Gefährlich aufgeladene Identitäten

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Gefährlich aufgeladene Identitäten

Von Urs Meier, 10.01.2017

Der Begriff der Identität ist positiv besetzt. Im politischen Gebrauch jedoch kann er giftig werden.

Nach dem Schock der Trump-Wahl hat der amerikanische Ideenhistoriker und Politikwissenschafter Mark Lilla die „Identitätspolitik“ angeprangert (New York Times, 18.11.2016; NZZ, 26.11.2016), in die sich urbane Milieus im allgemeinen und die linksliberal-akademische Welt im besonderen verirrt hätten.

Worum geht es? Lilla konstatiert in den USA eine Diskrepanz. Sie bezieht sich auf die, wie er meint, im allgemeinen gut akzeptierte und zufriedenstellend funktionierende Diversität der Nationalitäten, Ethnien, sozialen Gruppen, Lebensstile etc. Diese längst schon normale Pluralität rufe nun aber eine wachsende Panik hervor, und zwar ausgerechnet bei den linksliberalen Kreisen, die solche Diversität propagierten. Was Angst auslöse, seien paradoxerweise gerade die Erfolge der vielfältigen Anti-Diskriminierungskampagnen. Diese hätten nämlich eine mehr und mehr in unterschiedliche „Identitäten“ fraktionierte Gesellschaft hervorgebracht, die liberalen Vorstellungen in keiner Weise mehr entspreche.

Sackgassen der Gruppenidentität

Emanzipation begann stets damit, dass diskriminierte Gruppen die ihnen von aussen auferlegten Zuschreibungen durchschauten. Sie erkannten darin Zeichen der Missachtung und Mittel der Unterdrückung. Selbstbestimmte Identität wurde für die Marginalisierten zum Schlüssel einer Gegenstrategie. Überschiesst nun aber diese Reaktion ins Extreme, so hat man es laut Mark Lilla mit einer Identitätspolitik zu tun, die sich in keiner Weise mehr um die Gesellschaft als Ganze schert. Lilla spricht in diesem Zusammenhang von Colleges, die Geschichtsbilder ausschliesslich zur Festigung der jeweiligen Identität vermitteln oder von Tendenzen, das Leben auf dem Hochschulcampus konsequent innerhalb geschlossener Identitätsgruppen zu organisieren.

Bei der Präsidentschaftswahl hat diese Fraktionierung nach Lillas Überzeugung der demokratischen Kampagne die nötige Durchschlagskraft geraubt. Hillary Clinton habe nämlich stets versucht, die einzelnen Identitätsgruppen anzusprechen – was unvermeidlich dazu führe, stets zahlreiche andere dieser Gruppierungen zu übergehen, zu enttäuschen und zu demotivieren. Über diesen Versuchen habe sie es versäumt, dem gegnerischen „Make America Great Again“ eine eigene integrierende Vision gegenüberzustellen. – Über diese Analyse des Wahldesasters gab es heftige publizistische Debatten, die auch in deutschsprachigen Feuilletons Wellen schlugen.

Dass es mit einer besseren Strategie den Demokraten zum Sieg gereicht hätte, kann ja sein. Mehr als solche Spekulationen aber sollte Lillas These interessieren, die amerikanische Gesellschaft sei gerade wegen eines Überschiessens der anti-diskriminatorischen Identitätspolitik in einem Ausmass in hermetische Gruppierungen aufgespalten, dass es nicht mehr möglich sei, allgemeine, die Gesellschaft als Ganze betreffende Anliegen zu benennen, zu vertreten und durchzusetzen. Bedroht sei dadurch vor allem der Schutz der Individuen vor Zwang und Vereinnahmung.

Sen versus Huntington revisited

Mit dieser Warnung greift Mark Lilla eine Position auf, die zehn Jahre zuvor von Amartya Sen, dem amerikanisch-indischen Ökonomen und Nobelpreisträger, mit seinem Buch „Die Identitätsfalle“ (original: Identity and Violence. The Illusion of Destiny, 2006) in etwas anderem Zusammenhang vertreten wurde. Sen schrieb sein Buch als Entgegnung auf Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“ (1996). Die deutsche Ausgabe von Sens Buch hat sogar den Untertitel „Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt“.

