Gesellschaft der Angst

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Gesellschaft der Angst

Von Stephan Wehowsky, 28.10.2014

Der Soziologe Heinz Bude spürt der Angst nach, die trotz wachsender Sicherheit nicht vergehen will.

Angst ist ebenso real wie ungreifbar. Jeder weiss, was mit dem Wort gemeint ist, aber wenn man genauer wissen möchte, was denn die Angst auslöst und wie man ihr begegnen kann, hüllt sie sich in Nebel.

Wer hat welche Angst

Für den Soziologen stellt sich dabei das Problem der Zuordnung. Denn die Sorgen und Nöte der Menschen unterscheiden sich gravierend nach ihren Lebenslagen – sollte man meinen. So liegt die Vermutung nahe, dass die Ängste wohlsituierter Familien grundsätzlich andere sind als die von Immigranten. Aber das trifft nur zu einem Teil zu.

Heinz Bude gelingt es, unterschiedlichste gesellschaftliche Gruppen und auch Lebenssituationen in den Blick zu nehmen und ihre spezifische Angstproblematik zu beschreiben. Seine dichten Analysen sind zugleich packende Milieuschilderungen, erfahrungsgesättigt und spannend.

Der Halt - in der Beziehung

Den roten Faden dabei bietet die Tatsache, dass unsere Gesellschaften in allen ihren Bereichen unter höchstem Veränderungsdruck stehen. Für den Einzelnen bedeutet dies, dass es keine Stabilität auf Dauer gibt. Alles befindet sich im Fluss, und dieser Fluss kennt kaum noch Ankerplätze.

Es ist nur konsequent, dass Bude nach seinem einleitenden Kapitel den wichtigsten Ankerplatz überhaupt erkundet: „Die Sehnsucht nach einer unkündbaren Beziehung“. Die Liebesbeziehung soll also die Sicherheit geben, die anderswo nicht mehr zu bekommen ist, und Wunden heilen, die tagtäglich im Daseinskampf geschlagen werden.

Wie aber soll das gehen? Wir leben in einer Zeit des Individualismus, denn jeder muss sich seinen Platz allein erobern. Verbinden sich zwei Individuen, wird dieses Gesetz nicht dauerhaft ausser Kraft gesetzt. Wie kommt es überhaupt zu einer Verbindung? Sie entsteht, wenn zwei Menschen glauben, dass sie die Welt ähnlich sehen und erleben.

Nah und fremd

Das schafft Glück und ein zeitweiliges Gefühl gesteigerter Sicherheit. Aber beides ist nicht von Dauer. Denn die „reziproke Perspektivenübernahme“, wie Bude schön auf Soziologisch formuliert, kann auch wieder aufgekündigt werden. Dies geschieht ständig, denn im Wandel einer Beziehung wird jeder immer wieder Sichtweisen entwickeln, von denen er genau weiss, dass sein Partner sie nicht teilt. Man ist sich nah und bleibt sich fremd. Und es kann zu definitiven Trennungen kommen.

Die einzige „unkündbare Beziehung“ sieht Bude im Eltern-Kind-Verhältnis. Denn allen Entscheidungen und Veränderungen zum Trotz bleibt die durch Abstammung gesetzte Verbindung lebenslang bestehen. Deswegen, so meint Bude, sehnen sich so viele Paare nach Kindern – als dauerhaftem Ausweis der Gemeinsamkeit.

Fremde und fremde nahe Nachbarn

Aber wie steht es mit der Schule und der Bildung? Spannend erzählt Bude, wie Eltern aus unterschiedlichen Milieus darum ringen, dass ihr Nachwuchs ein Optimum an Bildungschancen erhält. Dabei beobachtet er, dass anders als früher die Frage ethnischer Durchmischung der Elternschaft weit weniger entscheidend ist als vielmehr die Motivation: Verfolgen die Eltern der anderen Kinder die gleichen Ziele und bereiten sie ihre Kinder entsprechend vor? Da kann ein Zahnarzt aus Syrien weitaus willkommener sein als eine Hartz-4-Familie aus Wanne-Eickel.

