Gegenwind

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Gegenwind

Von Stephan Wehowsky, 21.11.2017

Das, was sich vor aller Augen abspielt, hat auch eine verborgene Seite. Manchmal ist sie selbst den Akteuren unbekannt. Und was sieht der Zeitzeuge mit der Kamera?

Der Bildband mit dem Titel, „Gegenwind. Facing the Sixties“ von Michael Ruetz erschliesst sich nicht auf den ersten Blick. Obwohl man viele Bilder schon gesehen hat und einem die westdeutsche Studentenbewegung der 1960er Jahre nach wie vor in Erinnerung ist, bleiben die Eindrücke merkwürdig fremd. Als hätte sich alles auf einem anderen Planeten abgespielt.

Blow-up

Diese Hürde wird auch nicht dadurch überwunden, dass die Bilder in einer ganz speziellen Weise aufbereitet worden sind. Michael Ruetz hat nämlich Details der Fotos ohne Rücksicht auf grobes Korn und Unschärfen vergrössert und neben die ursprünglichen Bilder gestellt.

„Blow-up“ heisst dieses fotografische Verfahren, und in seinem Vorwort erinnert Christoph Stölzl, einer der bekanntesten Kunst- und Fotoexperten Deutschlands, an den gleichnamigen Film von Michelangelo Antonini. Dieser Film handelt davon, dass ein Fotograf, der heimlich Fotos in einem Park von einem Liebespaar gemacht hat, einzelne Ausschnitte überdimensional vergrössert und dabei unversehens auf die Spur eines Verbrechens stösst.

„Blow-up“ ist also konnotiert: Ausschnitte, ins geradezu Überdimensionale vergrössert, können Verborgenes, möglicherweise sogar Verbrecherisches, sichtbar machen. Im vorliegenden Bildband wird dieser Effekt in der Weise angestrebt, dass zum Beispiel einzelne Gesichter aus Menschenansammlungen herausvergrössert werden und dadurch etwas zum Ausdruck bringen, was sonst übersehen wird.

Innere Distanz

Das Problem besteht aber darin, dass sich dieser Effekt nicht von selbst einstellt. Der Betrachter erkennt, was der Fotograf mit seinen Ausschnitten will, aber es zündet nicht. Hier und da gibt es natürlich Aha-Effekte, aber es kommt auch zu Ermüdungserscheinungen.

Das ist erstaunlich, denn Michael Ruetz gehörte zu den renommiertesten deutschen Fotografen der Nachkriegszeit. Seine Bilder waren in allen wichtigen Zeitschriften zu sehen, und daher erkennt man einige sofort wieder. Aber Ruetz war eher ein Reportagefotograf. Seine Fotos überwältigen die Betrachter nicht durch formale Finesse oder eine bestechende Ästhetik. Sie wirken prosaisch.

Neue Perspektiven

Am Ende des Bandes ergeben sich aber völlig neue Perspektiven. In einem kurzen Schlusswort erklärt Michael Ruetz, dass er zwar auf der Seite der Protestbewegung stand, aber nicht aus einer naiven Begeisterung für den Sozialismus oder Kommunismus, in welcher Spielart auch immer. Er schüttelte den Kopf bei manchen Formen des Protestes, die er in seinen Bildern dokumentierte. Die Akteure beurteilte er äusserst nüchtern, wobei er Rudi Dutschke und Joseph Beuys vielleicht etwas zu unkritisch sah.

Joseph Beuys, Kassel, 8. Oktober 1972 © Michael Ruetz
Joseph Beuys, Kassel, 8. Oktober 1972 © Michael Ruetz

In diesem Text jedenfalls lernt man einen Zeitzeugen kennen, der einem in seiner Skepsis nahekommt. Dann aber liefert Michael Ruetz den eigentlichen Schlüssel zum Verständnis seiner Bilder. Dieser Schlüssel besteht im Hass auf die alten Nazis. Darin war er mit der studentischen Protestbewegung einig. Denn diese alten Nazis, die Vätergeneration, hatten sich allüberall in der Bundesrepublik eingenistet und taten so, als hätte es ihre Verbrechen nicht gegeben. Auf diesen Skandal war die Studentenbewegung eine Antwort.

Ganz am Ende seines Bildbandes hat Michael Ruetz alle Bilder noch einmal in einem kleinen Format, also in Umkehrung des Blow-up, aufgeflistet und mit kleinen Kommentaren versehen. Diese Kommentare sind pointiert, voller Ironie, zum Teil aber auch bitter. Und plötzlich versteht man. Also blättert man noch einmal zurück – und sieht die Bilder mit anderen Augen.

Die Verborgenheit der Nazis

Bilder erzählen zwar Geschichten. Aber der Band von Michael Ruetz erweist, wie stark der Betrachter bei manchen Bildern auf Erklärungen angewiesen ist, um sie zu verstehen. Die Auswüchse der studentischen Protestbewegung geschahen vor dem Hintergrund der unbewältigten Nazi-Vergangenheit. Damit sind sie nicht entschuldigt, aber die Radikalitiät und die Intoleranz lassen sich zu einem Teil aus der inneren Unsicherheit als Folge dieser Vergangenheit deuten. Alexander Mitscherlich hat das mentale Klima der damaligen Zeit in einem Bestseller als die „Unfähigkeit zu trauern“ beschrieben.

Auch an anderen Stellen hat sich das Erbe der Nazis unter der Oberfläche gezeigt. Michael Ruetz hat bis in die 1970er Jahre hinein Aufmärsche in der ehemaligen DDR fotografiert und das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz besucht. Im Oktober 1968 hat er „Totenvögel“ über Birkenau fotografiert und notiert; „Wer darüber nicht den Verstand verliert, der hat keinen zu verlieren.“

Die Nazivergangenheit ist der dunkle Hintergrund der Bilder von Michael Ruetz. Deswegen fotografierte er auch Versuche, so etwas wie Glück zu finden. Zwei Bilder zeigen zwei ältere Paare im Juli 1975 in Warnemünde. Er notiert: „Wer sagt, dass Liebespaare jung sein müssen?“

Dieser Band erschliesst sich nicht auf den ersten Blick. Aber er belohnt einen zweiten – und tieferen.

Michael Ruetz: Gegenwind. Facing the Sixties. Fotografien. Mit Texten von Michael Ruetz und Christoph Stölzl, 208 Seiten, 85 Fotos, mit ca. 100 separaten Details. Wädenswil : Nimbus. Kunst und Bücher, 2017.

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