Geschichte einer Landnahme

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Geschichte einer Landnahme

Von Helmut Scheben, 25.11.2012

Nach dem Zweiten Weltkrieg proklamierte die neu geschaffene UNO das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Es galt fast überall, nur nicht für die Palästinenser.

Wenn man die (rund tausend) israelischen Luftangriffe der vergangenen Woche begreifen will, dann muss man zurückgehen bis zum 14. Mai 1948, dem Tag, an dem der israelische Staat gegründet wurde. Das schreibt Michael Oren, der israelische Botschafter in Washington, in der Herald Tribune, und damit hat er zweifellos recht. An jenem Tag – so Michael Oren - hätten die arabischen Armeen „sich in Bewegung gesetzt, um den neu gegründeten Staat Israel zu zerstören.“ Wörtlich heisst es weiter:

„There were no settlements back then, and the Westbank and East Jerusalem were in Jordanien hands. Yet the very notion of an sovereign Jewish state in the Middle East was abhorrent to the Arabs, many of them were inflamed by religious extremism. They rebuffed repeated Israeli offers of peace, and instead launched a war of national annihilation.“

Auffallend – wenn auch nicht neu - ist in dieser Argumentation, dass der Konflikt als eine Sache zwischen der arabischen Welt und Israel dargestellt wird. Von Palästinensern, also von den Menschen, die auf dem strittigen Territorium lebten, ist nicht die Rede, sie existierten anscheinend nicht. Eine verblüffende Unterstellung, denn die Realität war eine völlig andere.

Es gab sehr wohl „settlements“, und zwar ein dichtes Netz von Siedlungen. Kein ernstzunehmender Historiker wird in Abrede stellen, dass das Territorium, das bis Mai 1948 von Grossbritannien verwaltet wurde, relativ dicht bewohnt war, zumindest in den fruchtbaren, bewässerten Gebieten. Es gab Jahrhunderte alte Ortschaften, die eine grossmehrheitlich arabische Bevölkerung hatten, es gab - neben Jerusalem - Städte wie Haifa und Jaffa, in denen Araber, Juden, orthodoxe Griechen und andere Leute aller Religionen und Farben zusammenlebten, die das zerfallene osmanische Vielvölkerreich einst umfasst hatte.

Gönner und Spender

Dazwischen gab es 1948 eine Vielzahl von neu gründeten Siedlungen jüdischer Einwanderer, oft Landwirtschaftskooperativen, die einer sozialistischen Vision kollektiven Eigentums anhingen. Die jüdische Einwanderung hatte in mehreren Wellen ab dem Ende des 19.Jahrhunderts stattgefunden. Noch um 1920 bewohnten – laut verschiedenen Dokumenten der britischen Mandatsbehörden – rund 600'000 bis 700'000 muslimische und christliche Araber das Gebiet, etwa zehnmal soviel wie Juden.

Die Einwanderung verstärkte sich aber in den zwanziger und dreissiger Jahren rapide. Eine entscheidende Rollen beim Landerwerb spielte der 1901 auf dem Zionistenkongress in Basel gegründete Jüdische Nationalfonds (JNF), der mit dem Geld von Gönnern und Spendern Land in Palästina kaufte und sich von der Devise leiten liess, dass einmal erworbenes Land niemals an Nicht-Juden zurückfallen dürfe. Die Geschäfte mit palästinensischem Boden hatten eine Drehscheibe der Spekulation in Gang gesetzt. Die Details sind z.B. nachzulesen in der Studie von Marlène Schnieper über die Vertreibung der Palästinenser.*

Den arabischen Pachtbauern blieb in den meisten Fällen nichts übrig als das Feld zu räumen: „Sie wanderten ab in die Städte, schlugen sich als Taglöhner durch oder verschwanden in der Masse der Arbeitslosen.“ (Schnieper, 47)

Aufstieg der Nazis

Antisemitische Bewegungen im sowjetischen Osteuropa und der Auftstieg der Nationalsozialisten in Deutschland trugen dazu bei, dass der Strom jüdischer Einwanderer in den dreissiger Jahren enorm anschwoll. Zwischen 1932 und 1943 nahm Palästina weit über 200'000 jüdische Einwanderer auf. Den arabischen Eliten dämmerte es mit einem Mal, dass der Anspruch der Zionisten auf eine Heimat im biblischen gelobten Land eine Gefahr darstellte für den eigenen Anspruch auf einen palästinensischen Staat nach dem Ende der Kolonialherrschaft.

Die arabische Bevölkerung wehrte sich. Bewaffnete Milizen entstanden auf beiden Seiten. Es gab zwei Völker, die dasselbe Territorium beanspruchten. Der Konflikt eskaliert bereits in den dreissiger Jahren von Monat zu Monat, von Tag zu Tag.

Die Memoiren von Ariel Sharon

Eine eindrückliche Schilderung der Situation bieten die Memoiren von Ariel Sharon. Der israelische General, Kriegsheld und spätere israelische Regierungschef beschreibt das harte Leben in der landwirtschaftlichen Kooperative (Moschaw) Kfar Malal, 20 Kilometer nordöstlich von Tel Aviv.