Aber man darf eben nicht vergessen: Auch die scheinbar wohlsituierten Eltern leben in prekären Verhältnissen. Denn das Wissen, mit dem sie im Moment viel Geld verdienen, kann sehr rasch an Wert verlieren. Es ist nicht mehr so stabil und solide, wie es früher einmal die klassische Bildung in einer Gesellschaft war, deren Wandel wesentlich langsamer vonstatten ging.

Im Himmel läuten

Sensibel und anschaulich geht Bude auch der Frage nach, ob die Angst eher bei denjenigen auftritt, die viel zu verlieren haben. Haben also diejenigen, die, wie Bude schreibt, „auch im Himmel noch läuten müssen“, weniger Angst? Das ist nicht der Fall, denn in den Jobs, für die keine speziellen Qualifikationen gefordert sind, werden bei niedrigsten Löhnen hohe Arbeitsleistungen gefordert. Putzkolonnen, Pflegepersonal, Paketzusteller müssen zudem durch immer höhere Leistungen den Preisdruck abfangen, der in anderen Bereichen durch Automatisierung kompensiert wird. Der unmittelbar physisch spürbare Druck und die Sorge, ihm auf Dauer nicht gewachsen zu sein, erzeugt Angst.

Und wie geht es denjenigen, die zwischen den „oberen Klassen“ und „den Verlierern“ stehen? Was geschieht, wenn trotz des Aufstiegs das Gefühl vorherrscht, nicht wirklich aufgestiegen zu sein? Bude beschreibt unnachahmlich die Panik, die sich bei denjenigen einstellt, die sich in „höheren Kreisen“ so bewegen wollen, als gehörten sie selbstverständlich dazu, um nur allzu schrecklich zu bemerken, dass ihnen dafür jede „Leichtigkeit“ abgeht.

Angst - na und?

Bude begnügt sich aber nicht mit dieser Phänomenologie der diversen Ängste in unserer Gesellschaft. Er fragt grundsätzlich danach, was Angst ist und bezieht sich dabei auch auf philosophische Analysen von Søren Kirkegaard, Martin Heidegger und Hannah Arendt. Und schon in seinem ersten Kapitel bezieht er sich auf eine Beobachtung von Niklas Luhmann, dass die Angst das allgemeinste Strukturmerkmal unsere Gesellschaft ist. Denn auf die Tatsache, dass es gesellschaftlich begründete Angst gibt, kann sich jeder verständigen.

Und es gibt die ganz grossen Ängste. Kernkraftkatastrophen, Finanzkatastrophen, Umweltkatastrophen, Big Data oder Krieg: An Apokalypsen herrscht kein Mangel. Wer vor ihnen warnt und die damit verbundene Angst thematisiert, hat unwiderleglich recht, aber was folgt daraus? Aus den Superängsten lassen sich keine konkreten Handlungsalternativen ableiten. Aber aus ihnen lässt sich Profit schlagen, etwa von Demagogen. Sie beschwören zum Beispiel den Finanzcrash und kennen selbstverständlich die „Schuldigen“. Aber mehr als Rhetorik ist das nicht.

Interessanterweise hebt Heinz Bude in diesem Zusammenhang die Politik von Angela Merkel lobend hervor. Denn ihre Trippelschritte, ihr Pragmatismus, ihr tastendes Vorangehen seien die politisch angemessene Art in einer hochkomplexen Gesellschaft Probleme anzugehen, die aus der Perspektive der Angst betrachtet völlig unlösbar sind.

Heinz Bude ist es gelungen, das Thema der Angst kurz, aber umfassend, analytisch scharf, anschaulich und manchmal sogar unterhaltsam darzustellen. Das ist beste Soziologie.

