhängern, «aber Du kannst nicht neben einem räudigen Hund schlafen». Damit meinte er die Muslime, die er durchwegs als «Feinde» apostrophiert. Er nenne die Muslime Unruhestifter, weil sie eben Unruhestifter seien.

Politisches Kalkül und Spiel mit Ängsten

Stolz sei er auch, als Radikaler apostrophiert zu werden. Damit nimmt Wirathu Bezug auf die politische Situation. Für die nächsten Parlamentswahlen im Jahre 2015 nämlich kann er auf Zuspruch von vielen Seiten zählen. Die Regierung von Präsident Thein Sein tut nicht allzuviel, um Wirathu zu zügeln.

Vor allem kleinere Parteien, die zwischen der Regierungspartei und der von Aung San Suu Kyi geführten Oppositionspartei «Nationale Liga für Demokratie» zerrieben zu werden drohen, unterstützen die hetzenden Ultranationalisten. Selbst Friedensnobelpreisträgerin und Buddhistin Aung San Suu Kyi hat sich zur Gewalt gegen Muslims im allgemeinen und zur Causa Rohingya im besonderen nicht klar und eindeutig ausgesprochen. Nicht von ungefähr, will sie doch die Wahlen gewinnen.

Ashin Wirathu nützt auch Ängste, die tief im kollektiven Unterbewusstsein verankert sind. «Wenn wir schwach sind», predigt er seinen Anhängern, «wird unser Land von Muslimen beherrscht werden». Dabei nimmt er unausgesprochen Bezug auf die Vergangenheit unter den Kolonialherren. Die Briten brachten Untertanen ihrer Kolonie Britisch Indien im 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts nach Burma, damit diese als Polizisten und Beamte zu dienten. Zudem wurde Land im Irrawady-Delta, der Reiskammer des Landes, an Inder verkauft. Bald waren diese Inder, meist Muslime und wenige Hindus, führend in Finanzen und Handel. In den 1920er- und 1930er-Jahren kam es deshalb zu gewaltsamen Ausschreitungen, zu regelrechten Pogromen von Burmesen gegen die ungeliebten Inder. Nach der Unabhängigkeit verliessen viele Inder das Land. Nur wenige blieben.

Muslime als «bedrohendes Gift» verunglimpft

Der Anteil der Muslime an der Gesamtbevölkerung von 60 Millionen beträgt heute gerade einmal fünf Prozent. Und doch behauptet Ashin Wirathu unwidersprochen, dass die Buddhisten die Muslime wegen ihrer hohen Geburtenrate bekämpfen müssten. Wirathus Bewegung «969» steht voll hinter diesem Ziel. In ihrem Team-Song heisst es denn auch in Anspielung auf die Muslime: «Menschen die in unserem Land leben, unser Wasser trinken und uns undankbar sind». Daran knüpft sich unverhohlen die Drohung an, dass «wir, wenn nötig, einen Hag mit unseren Knochen bauen» werden. In Flugblättern gehen die Fundamentalisten noch einen Schritt weiter: «Myanmar sieht sich derzeit einem extrem bedrohenden Gift gegenüber, das derart gefährlich ist, jede Kultur auszuradieren».

Wirathus Fundamentalismus schart nach Ansicht von burmesischen Beobachtern rund die Hälfte aller Buddhisten im Lande hinter sich. Die offeneren, liberaleren Buddhisten sind Anhänger der legendären Safran-Revolution vor sechs Jahren. Damals demonstrierten, angeführt von Mönchen, Zehntausende friedlich gegen die Herrschaft der Generäle. «Als wir 2007 für Frieden und Wiederversöhnung demonstrierten», sagte Ashin Nyana Nika, Abt des Pauk-Jadi-Klosters, «waren wir als Buddhisten gegen jegliche Gewalt». Der Mitstreiter von damals, Ashin Sanda Wara, Vorsteher einer Mönchsschule in Yangon, ist zwar noch immer für Gewaltlosigkeit, teilt aber die diffuse Angst vieler Burmesen und Burmesinnen: «Ich habe Angst vor den Muslimen, weil ihre Bevölkerung so schnell wächst».

International isolierte Extremisten

Myanmar ist zwar seit Hunderten von Jahren ein Zentrum des Theravada-Buddhismus, doch international ziemlich isoliert. Phra Paisal Visalo, ein prominenter Mönch im benachbarten, ebenfalls theravada-buddhistischen Land Thailand, meint, dass das von den burmesischen Mönchen verfolge Konzept «Wir gegen die Andern» in Thailand absolut unmöglich sei. Die burmesischen Mönche seien eben isoliert und hätten kaum Kontakt mit Buddhisten in andern Teilen der Welt. Eine Ausnahme sei Sri Lanka.

In der Tat entwickelt sich in Sri Lanka eine ähnliche Dynamik wie in Myanmar. Dort predigt die Organisation Bodu Bala Sena (BBS) – wörtlich «Buddhistische Kraft» – Intoleranz gegenüber der muslimischen Minderheit. Ähnlich wie in Myanmar wird die hohe Geburtenrate der Muslime als Gefahr für die buddhistische singhalesische Mehrheit politisch instrumentalisiert. Galagoda Aththe Gnanasara, einer der Anführer der Bewegung, äussert sich denn auch ähnlich fundamentalistisch wie Ashin Wirtathu in Burma. «Wir leben», sagt Gnanasara, «in einem singhalesich-buddhistischen Land mit einer singhalesich buddhistischen Kultur. Wir sind hier nicht in Saudi-Arabien». Auch im Theravada-buddhistischen Sri Lanka werden politisch motiviert Ängste geschürt. Dabei sind nur knapp zehn Prozent der 21-Millionen-Bevölkerung muslimischen Glaubens. Kein Wunder deshalb, dass die BBS die Verfolgung der Rohingyas in Myanmar unterstützt. «Unsere Brüder und Schwestern in der burmesischen Provinz Rakhine», tönt es aus Sri Lanka, «handeln aus Notwehr».

Der Dalai Lama derweil ist tief besorgt. Nach den Unruhen im burmesischen Meiktila im März, wo auch muslimische Frauen und Kinder ermordet worden sind, sagte er, töten im Namen der Religion sein undenkbar. Der Dalai Lama forderte die Buddhisten in Myanmar dringend dazu auf, den Buddha um Anleitung und Belehrung zu bitten.

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