Geschichte eines Massenmords

Jürg Schoch's picture

Geschichte eines Massenmords

Von Jürg Schoch, 06.06.2015

Vor 75 Jahren erschoss der sowjetische Geheimdienst NKWD in Katyn und andern Orten 25 000 Polen: Offiziere, Beamte, Intellektuelle. Thomas Urban hat diesen Massenmord in allen Details nachgezeichnet.*

Ende Januar 1943 verloren die Deutschen die Schlacht um Stalingrad. Jene Niederlage gilt gemeinhin als die grosse Wende im Zweiten Weltkrieg. Zur gleichen Zeit beobachtete ein Oberstleutnant der deutschen Wehrmacht im Wald von Katyn, der nahe bei Smolensk liegt, einen Wolf, der im Schnee scharrte. Unweit jener Stelle entdeckte der Offizier eines jener  Birkenkreuze, wie sie über Soldatengräbern errichtet wurden. Weitere Abklärungen deutscher Militärärzte ergaben, dass in der gefrorenen Erde Menschenknochen lagen. Nach und nach entdecken sie eine ganze Reihe von Massengräbern.

Hitler-Stalin-Pakt

Die Massengräber waren das Resultat des 1939 zwischen Stalin und Hitler geschlossenen Geheimpakts, der u.a. die Aufteilung Polens zwischen den beiden Diktatoren regelte: Die Deutschen nahmen für sich den westlichen, die Russen den östlichen Teil des Landes in Anspruch. Nach dem deutschen Angriff auf Polen im Frühherbst 1939 rückten bald darauf auch die Russen in die für sie „reservierte“ Domäne ein, und das mit der festen Absicht, jede polnische Staatlichkeit zu zerstören. Der NKWD deportierte die Elite ins Innere Russland, sein Chef Lawrenti Beria erwirkte im Frühjahr 1940 von Stalin die Erlaubnis, die rund 25 000 Polen zu liquidieren. Die Morde, vorwiegend durch Genickschuss, begannen Anfang April jenes Jahres. Eine der Hinrichtungsstätten war der Wald von Katyn.

Goebbels jubiliert

Als Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels von den Funden seiner Leute erfuhr, jubelte er. Und setzte seine Propagandamaschine in Gang. Die staatlich gelenkten Medien überschlugen sich mit Beschuldigungen der „Kremljuden“ für die ruchlosen Verbrechen. Goebbels trommelte ausserdem eine internationale Ärztekommission zusammen, die an Ort und Stelle die Sachlage abklären sollte. Die äusserte sich in ihrem Schlussbericht zwar nicht über die Täterschaft, stellte aber fest, dass die Ermordeten Winterkleidung trugen, keine Mückenstiche aufwiesen, die Stichwunden von vierkantigen Bajonetten herrührten und die Vernichtungsaktion im März/April 1940 stattgefunden habe.

Goebbels hoffte, dieser Massenmord werde die Sowjets gründlich diskreditieren, dergestalt einen Keil zwischen die Alliierten treiben und die deutsche Seite, deren Niederlage nach Stalingrad absehbar wurde, entlasten. Er hoffte vergeblich. Wer sollte schon einem Mann trauen, der selber in die Kategorie Massenmörder gehörte?

Gegenpropaganda des Kremls

Die sowjetische Seite blieb nicht untätig. Auch sie warf ihre Propagandamaschine an und installierte eine Untersuchungskommission, deren Aufgabe war, die Faschisten als Urheber des Verbrechens zu identifizieren. Dem Gremium unterliefen allerdings verschiedene Fehler. Es beschuldigte die Deutschen, nach ihrem Angriff auf die Sowjetunion (Beginn 22. Juni 1941) die Polen ermordet zu haben. Infolgedessen datierte es die Exekutionen auf die Monate August/September 1941 um. Unerklärt aber blieb u.a., weshalb die exhumierten Leichen Winterkleider trugen und Einstiche sowjetischer Bajonette aufwiesen.

Nach dem Krieg versuchte die sowjetische Führung beim Nürnberger Kriegsverbrechertribunal, „Katyn 1941“ in die Anklageliste aufzunehmen. Auch die westlichen Richter, so ihre Absicht, sollten mit der Verurteilung der Deutschen die Version des Kremls beglaubigen. Allerdings traten in der Klagebegründung weitere Ungereimtheiten zutage. Das Tribunal entschied, das Traktandum aus der Liste zu streichen. Stalin war wütend.

