Geistesgeschichte unter dem Sonnenschirm

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Geistesgeschichte unter dem Sonnenschirm

Von Urs Meier, 03.08.2013

Denis Diderot und Thiry d'Holbach haben das moderne Denken geprägt. Dies nicht so sehr durch ihre Werke, sondern mit einem Ort der im 18. Jahrhundert ganz neuartigen offenen Debatte, Holbachs Salon.

Der Schriftsteller und Historiker Philipp Blom schafft das Kunststück, ein Kapitel europäischer Philosophie- und Geistesgeschichte flüssig und instruktiv zu erzählen. Die vierhundert Seiten liest man unangestrengt und bestens unterhalten – unter momentanen Wetterbedingungen auch gerne unter dem Sonnenschirm. Dem Autor gelingt eine Mischung aus Zeitkolorit, Lebensbildern, Debatten, Klatsch und einer bekömmlichen Prise Belehrung, die einerseits durchaus hitzeverträglich ist, andererseits aber auch dem grossen Stoff gerecht wird. Dass er sich bei der Wertung der unterschiedlichen philosophischen Positionen und bei der Propagierung der eigenen Ansichten keine Zurückhaltung auferlegt, tut weder dem Genuss noch dem Erkenntnisgewinn des Lesers Abbruch. Kurz, das Buch ist ein heisser Tipp für heisse Tage.

Der Geschmack der Freiheit

Unter dem etwas hundstäglich anmutenden Titel «Böse Philosophen» (Original: A Wicked Company) befasst Blom sich mit dem radikalen Flügel der französischen Aufklärung. Geschickt wählt er als zentralen Schauplatz den Salon des Barons Thiry d’Holbach. Hier trafen sich in den Jahrzehnten vor der Revolution bei ausgedehnten Dîners und Burgundern aus des Barons legendärem Weinkeller sonntags und donnerstags jeweils rund zwanzig Männer, teils regelmässig Teilnehmende, teils eigens Eingeladene. Was den Salon in Paris, ja in ganz Europa gegenüber der Vielzahl ähnlicher Einrichtungen auszeichnete und zum Anziehungspunkt machte, waren nicht nur die exquisiten Tafelfreuden und die schöne Gastgeberin, Madame d’Holbach, sondern der dort herrschende Geist der freien Debatte.

Manche der gelegentlichen Besucher konnten sich nicht genug wundern über die Offenheit und Direktheit, die da gepflegt wurden. Statt der Förmlichkeit gängiger Konversation zählten in Holbachs Salon Brillanz, Geistesgegenwart, Schlagfertigkeit und Witz. Der von allen anerkannte Meister solcher Debattierkunst war Denis Diderot, temperamentvoller Schriftsteller, essayistischer Philosoph und Hauptherausgeber der Encyclopédie – Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des metiers (erschienen in 35 Bänden zwischen 1751 und 1780), des aufklärerischen Jahrhundertwerks schlechthin.

Auflehnung und Anpassung

Holbach, Mitarbeiter an der Encyclopédie und Diderots verlässlicher Freund, war in manchem dessen Gegenteil: disziplinierter Naturwissenschafter und systemorientierter, prinzipienfester Philosoph. Sein Denken entwickelte den Materialismus La Mettries weiter und bewegte sich mit strengem Atheismus und kompromissloser Religionsfeindlichkeit auf gefährlichem Terrain. Wer es damals in Frankreich wagte, die Kirche und die absolutistische Herrschaft zu kritisieren, wurde verfolgt, eingekerkert und in vielen Fällen nach ausgiebiger Folter aufs Grausamste hingerichtet. Holbach gab seine Hauptwerke – «Le christianisme dévoilé» (1761) und «Système de la nature ou des loix du monde physique & du monde moral» (1770) – unter Pseudonymen im Ausland heraus. Sein wohlanständiges Auftreten als vermögender, später geadelter Gelehrter war keineswegs blosse Maskerade, sondern entsprach im Grunde seinem Wesen. Denn als skrupulöser Denker war er eigentlich ganz entgegen seinem Charakter zum geistigen Aufrührer geworden.

