Geil und andere Wortkarrieren

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Geil und andere Wortkarrieren

Von Reinhard Meier, 29.04.2016

Auch Thomas Mann verwendet im „Zauberberg“ das inzwischen zum vulgären Allerweltswort mutierte „geil“. Allerdings in einem heute wenig bekannten Sinn.

Der germanistisch geschulte Journalist Matthias Heine geht in seinem unlängst erschienen Buch „Seit wann hat geil nichts mehr mit Sex zu tun?“ (Hoffmann und Campe, 2016) insgesamt hundert  Wörtern nach, die im neudeutschen Sprachgebrauch erstaunliche Karriere gemacht haben.  Aus der Fülle dieser Geschichten seien hier drei Begriffe und ihre merkwürdige Laufbahn näher beleuchtet: geil, Gutmensch und Shitstorm.

Supergeiles Trottinet

Noch vor drei oder vier Jahrzehnten galt das Adjektiv geil als Gegensatz zu keusch - also im Sinne von schamlos, gierig im sexuellen Sinne, triebhaft. Doch seit Mitte der achtziger Jahre ist geil vornehmlich zu einem alltäglichen Adjektiv in der Bedeutung von toll, grossartig, super geworden. Die wohl anfänglich provokativ gemeinte Verwendung des Wortes hat sich durch den inflationären Gebrauch praktisch abgeschliffen. Gewiss verwendet man geil auch heutzutage nicht in einem seriösen Leitartikel. Aber wenn ein fünfjähriger Dreikäsehoch meint, sein neues Trottinet sei einfach supergeil, dann hat er ziemlich sicher von der „unkeuschen“ Bedeutung dieses Ausdrucks keine Ahnung.

Ursprünglich hatte, so erfährt man im Buch von Matthias Heine, auch das erotisch aufgeladene geil eine viel breitere Bedeutung. Im Althochdeutschen stand es auch für „übermütig, überheblich“ und im Mittelhochdeutschen wurde es im Sinne von „von wilder Kraft, mutwillig, üppig“ eingesetzt.  Diese letztere Bedeutungsnuance habe es noch heute, schreibt Heine, etwa wenn im älteren Sprachgebrauch von „geil wachsenden Pflanzen“ die Rede ist. Dazu liefert der Autor ein hübsches Beispiel aus Thomas Manns „Zauberberg“. Dort heisst es über den von Unkraut überwucherten Wald rund um Davos: „Dem Walde ging es nicht gut, er krankte an dieser geilen Flechte, sie drohte ihn zu ersticken.“

Gutmensch – als Familienname ausgestorben

Nun zur Karriere von Gutmensch. Der Ausdruck war vor gut hundert Jahren noch ein vor allem in Österreich öfters vorkommender Familienname, auch in Russland ist der Name aktenkundig.  Inzwischen aber ist dieser Familienname ausgestorben, im Wiener Telefonbuch sei er nicht mehr aufzufinden, erklärt Heine. Umso üppiger blühte er ab den 1990er Jahren und bis vor kurzer Zeit als Spott- und Hasswort, im Sinne von naiv, unbedarft, dumm.  Doch inzwischen sei der Gutmensch „durch übermässigen Gebrauch der falschen Leute unbrauchbar gemacht worden“, argumentiert der Autor.

Eine Jury aus Sprachwissenschaftern hat den Ausdruck Anfang 2016 zum „Unwort des Jahres“ gewählt. Mit dem Vorwurf Gutmensch oder Gutmenschentum  würden Toleranz, Hilfsbereitschaft pauschal als dumm,  hirnrissig oder als moralischer Imperialismus diffamiert, heisst es in der Begründung.  Trotz dieses Verdikts der Sprachforscher:  Anders als der Familienname ist der Gutmensch als Verbalinjurie noch keineswegs ausgestorben.

Luther und der Shitstorm

Schliesslich zum Shitstorm. Auf dieses Wort, schreibt Matthias Heine, „hat Deutschland seit Luther gewartet“.  Erfinder des Shitstorms sind, wie so häufig bei Begriffen, die in der globalisierten Welt steile Karriere machen, die Angelsachsen. Im Englischen ist der Shitstorm seit 1948 belegt: In Norman Mailers „The Naked and the Dead“ kommt der Ausdruck zweimal vor – dort allerdings noch in zwei Wörtern geschrieben. Er steht dort im Zusammenhang mit unübersichtlichen, gefährlichen Gefechtssituationen.

Richtig populär und umgangssprachlich aber wurde der Shitstorm erst mit dem Internet und den sozialen Netzwerken. Der Shitstorm habe eine Benennungslücke  gefüllt, so erklärte ein Germanist  in einer Internetzeitung. Es existierte einfach kein deutsches Wort für das Phänomen einer massenhaften, schnell aufbrausenden Empörung im Internet.  Der Buchautor Heine meint (vielleicht etwas  gar einseitig auf seiner Herkunft fixiert) der „Scheissesturm“ sei eigentlich eine „deutsche Errungenschaft“.  Anhänger Martin Luthers, des „wohl grössten deutschen Polemikers“, hätten am 15. Juni 1520 in Leipzig, Torgau und Döbeln die päpstliche Bannandrohungs-Bulle  mit Kot beworfen. Im Vergleich dazu sind heutige Shitstorms doch erheblich zivilisierter geworden.

Kommentare

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Apropos »geil«: Ich erinnere mich an eine Vorlesung in Deutscher Philologie vor fünfundzwanzig Jahren, in der unser Professor über das Wörtchen »geil« referierte. Unter anderem las er ein paar Zeilen aus einer alten Bibelübersetzung, in der es hiess, dass Maria ganz geil war, als sie Jesus unter ihrem Herzen trug. Das Wort habe damals nämlich noch »froh, fröhlich« bedeutet und sei verwandt mit dem französischen »gai« sowie dem englischen »gay«, wobei letzteres wiederum einen Bedeutungswandel anderer Art durchlebt hat …

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