Huntingtons Buchtitel „Clash of Civilizations“ ist zum politischen Schlagwort geworden. Ursprünglich als zeitgeschichtliche Analyse der grossen politischen Konfliktlinien angelegt, hat seine Sichtweise sich zu einer ideologisierten geopolitischen Gesamtschau versteift. Als Berater der amerikanischen Regierung hatte Huntington wohl einigen Einfluss auf deren Art, über die Rolle von Kulturen und Religionen in der globalisierten Welt zu denken.

„Civilizations“, in der Regel mit „Kulturen“ übersetzt, sind in dieser Sicht die grossen Kulturkreise, die sich dynamisch entwickeln und nicht scharf abgrenzen lassen. Trotz solcher Relativierungen nimmt Huntington eine straffe Gliederung der Welt-Kulturen vor. Demnach gibt es einen westlichen, einen slawisch-orthodoxen, einen islamischen, einen hinduistischen, einen chinesischen und einen isolierten japanischen Kreis. Fraglich ist nach Huntington die zusätzliche Abgrenzung einer afrikanischen und einer lateinamerikanischen Kultur.

Aufgewertete Kulturen in der Welt nach 1989

Interessanter als die diskutable Einteilung der Welt ist bei Huntington die soziologische Begründung für die gewachsene Bedeutung von „Kultur“. Eine Hauptursache findet er im Wegfall der bipolaren Ordnung von kommunistischem und kapitalistischem System. Identitätsstiftend sei nicht mehr die Antwort auf die Frage „Wo stehst du?“ Zu beantworten sei im Zeitalter nach 1989 vielmehr die Frage „Wer bist du?“ Im Zentrum stehe also die Identität. Festgemacht werde sie im Rückbezug auf Herkunft, Religion, Sprache, Brauchtum, Institutionen, Werte – kurz: in der Kultur.

Paradoxerweise sei es gerade der Prozess der Globalisierung, welcher kulturelle Differenzen als Distinktionsmerkmale akzentuiere. Das eigene Anderssein werde erst recht zum identitätsstiftenden Moment, wenn die Verschiedenartigkeit von Kulturen im eigenen Lebensradius in Erscheinung trete.

Die Clash-These hat eine vordergründige Plausibilität, die sie für beliebige Verwendungen zu politischen Zwecken geradezu prädestiniert. Betrachtet man jedoch die in den zwei Jahrzehnten seit dem Erscheinen des Buches angeblich so zwingenden Bestätigungen der These etwas genauer, so verliert das Huntington-Theorem an Überzeugungskraft. Ausgerechnet der stets als Hauptbeleg genannte gewalttätige Islamismus schert aus Huntingtons Deutungsrahmen aus, da er nicht ausschliesslich, ja nicht einmal primär gegen andere „Kulturen“ vorgeht, sondern vor allem gegen die eigene.

Einseitige monokausale Sicht

Doch die Frage, ob Huntington denn mit seinen Prognosen Recht behalten habe, ist noch nicht einmal das Hauptproblem. Amartya Sen kritisiert vor allem Huntingtons Ansatz, die Welt als einen Verbund von Religionen, Kulturen oder Zivilisationen zu definieren. So gelange man zu einer monokausalen Deutung menschlicher Identität, wonach die Menschen einer und nur einer Gruppe angehörten – eben derjenigen ihrer „Kultur“, die obendrein, so moniert Sen, bei Huntington in unzulässiger Weise einseitig religiös definiert sei.

Huntingtons vergröbernde Analyse bietet der Kritik in der Tat viele Angriffsflächen. So zerpflückt Amartya Sen beispielsweise Samuel Huntingtons generalisierende Beschreibung des indischen Subkontinents als hinduistischen Kulturkreis. Das sei allein schon wegen der starken Präsenz des Islams in diesem Raum nicht zulässig.