Die Eltern: Emigranten aus Weissrussland, der Agronom Samuil und seine Frau Vera, die davon geträumt hatte, ein Medizinstudium abzuschliessen. Sie machen ein Stück Land urbar, um Zitrusfrüchte und Avocados für den Export zu produzieren. Harte körperliche Arbeit unter primitivsten Bedingungen, doch das war nicht alles:

„Eine andere Konstante waren die Spannungen mit den Arabern, deren Dörfer zwischen den jüdischen Siedlungen lagen. Kfar Malal war 1921 bei einem arabischen Angriff zerstört worden… 1929, ein Jahr nach meiner Geburt, war die Siedlung erneut bedroht durch die arabischen Unruhen…Jede Nacht standen die Dorfbewohner Wache an ihren Feldern. Von Zeit zu Zeit sandten sie Leute zu anderen Siedlungen, wo die Situation kritisch war. Mein Vater trug eine kleine Pistole und auch meine Mutter wusste damit umzugehen. .. Als ich dreizehn war, half ich Wache schieben. Ich sass nachts im Dunkeln, bewaffnet mit einer Keule und dem kaukasischen Dolch, den mein Vater mir zu meinem Bar Mitzvah geschenkt hatte. … Doch trotz Spannungen und sporadischem Blutvergiessen schafften es Juden und Araber zusammenzuleben, sie begegneten sich täglich auf den Feldern und auf den Marktplätzen und unterhielten normale Beziehungen.“ **

Es ist erstaunlich zu lesen, dass der Hardliner Sharon in seinen Memoiren betont, weder seine Eltern noch die andern Bewohner der Siedlung hätten ein Problem gehabt mit der Vorstellung, auf der Basis der Gleichheit mit den Arabern zusammenzuleben.:

„My parents believed firmly that the Arabs had full right in the land... Jews and Arabs could be citizens side by side.“

"Die arabische Revolte brachte Mord und Sabotage"

Doch 1936 änderte sich die Atmosphäre:

„In dem Jahr begann die arabische Revolte, sie brachte Mord und Sabotage… Ich erinnere mich, dass meine Mutter sagte, wir müssten standhalten. Sie drängte meinen Vater, ihr zu zeigen, wie das alte Mausergewehr bedient wurde, das wir tagsüber in einer Holzkiste in der Scheune versteckt hielten. Denn für die britischen Behörden war der Waffenbesitz illegal.“

Die erste grosse arabischen Revolte dauerte von 1936 bis 1939. Laut britischen Quellen waren dabei mehr als 5000 Araber und 300 bis 400 Juden getötet worden. 260 Tote gab es unter den britischen Sicherheitskräften. Während der ganzen Zeit des Aufstandes wurden 4 Juden und 108 Araber zum Tod am Strang verurteilt, die Urteile jeweils am Galgen der alten Kreuzfahrerfestung Akko vollstreckt.

Der 29. November 1947

Ein Jahrzehnt später war der Konflikt nicht beigelegt, sondern erbitterter denn je. Es ist schwer nachvollziehbar, wie unter diesen Voraussetzungen die Gründung eines jüdischen Staates auf palästinensischem Gebiet beschlossen werden konnte. Der Beschluss war ein Programm für Krieg, Tod und Teufel. Unter dem Druck von Grossbritannien und USA nahm die UNO-Vollversammlung am 29. November 1947 die Resolution 181 an, Kraft welcher Palästina in einen jüdischen Staat und einen arabischen Staat aufgeteilt werden sollte. Die arabischen Länder hatten die Resolution aufs heftigste bekämpft. Ihre Reden vor der Vollversammlung lesen sich heute – 65 Jahre später - wie eine exakte Prognose des endlosen Kriegszustandes, der folgen sollten.

Was wird aus Israel in zwanzig Jahren

Der israelische Friedensaktivist Uri Avnery sagte letzte Woche in einem Gespräch mit dem Schweizer Radio DRS 2, der grosse Sieg im Sechstagekrieg von 1967 sei für Israel das grösste Übel gewesen. Israel wurde Besatzungsmacht, und die Besatzung sei eine Militärdiktatur. Die Bewohner der besetzten Gebiete – so argumentiert der 89-jährige Avnery - haben keine demokratischen Bürgerrechte, sie haben weder einen souveränen eigenen Staat noch sind sie israelische Bürger. Sie haben weder Bewegungsfreiheit noch Wahlrecht. Das Regime der militärischen Besatzung infiziere die Herzen und Hirne der israelischen Gesellschaft, mache die israelische Demokratie langsam kaputt. Denn derselbe israelische Soldat oder Polizist könne nicht in der Westbank Diktator sein und fünf Kilometer weiter in Israel Demokrat.

