„Gequassel über Frieden und Gewalt“

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„Gequassel über Frieden und Gewalt“

Von Heiner Hug, 15.06.2017

Der Streit zwischen Alexander Solschenizyn und Lew Kopelew trägt viel zum Verständnis der heutigen russisch-westlichen Verstimmung bei.

„Übereinander Bescheid zu wissen, ist die Voraussetzung für gegenseitige Achtung und ein gedeihliches Miteinander der Völker.“ Das war das Credo von Lew Kopelew. Er war Trotzkist, Stalinist, Dissident und fristete zehn Jahre im Gulag. Er war befreundet mit Solschenizyn, Böll und Max Frisch. 1989 wurde er nach Deutschland ausgewiesen. Längst war der jahrzehntelange treue Verfechter der kommunistischen Lehre zum liberalen Weltenbürger geworden.

Reinhard Meier, früherer Korrespondent und Redaktor der „Neuen Zürcher Zeitung“ und heutiger Journal21-Autor legt nun die erste Biografie Kopelews vor *). Meier, einst NZZ-Korrespondent in Moskau und Bonn, kannte Kopelew persönlich.

Die enge Freundschaft und dann der Streit zwischen Solschenizyn und Kopelew gehören zum Spannendsten dieses Buches. Da prallen zwei Welten aufeinander. Kopelew nimmt die Rolle des aufgeklärten Weltenbürgers ein. Solschenizyn dagegen wird als autoritärer, slawophiler Aufklärungsgegner vorgestellt. Er spricht vom „geistigen Zerfall des Westens“ und kritisiert „die zunehmende Individualisierung und Materialisierung“ sowie die „Auswüchse der Demokratie“. Der Westen leide an einer unheilbaren Krise, sagt Solschenizyn. Demgegenüber lobt er „die angeblich glücklicheren Verhältnisse der christlich-orthodoxen Gläubigkeit, der bäuerlichen Einfachheit und des guten Autoritarismus“ der Zarenzeit.

Nach langjährigem freundschaftlichen Auf und Ab, schreibt Kopelew an Böll: „Für mich ist er erledigt“. Solschenizyns „Gequassel über Frieden und Gewalt“, sowie seine simplifizierten und grotesken Betrachtungen über die weltpolitische Gegenwart sind ihm tiefst zuwider.

Kopelew nimmt gewissermassen die Rolle des aufgeklärten, westlich-pluralistischen Westeuropas ein, während Solschenizyn eine noch heute bestehende breite slawophil-orthodoxe, antiwestlich geprägte Gesellschaft vertritt, auf die der Kreml Rücksicht nimmt. Die seit langem unversöhnlichen Gegensätze, so Reinhard Meier, seien auch heute noch keineswegs zu Ende.

Vielleicht sollten wir sie bei der Beurteilung unseres Verhältnisses zu Russland vermehrt in Betracht ziehen.

Reinhard Meiers sehr detailliertes, farbig geschriebenes Buch entstand nach jahrelangen Recherchen in der Ukraine, Russland und Deutschland. Der Autor stützt sich auf hunderte Dokumente und Gespräche. Doch diese Biografie ist weit mehr als eine Biografie.

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Beginnen wir von vorn: Lew Kopelew wird am 9. April 1919 als jüdisches Mittelstandskind in Kiew (Ukraine) geboren. Schon früh kommt er in Berührung mit der deutschen Sprache – nicht zuletzt dank Deutsch sprechender Kindermädchen. Später studiert er deutsche Literatur und dissertiert über Schiller. Die hebräische Sprache interessierte ihn nicht. Für einen zionistischen Hauslehrer, der sich für einen jüdischen Staat in Palästina stark macht, kann er sich nicht begeistern. Kopelew will Berufsrevolutionär werden, irgendwo im Westen.

Er ist ein überzeugter Kommunist. Als Teenager sympathisiert er mit Trotzki, was ihn später teuer zu stehen kommt.  Ab 1930 arbeitet er als Journalist des Hausradios und der Hauszeitung in der Charkower Lokomotivfabrik. Während der Hungerkatastrophe in der Ukraine in den Jahren 1932/33, während der Millionen sterben, spielt er eine wenig mutige Rolle.

Nach der „trotzkistischen Verirrung“ schwenkt er auf Stalins Pfad und kommt zur Ansicht, „dass die Generallinie der Partei unter Stalins Führung im Grunde doch richtig war“. Doch Mitte der Dreissigerjahre beginnt er sich von Stalin abzusetzen. An der Universität Charkow wird er als „unverbesserlicher Trotzkist“ ausgeschlossen.

Von 1935 bis 1938 studiert er am Moskauer Pädagogischen Institut für Fremdsprachen. Zu seinen Lehrern gehört der Schweizer Kommunist Fritz Platten, der 1917 mit Lenin im plombierten Eisenbahnwagen von Zürich nach St. Petersburg gereist war. Im Zuge der stalinistischen Säuberung wird Platten 1938 verhaftet und 1942 hingerichtet.

Im Zweiten Weltkrieg ist Kopelew in Ostpreussen im Einsatz. 1944 wird er „wegen Mitleids mit dem Feind“ und seiner trotzkistischen Vergangenheit zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Zunächst kommt er ins Scharaschka-Spezialgefängnis bei Moskau. Dort trifft er Alexander Solschenizyn, der sein Zellennachbar wird. Eine turbulente Beziehung beginnt. In Solschenizyns Roman „Im ersten Kreis der Hölle“ ist Lew Kopelew das Vorbild für die Romanfigur Lew Rubin. Kopelew nervt sich allerdings, dass ihn Solschenizyn in dem Buch als naiv und blauäugig darstellt.