Holbach war gradlinig, unbeugsam, moralisch untadelig und seinen Weggefährten ein verlässlicher Freund. Seine radikalen Überzeugungen hielt er ausserhalb seines Salons unter Verschluss und gab den braven Ehrenmann. Diesem anrührenden Porträt stellt Blom das Bild eines Mannes gegenüber mit emotional ins Kraut schiessenden Gedanken, zwiespältigem Charakter und bedenkenlos opportunistischem Verhalten: Rousseau. Der Autor macht keinen Hehl daraus, was er von ihm hält. Für Blom ist Rousseau ein Pseudo-Revolutionär, der als Erfolgsschriftsteller raffiniert die grösstmöglichen sentimentalen Wirkungen erzielte, aber weder eine kohärente Philosophie entwickelte noch an realen gesellschaftlichen Veränderungen interessiert war.

Monographie oder historischer Roman

Dem mag man als Leser zustimmen oder nicht. Die Verve, mit der Blom seine Bewunderung für Diderot und Holbach wie auch seine Verachtung für Rousseau zum Ausdruck bringt, rückt das wahrscheinlich als philosophiegeschichtliche Monographie angelegte Buch in die Nähe des Genres historischer Roman. «Böse Philosophen» ist beides geworden: eine im grösseren Umfeld des 18. Jahrhunderts situierte Darstellung und Würdigung von Holbachs Salon, aber zugleich auch eine mit historischer Akribie und narrativer Intuition gesättigte Erzählung aus einer hoch dramatischen Epoche der europäischen Geistesgeschichte.

Neben den drei zentralen Figuren Diderot, Holbach und Rousseau erscheint eine Vielzahl weiterer Gestalten. Eindrucksvoll etwa die Schriftstellerin Louise d’Epinay, die man als unabhängige Frau erlebt. Friedrich Melchior Grimm, zunächst ihr Geliebter, gehört ursprünglich dem Kreis der Aufklärer an, macht aber Karriere als Herausgeber der handschriftlich verbreiteten (und daher nicht der Zensur unterworfenen) und von einzelnen Herrscherhäusern abonnierten Correspondance littéraire, wird geadelt und wechselt schliesslich die Seiten. Voltaire taucht immer wieder am Rand des Geschehens auf. Blom erfasst ihn mit raschen Skizzen.

Geerdete Philosophie

Eine besondere Qualität des Buches liegt in der Anschaulichkeit, mit der es Alltag, Lebens- und Arbeitsbedingungen seiner Protagonisten schildert. Was für Vorsichtsmassnahmen es brauchte, um die Encyclopédie trotz Repression und Zensur herauszubringen; wie ein Diderot die für seine Familie nötigen Einkünfte erzielte (oder eben nicht); wie man mit kleinen, aber immer unsicheren Freiräumen lebte unter dem Joch des Absolutismus: all dies hat Blom ständig mit im Blick, wenn er von der Entwicklung der grossen aufklärerischen Gedanken und Ideale erzählt.

Aber auch die Intrigen und Affären bekommen ihren Platz. Es kursieren Gerüchte, es gibt Streit und, seltener, Versöhnung. Diderots keifende Ehefrau, seine Langeweile beim Sommeraufenthalt auf Holbachs Landsitz, die Strapazen der widerwillig angetretenen Reise zu Zarin Katharina nach St. Petersburg – auch solche Dinge gehören eben zur Geschichte der Aufklärung. Philosophie ist nicht losgelöst vom Leben. Man kann Bloms zauberhaftes Buch wirklich ganz gut unter dem Sonnenschirm lesen.


Philipp Blom: Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung, 400 S., gebundene Ausgabe: Carl Hanser Verlag 2011, Fr. 38.90/ Taschenbuch: dtv 2013, Fr. 19.90

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