In dem realexistierenden israelischen "Apartheid-System" gibt es bald schon mehr Palästinenser als die fünfeinhalb Millionen Israeli. Der ungebremste Siedlungsbau ist tägliche Erniedrigung und Landraub. Was wird aus Israel in zehn, in zwanzig Jahren? Wie soll es je möglich sein, mit einem geknechteten Palästinenservolk Frieden zu schliessen? Auf diese Fragen, so Avnery, verweigere die amtierende israelische Regierung jede Antwort. Es sei wie eine Fahrt auf der Titanic: je grösser der Eisberg, um so lauter spielt die Musik.

*Marlène Schnieper: Nakba, die offene Wunde, Rotpunkt Zürich 2012 ** Ariel Sharon, D. Chanoff: Warrior. An autobiography,Touchstone New York 2001 S. 23,24

@Michel Wyss

Es ist typisch, dass das Massaker von Hebron für die dämonisierung der Palästinenser, die dämonisierung des Zusammenlebens, verkehrt wurde. Dabei wird immer wieder verschwiegen, dass in Hebron und Umgebung die Araber viel mehr Juden gerettet hatten als die Mörder töteten. Aber die Zionisten aus dem Kolonialeuropa haben von Anfang an den gemeinsamen Weg negiert und die Spaltung des jahrhundertelangen Zusammenlebens der Kulturen forciert.

Man muss zwingend ein historisches Genie sein, Gast vom 25. November, 22:01, um so einen Unsinn zu schreiben wie Sie.

Die Juden haben sich das Land nicht etwa genommen, sondern es den arabischen Grossgrundbesitzern abgekauft. Und diese haben liebend gerne zugestimmt, schliesslich konnten sie daduch Preise erzielen, von denen man nicht mal zu träumen gewagt hätte.

So etwas wie die "Palästinenser" gab es zu der Zeit noch gar nicht, genau so wenig gab es einen palästinensischen Staat.

Man braucht fürwahr kein historisches Genie zu sein, minimale Sachkenntnisse schaden aber trotzdem nicht.

Man man muss kein historisches Genie sein, um festzustellen, dass Palästina den Palästinensern und nicht den Juden gehört. Palästina war kein Niemandsland. Die Juden haben sich das Land genommen unter der Protektion der USA und Europa. Und die arabischen Palästinenser büssen nun für das schlechte Gewissen der Eurpoäer wegen der Jahrhunderte währenden Judenverfolgung.

Man man muss kein historisches Genie sein, um festzustellen, dass Palästina den Palästinensern und nicht den Juden gehört. Palästina war kein Niemandsland. Die Juden haben sich das Land genommen unter der Protektion der USA und Europa. Und die arabischen Palästinenser büssen nun für das schlechte Gewissen der Eurpoäer wegen der Jahrhunderte währenden Judenverfolgung.

Man man muss kein historisches Genie sein, um festzustellen, dass Palästina den Palästinensern und nicht den Juden gehört. Palästina war kein Niemandsland. Die Juden haben sich das Land genommen unter der Protektion der USA und Europa. Und die arabischen Palästinenser büssen nun für das schlechte Gewissen der Eurpoäer wegen der Jahrhunderte währenden Judenverfolgung.

Es ist schon wunderbar, wie der Autor über den arabischen Aufstand schreibt und es dabei gekonnt vermeidet, das Massaker von Hebron (während natürlich erwähnt wird, dass dem Aufstand mehr Araber als Juden zum Opfer fieln; ob der Autor damit irgendetwas suggerieren will, bleibt im selber überlassen) oder einen der Hauptakteure, Haji Amin Al-Husseini nämlich, zu erwähnen. Husseini, seines Zeichen Mufti von Jerusalem, war ein Nazi-Kollaborateur, der nicht nur die muslimische SS-Division "Handschar" ins Leben rief, sondern eigens dafür sorgte, dass 5000 jüdische Kinder in deutsche Konzentrationslager und damit in den sicheren Tod deportiert wurden, statt gegen 20'000 deutsche Gefangene ausgetauscht zu werden; ein Austausch, den Husseini kraft persönlicher Intervention zu verhindern wusste. All dies scheint nicht der Rede wert, stattdessen wundert man sich lieber darüber, dass "Hardliner" wie Sharon dazu bereit gewesen waren, mit Arabern zusammenzuleben (Gerüchte zufolge leben .

Vollends lächerlich macht sich der Autor aber, wenn er folgendes schreibt:
"Den arabischen Eliten dämmerte es mit einem Mal, dass der Anspruch der Zionisten auf eine Heimat im biblischen gelobten Land eine Gefahr darstellte für den eigenen Anspruch auf einen palästinensischen Staat nach dem Ende der Kolonialherrschaft."

Die arabischen Eliten hatten vieles im Sinne, ganz bestimmt aber nicht einen palästinensischen Staat, viel mehr hätte man sich das Gebiet liebend gerne selber einverleibt. All dies gibt es im Übrigen nachzulesen im unbedingt empfehlenswerten "Palestine Betrayed" von Efraim Karsh.

Herr Scheben, nehmen Sie doch wieder Haldol.

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