Heinz Bude, Gesellschaft der Angst, Hamburger Edition, 2014

Kommentare

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Bude ist Soziologe.
Deshalb ist sein Bild der Paarbeziehung viel zu oberflaechlich.
Es kann sein,dass sich 2 Wesen binden,weil sie die Welt aehnlich sehen und erleben.Einer von vielen Gruenden.
Bude solte sich nicht mit dieser Thematik befassen und die Finger davon lassen ,weil er sich nicht auskennt.Darueber koennte Prof.Dr.Juerg Willi Auskunft geben.Man kennt ihn gut in Zuerich.Mit seinen Buechern ueber die Paarbeziehung und warum Paare zusammenbleiben usw..
Laecherlich simplizistisch,die Auesserung von Bude.Eines Intellektuellen unwuerdig.

"Beste Soziologie" soll Heinz Bude mit seinem Buch "Gesellschaft der Angst" betreiben. Nun ist die Angstprobematik wahrlich Nichts Neues unter der Sonne. Nur bietet Joh. 16,33 (NT) in den Jesusworten einen viel tieferen Einblick und Trost zum Thema Angst in der Welt.

In einer Situation kann Angst berechtigt sein und sich schützend vor das Leben stellen und in einer anderen Situation kann sie pathologisch sein. Die Gesellschaften entwickeln sich Richtung Variante zwei. Angst vor einem wirtschaftlichen Abstieg, vor Verlust an gesellschaftlichem Ansehen, vor einem finanziell bescheidenerem Leben. Die Variante eins beinhaltet meiner Meinung nach eine natürliche Angst vor waghalsigen oder gar lebensgefährlichen Extrem-Sportarten, Freizeitbeschäftigungen, Mobilität etc. Im gesellschaftlichen Kontext gesehen, löst eine solche Lebensweise nicht mehr ein Gefühl der Angst aus, sondern steht für den ultimativen Kick. Die Angst vor dem Tod, vor einer psychischen oder/und physischen Beeinträchtigung scheint gesellschaftsfähig oder gar abhanden gekommen zu sein. Im Gegenzug hat ein mit dem Leben hasardierender Mensch vielleicht Angst, von seiner Partnerin verlassen zu werden. Ob die Partnerin ihrerseits Angst hat, weil der Hasardeur an einer Felswand zerschellen könnte, scheint den Adrenalinjunkie nicht über Gebühr zu ängstigen. Hingegen könnte der Angst haben, dass ein Sponsor aussteigt und er sein Leben profaner gestalten müsste. In denke, dass sich die Ängste der Menschheit in den letzten zwanzig Jahren verschoben haben oder anders gewichtet werden. Vor dreissig Jahren hatte man Angst vor einem GAU eines AKW. Heute ist sie ein zu vernachlässigendes Restrisiko. Dafür haben fast alle Angst vor einem wirtschaftlichen Abstieg. Die Quintessenz davon: In allen obersten Chargen nimmt ein Heer von Beratern den Entscheidungsträgern einen Teil der Angst ab. In diesen Etagen zeigt man sich solidarisch, man teilt oder verteilt die Angst. Für die Entwicklung einer Gesellschaft, hin zu einer Gesellschaft, die versucht mit anderen Wertmassstäben ganzheitlich zu leben, ist die von mir zuletzt skizzierte Angst die schlechtmöglichste.

Da wäre ja noch der kleine Unterschied! Furcht und Angst sind ja nicht dasselbe. Furcht erzeugt oft eine angemessene Reaktion auf bedrohliches. Man versucht mit Vorsorge solchen Situationen und Gefühlen entgegen zu wirken. Angst hingegen lähmt meist und hat ihre tiefliegenden Gründe oft in der Vergangenheit. Furcht und Situationsängste verstärken sich manchmal auch gegenseitig und wenn dann die Angst dominiert ist erstarren oder Flucht angesagt. Furcht jedoch lässt Handlung noch zu, aber Angst neigt einem zu gefrieren. Bei zerstörtem oder fehlendem Urvertrauen schleichen sich Ängste nur allzu gerne ein. Verwundete Seelen halt. Mutige, durch Vertrauenspersonen begleitete Wiederholungen und Konfrontationen mit solchen Bedrohungen kann hier Abhilfe schaffen. Angstfrei hat viel mit Freiheit zu tun, vergessen wir das nicht….cathari

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