Kopelew (links), Solschenizyn und Dmitirj Panin auf Solschenizyns Datscha bei Kaluga, 1968. (Bild aus dem besprochenen Buch)
Kopelew (links), Solschenizyn und Dmitirj Panin auf Solschenizyns Datscha bei Kaluga, 1968. (Bild aus dem besprochenen Buch)

Als Stalin 1953 stirbt, weint Kopelew. 1954 wird er entlassen. Er und seine zweite Frau Raissa Orlowa sind weiterhin von der Richtigkeit der kommunistischen Ideale überzeugt.

Später schreibt er: „Wir verstanden nicht, dass der stalinistische Staat, von dem wir glaubten, er hätte bereits den realen Sozialismus aufgebaut, in Wirklichkeit ein System von sinnlos brutalem Terror und schamloser Lüge war.“

Er arbeitet jetzt als Übersetzer und literarischer Publizist und wird Dozent. Heinrich Böll, der ihn in Moskau besucht hat, wird sein wichtigster Freund. Über zwanzig Jahre lang schreiben sich die beiden Briefe. Kopelew war einer der wenigen Intellektuellen, die sich trauten, in Moskau mit westlichen Journalisten zusammenzukommen.

Weil er sich für Dissidente einsetzte und weil er eine Neostalinisierung befürchtete, wird er 1968 aus der Partei ausgeschlossen.

Max Frisch hat er 1966 in Moskau kennengelernt. Später erfährt Kopelew, dass in der NZZ ein Verriss über das von Max Frisch geschriebene „Dienstbüchlein“ erschienen ist. Kopelew liest den Artikel und will seinen Freund mit einem langen Leserbrief in der NZZ verteidigen. Doch NZZ-Chefredaktor Fred Luchsinger lehnt ab. Frisch schreibt dazu seinem Freund Kopelew: „Du bist der einzige, der sich gemeldet hat gegen die Denunziation der NZZ.“ Das sei eben „die Methode unserer Bourgeoisie: fälschen und dann keine Widerrede zulassen“. Reinhard Meier, der frühere NZZ-Auslandredaktor, bezeichnet im Nachhinein das Nichtpublizieren von Kopelews Antwort als „peinliche Fehlentscheidung“.

Kopelew weiss, dass ihn das Regime loshaben will. Wie Solschenizyn droht auch ihm die Ausweisung. Nach Israel will der Jüdischstämmige nicht gehen. Er legte, so Meier, immer grossen Wert auf „Distanz zu jeder Art von zionistischem Aktivismus, den er als übertrieben nationalistisch und religiös fixiert empfand“. Jetzt wird ihm das Telefon abgestellt, und er wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen.

Er wird als „Verräter, Judas und Faschist“ kritisiert, auch weil in seinem Roman „Aufbewahren für alle Zeit“ davon die Rede ist, dass sowjetische Soldaten bei ihrem Einmarsch in Ostpreussen deutsche Frauen vergewaltigt hatten.

Am 12. November 1980 verlässt das Ehepaar Moskau und fliegt nach Deutschland, wo es von Heinrich Böll beherbergt wird. Kurz darauf wird Kopelew die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen.

Heinrich Böll und Lew Kopelew 1980 in Köln
Heinrich Böll und Lew Kopelew 1980 in Köln

Nicht nur Böll setzt sich für ihn ein, auch Marion Gräfin Dönhoff, die spätere Herausgeberin der „Zeit“. Er erhält eine Gastprofessur in Göttingen, bekommt die deutsche Staatsbürgerschaft, reist viel, erhält 1981 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Seine Wohnung in Köln wird zum Treffpunkt von Schriftstellern, Intellektuellen und Freunden. Meier spricht von „deutsch-russisch familiären Küchengesprächen“ und „einer Art Karawanserei für logierende nahe und entferntere Verwandte oder Durchreisende sowie einer höchst produktiven ‚Denk- und Schreibfabrik’“.

Er begegnet allen: Böll, Frisch, Grass, Biermann, Willy Brandt, Christa Wolf usw. Als die Sowjetunion dabei ist, unterzugehen, nennt er sie „das letzte Imperium auf der Erde, und das muss aufgelöst werden“.

Vor 20 Jahren, am 18. Juni 1997, stirbt der Humanist, Brückenbauer und Dolmetscher zwischen den Nationen in Köln. An der Trauerfeier nimmt die einstige DDR-Schriftstellerin Christa Wolf teil, mit der er lange Jahre befreundet war. Sie fasst sein Leben so zusammen: „Seine wirksamste Botschaft war er selber.“

Reinhard Meiers Biografie ist auch ein farbiges Geschichtsbuch, angereichert mit vielen Anekdoten. Anhand der Beschreibung des Lebens von Lew Kopelew werden wichtige politische und gesellschaftliche Ereignisse des 20. Jahrhunderts wieder lebendig. Trotzki, Stalin, Gulag, die Weltkriege, Chruschtschow, Breschnew, die DDR, die Repression, Ungarn, Prag, Afghanistan, der Nato-Doppelbeschluss, die Berliner Mauer, Gorbatschow, Jelzin, das Ende der Sowjetunion – alles knüpft an das Leben von Lew Kopelew an. Man erfährt in dieser Biografie mehr über die Sowjetunion als bei der Lektüre vieler trockener Geschichtswälzer.

*) Reinhard Meier: „Lew Kopelew – Humanist und Weltbürger“. Theiss Verlag (WBG), Darmstadt
ISBN 978-3-8062-3488-6

Reinhard Meier liest am 26. Juni 2017 in der „Katakombe“ der Buchhandlung im Zürcher Volkshaus aus seinem Buch und diskutiert mit Ilma Rakusa über Lew Kopelew.

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