Gründlich nimmt Sen sodann den Vergleich zwischen Korea und Ghana auseinander, den Huntington in einer anderen Publikation angestellt hat. Die Tatsache, dass die beiden Länder, nachdem sie in den 1960er Jahren wirtschaftlich etwa gleich schlecht gestellt waren, sich seither so eklatant verschieden entwickelten, meinte Huntington als Beleg für die alles bestimmende Prägekraft der unterschiedlichen „Civilizations“ verwenden zu können. Sen zeigt jedoch, dass nicht „Kultur“ die Ursache der Stagnation des einen und des Aufstiegs des anderen Landes sei, sondern dass der Erfolg Koreas entscheidend auf korrekter Analyse entwicklungshemmender Faktoren (in erster Linie Mangel an allgemeiner Bildung) und weitsichtigen politischen Entscheidungen beruhe.

Freiheit ist nicht westlich

Mit Schärfe erhebt Sen Einspruch gegen Huntingtons Suggestion, freiheitliche und demokratische Werte seien einzig dem westlichen Kulturkreis eigen. Er beschreibt als Beispiel die erstaunlichen Freiheiten, die in philosophisch-religiösen Diskursen Indiens um 1590 möglich waren, verweist auf afrikanische Traditionen des Aushandelns und gemeinsamen Entscheidens – und klagt die Weltmächte an, sie trügen „die schreckliche Verantwortung dafür, in der Zeit des Kalten Krieges die Demokratie in Afrika untergraben zu haben“.

Schwerer als die wissenschaftlichen Mängel wiegen nach Sens Ansicht jedoch die politischen Implikationen von Huntingtons Theorie: „Unser gemeinsames Menschsein wird brutal in Frage gestellt, wenn man die vielfältigen Teilungen in der Welt auf ein einziges, angeblich dominierendes Klassifikationsschema reduziert, sei es der Religion, der Gemeinschaft, der Kultur, der Nation oder der Zivilisation (...). Die Aufteilung der Welt nach einem einzigen Kriterium stiftet weit mehr Unfrieden als das Universum der pluralen und mannigfaltigen Kategorien, welche die Welt prägen, in der wir leben. (...) Die Hoffnung auf Eintracht in der heutigen Welt beruht in hohem Masse auf einem klareren Verständnis der Vielzahl unserer menschlichen Identitäten und der Einsicht, dass diese sich überschneiden und damit einer scharfen Abgrenzung nach einem einzigen unüberwindlichen Einteilungskriterium entgegenwirken.“

Kommunitarismus ist nicht die Lösung

Die Menschen als individuelle Personen mit komplexen, vielschichtigen Identitäten zu sehen und nicht als Angehörige religiös-kulturell definierter Kollektive: Dies ist das liberale Postulat des Huntington-Kritikers. Von kommunitaristischen Konzepten hält Sen aus genau diesem Grund wenig. Er erkennt in deren Versuchen zur Revitalisierung sozialer Bezüge und Verantwortlichkeiten die gleiche philosophisch problematische Bevorzugung des Kollektivs gegenüber dem Individuum wie bei Huntingtons Kulturalismus. Die Menschen müssen auch die Freiheit haben, sich den Vereinnahmungen durch kollektivistische Strömungen zu entziehen, beispielsweise mit dem Entscheid, sich überhaupt nicht religiös zu definieren.

Dieser Kritik am Kommunitarismus schliesst sich Mark Lilla an. Gegen Ansprüche, die seitens „Kulturen“, sozialen Gemeinschaften oder Identitätsgruppen auf den Einzelnen erhoben werden, ist nach dem Credo beider Theoretiker die Freiheit des Individuums zu verteidigen. Nur mit einem derartigen liberalen Ansatz, so ihre Überzeugung, liessen sich gesamtgesellschaftliche Postulate festhalten und durchsetzen. Denn jede kulturalistische oder identitätspolitische Festlegung führe ja zur Verengung des Blicks auf das Nicht-Fremde und zum Verlust eines offenen Horizonts.

Neue rechtsextreme Spielart

Mit der sogenannten „Identitären Bewegung“ (IB) ist eine aggressive Abart der kulturalistischen Sicht auf die Gesellschaft auf den Plan getreten. Die dem Rechtsextremismus zugehörigen „Identitären“ machen sich angeblich für einen „Ethnopluralismus“ stark, indem sie sich gegen jede „Vermischung“ verschiedener Kulturen wehren – gemeint sind allerdings faktisch Rassen, wenn auch die IB dies aus propagandistisch-taktischen Gründen heftig bestreitet. Ihre ideologischen Kampfbegriffe sind die „Islamisierung“ und der „grosse Austausch“, die angebliche Verdrängung der einheimischen Bevölkerung durch massenhafte Einwanderung.

Die IB insistiert darauf, angeblich nicht rassistisch zu sein. Faktisch nutzt sie die unter identitätspolitischen Zielsetzungen anderswo – etwa bei Huntington oder in der inneramerikanischen Gesellschaftspolitik – entwickelten Diskurse für ihr neu aufgelegtes völkisches Konzept. Der britische Soziologe Stuart Hall hat diese Mimikry mit seinem Begriff „Rassismus ohne Rassen“ blossgestellt.

Gewaltpotentiale von Identitätspolitik

Samuel Huntington wollte mit seinem „Clash of Civilizations“ warnend auf ein die geopolitische Konstellation des Kalten Kriegs ablösendes neues Gewaltpotenzial hinweisen. Seine Weltdeutung wurde in der Folge aber auch dazu benützt, anderweitig – etwa durch soziale und wirtschaftliche Diskrepanzen oder Machtpolitik – verursachte Konflikte umzudefinieren. Der so missbrauchte Kulturalismus à la Huntington vermag Unrecht oder krude Interessenpolitik zu verschleiern, wodurch er dann selbst zu einem Instrument der Gewalt umfunktioniert wird.

Auch eine Identitätspolitik wie die oft beschriebenen Exzesse der Political Correctness und die endlose Kasuistik des Anprangerns sogenannter Mikro-Aggressionen – vor allem im amerikanischen, nun offenbar vereinzelt auch im europäischen Hochschulwesen – birgt Gewalt in sich. Sie bricht in subtilen und handfesten Formen aus. Der amerikanische Romancier Philip Roth hat ihr mit „The Human Stain“ (erschienen 2000; deutsch: Der menschliche Makel) ein unvergessliches Mahnmal gesetzt.

Völliger Verzicht auf Subtilität kennzeichnet das Spiel mit der Gewalt, das Kreise wie die „Identitäre Bewegung“ treiben. Es widerhallt als Echo in der politischen Symbolik, deren sich Pegida ungeniert bedient, wenn sie etwa Puppen von Angela Merkel an Galgen mit sich führt. Und es findet Eingang in die politische Rhetorik der AfD, wenn dort NS-Begriffe rehabilitiert und Schiessbefehle gegen Flüchtlinge insinuiert werden.

Kommentare

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Civilisations - es gibt Kulturen und Unkulturen, Zivilisierte und nicht Zivilisierte, Menschenrechtsachter und Menschenrechtsbrechende. Sind diese beiden Antagonisten auf Augenhöhe? Israelis wissen die Antwort, wir tabuisieren.

Die Identitären spielen doch praktisch keine Rolle in der Debatte, ausser in Frankreich sind sie völlig unbekannt und negiert. Das Chaos der emanzipierten Subkulturen - jenseits zivilisatorischer Gemeinsamkeit - ist auf der anderen Seite zu sehen: bei den vielen PC-Gruppen (LSGB), bei den Muslims, bei den "Black Lives", you name it. Hier wird wieder mal ein Popanz aufgebaut.

Dabei war der Einstieg in den Artikel vielversprechend mit dem Hinweis auf die wachsende Panik der Linken. Ihre Wählerschaft, zumindest in den USA, aber vermutlich auch in Europa, ist zu divergent geworden (gemacht worden), um damit noch zu reüssieren.

Sehr geehrter Urs Meier!,
Habe mit großem Interesse und Zustimmung Ihren Essay gelesen und möchte gerne erinnern an "Das Ende der Eindeutigkeit", Zygmunt Bauman (1991), das gut zu Ihrem Argumentationsfaden paßt.
Ihr Thomas Esche

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