Der Terror nach dem Massenmord

Thomas Urban, der von 1988 bis 2012 als Korrespondent für die „Süddeutsche Zeitung“ aus Osteuropa berichtete und mehrere Bücher über Polen publiziert hat, beschreibt in seinem neuen Buch das Geschehen rund um Katyn in allen Einzelheiten, gestützt auf sowjetische, polnische, deutsche und westliche Quellen. Der Autor hält sich an das Prinzip Sachlichkeit, was auch in seiner Sprache zum Ausdruck kommt: Sie ist stellenweise fast „amtlich“, doch diese Nüchternheit lässt die Perfidie der Täter umso deutlicher hervortreten.

Eingehend untersucht Urban auch, wie die Westmächte vor und besonders nach dem Kriegsende mit dem Thema Katyn umgingen. Die sich häufenden Studien und Berichte, die die noch verbleibenden Zweifel an der Täterschaft stets deutlicher widerlegten, wanderten in die Panzerschränke der Administrationen. Man wollte den alten Waffenbruder nicht blossstellen, Katyn störte die Kreise der grossen Politik. Ein ernüchternder Befund.

Erschreckend dagegen ist, wie der Kreml das Thema handhabte. Für diesen war und blieb Katyn ein deutsches Verbrechen. Wer in seinem Einflussbereich auch nur von sowjetischer Täterschaft sprach, wurde verleumdet und bestraft. Augenzeugen, Anwohner der Hinrichtungsstätten, Experten und andere Mitwisser wurden reihenweise verhaftet, gefoltert, zu Falschaussagen gezwungen, liquidiert. Erst Michael Gorbatschow gestand 50 Jahre nach der Tat die Urheberschaft ein, und auch das nur nach langem Zögern und Lavieren. Katyn,  schreibt Urban, stehe für die Lüge als Kernelement des von Lenin und Stalin geprägten Systems.

Eine Begleitlektüre

Vor wenigen Wochen feierte Russland mit grossem Pomp den 70. Jahrestag des Kriegsendes. Katyn durfte da kein Thema sein, auch nicht am Rand. Der Sieg im Grossen Vaterländischen Krieg ist von jeder Kritik ausgenommen. Wer dennoch den Mund aufmacht, bekommt es mit der staatlichen Autorität zu tun. Stalin hat weitherum wieder einen guten Namen, und Präsident Putin bemüht sich, die „besten Elemente“ des zaristischen und des sowjetischen System in die Gegenwart zu übertragen.

Urbans Werk ist zwar ein „Geschichtsbuch“. Aber es eignet sich ausgezeichnet auch als Begleit- oder Hintergrundlektüre zum aktuellen Geschehen in Russland, auf der Krim, in der Ukraine.

Thomas Urban: Katyn 1940. Geschichte eines Verbrechens, C.H. Beck, 248 Seiten, Fr. 21.90

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Das ist einer der wichtigsten Gründe warum
Polen bis heute Angst vor Russland haben
und sich eine Stationierung der US-Army im
Land wünschen.
So eine Einladung noch näher an die russische
Grenze werden die USA sicher nicht ablehnen.
Ideal wäre, wenn die US-Soldaten von Deutschland
nach Polen umziehen würden. So könnte man in
den freigewordenen Kassernen und Wohnungen
sehr viele Flüchtlinge unterbringen und der deutsche
Steuerzahler müßte nicht mehr die Stationierung-
Kosten bezahlen. Eine tolle Lösung, Flüchtlinge
gut versorgt und dabei noch viel Geld gespart.

Herzlichen Dank Jürg Schoch, dass Sie uns auf dieses hochaktuelle Buch aufmerksam machen. Katyn liegt in der europäischen Genozidzone zwischen Baltikum und Schwarzem Meer. Hier starben NACH dem 1.Weltkrieg+Wirren in Genoziden 14 Millionen Zivilisten (ganz Europa 17 Millionen). Katyn verstehen heisst Europas Abgründe verstehen.

Werner T. Meyer
(Den Abschnitt "Eine Begleitlektüre" hätte ICH allerdings weggelassen)

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren