Geduldige deutsche Wiederentdeckung

Georg Brunold's picture

Geduldige deutsche Wiederentdeckung

Von Georg Brunold, 25.07.2020

Seinen in Fortsetzungen vom «Petit Parisien» gedruckten Reportagen folgten Buchfassungen, die Tucholsky 1925 und seine Zeitgenossen östlich des Rheins umgehend in Übersetzungen zu lesen bekamen.

Von dem halben Dutzend deutscher Ausgaben aus den zwanziger und frühen dreissiger Jahren sind einige teure antiquarische Raritäten. Der Autor heisst Albert Londres, und in seinem Heimatland ist von ihm bald hundert Jahre später kein Wort vergriffen, sondern alles in zwei Mordsschinken versammelt: die Bücher in dem Band «Oeuvres Complètes» (Arléa, Paris 2007, 900 S.), kleinere Texte in «Câbles et Reportages» (Arléa, Paris 2007, 944 S.). Amazon.fr führt derzeit 132 Einzelausgaben auf, deren Zahl weiter im Wachsen begriffen ist. Der Prix Albert Londres gilt als der renommierteste Journalistenpreis in Frankreich.

Seit bald zehn Jahren tragen nun vereinzelte deutsche Neuausgaben ein klein wenig bei zur Leuchtkraft dieses hellsten Sterns an Frankreichs Reporterhimmel des 20. Jahrhunderts. Ein Porträt Londres’ – und nicht bloss Anmerkungen zur Editionschronik wie dies hier – ist da nachzulesen.

Ein paar Sätze daraus habe ich mir ohne Quellenangabe zu übernehmen erlaubt. Den Anlass damals gab der 348. Band der «Anderen Bibliothek» vom Dezember 2013, eine durchaus passende Adresse für Londres, wo der eine oder andere Titel von ihm schon mindestens ein Vierteljahrhundert lang zu erwarten gewesen wäre, ehe es dem Vernehmen nach schliesslich doch noch Hans Magnus Enzensberger, der Gründer der Reihe, gewesen sein soll, der dem derzeitigen Herausgeber Christian Döring den Hinweis gegeben hat.

«Ein Reporter und nichts als das», der nicht recht durchsichtige Titel des Bandes, der sich nicht aus sich selbst erhellen will, stammt aus der «Weltbühne», wo Tucholsky Londres mit dieser Formel charakterisiert und anfügt: «keine langatmigen Untersuchungen, keine exakten Dokumente, sondern: Wo ist etwas los? Ich will dabei sein! Ihr werdet lesen.» – und dies allerdings in weltpolitischem Rahmen, wie man hinzuzufügen hat. Ein Reporter, und das genügt, könnte man die besagte Formel übersetzen, das genügt wahrhaftig.

Der Band bringt drei lange Stücke über China (1922), über das Schicksal der Juden zwischen europäischem Ghetto und Palästina (1930) und über die Perlenfischerei auf der Arabischen Halbinsel (1931). Alle gehören sie zur «pièce de résistance» in Londres’ Oeuvre. Sein Adressat, nicht anders als die Endabnehmerin der armen Teufel vom Roten Meer und vom Golf, ist die Pariser Hautevolee, der hier vorgeführt wird, dass man ein Elend wie das der Perlentaucherexistenz selbst im Bergbau oder in Söldnerheeren in der Sahara vergeblich suchen würde.

«Afrika in Ketten. Reportagen aus den Kolonien»: Im April dieses Jahres schliesslich ist in der «Anderen Bibliothek» ein weiterer Band von Albert Londres erschienen (Band Nr. 424), der zwei Reisen und Bücher von 1924 und 1929 vereint.

In «Hätte Dante das gesehen» (im Original: «Dante n'avait rien vu») besucht er Strafbataillone der französischen Armee in Nordafrika. In «Schwarz und Weiss. Die Wahrheit über Afrika» (erstmals deutsch bereits 1929 bei Agis in Berlin) reist er vom Senegal zum Kongo, um sich in den französischen Besitzungen Afrikas umzuschauen. Wie vor ihm Ferdinand Céline und nach ihm Georges Simenon trägt Londres seine Kritik am Kolonialismus weniger als Anwalt der geknechteten Schwarzen vor, sondern, weit wirkungsvoller, als ein um seine Landsleute besorgter Patriot: Allen voran sind es die Kolonisten selber, die ihr Tun und Lassen in Monstren verwandelt.

In den vergangenen zehn Jahren sind bei periphereren deutschen Verlagen drei weitere kleinere Bücher von Londres erschienen: 2011 beim Covadonga Verlag in  Bielfeld «Die Strafgefangenen der Landstrasse» über das Leben der ramponierten Radfahrerhelden der Tour de France von 1924 und im Jubiläumsjahr 2014 bei Diaphanes in Zürich eine Auswahl «Frontdepeschen 1914», so der Untertitel zu «Was sind neun Tage Schlacht?»

Ins Zentrum von Londres’ Schaffen und Wirken führt der dritte der besagten Titel: «Die Flucht aus der Hölle», als Band 4 der «Libertären Bibliothek» erschienen 2010 bei Edition AV in Lich/Hessen. In Brasilien hat Londres 1927 den Anarchisten Eugène Camille Dieudonné ausfindig gemacht, dem im Jahr zuvor nach vierzehnjähriger Gefangenschaft die Flucht aus der französischen Strafkolonie von Cayenne in Französisch-Guayana gelungen ist. Mit seinen Demarchen bei der französischen Regierung erwirkt Londres schliesslich die Rehabilitation Dieudonnés, von dessen Unschuld Journalisten die Öffentlichkeit schon vor der Deportation zu überzeugen vermocht hatten.

Auf eine deutsche Neuauflage wartet derweil immer noch der Klassiker und einstige Superseller «Au bagne», deutsch «Bagno. Die Hölle der Sträflinge» (E. Laub’sche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1924; antiquarisch derzeit zwischen 50 und 100 CHF). 1923 hat Londres sich einen Monat in der Strafkolonie aufgehalten und die Verliesse auf der Teufelsinsel von innen kennengelernt. Seine Galerie von Porträts, die noch im selben Jahr in Buchform vorlag, breitet vor dem Leser eine Welt aus, die an Grauen dem Gulag Solschenizyns nicht nachsteht. Zugleich macht sie deutlich, dass die Tiere, in die der Staat hier Menschen zu verwandeln bemüht ist, den unbeschreiblichen Umständen zum Trotz ihre Menschlichkeit behaupten. Der Aufschrei des Reporters hat die umgehende Ablösung des Gouverneurs der Kolonie zur Folge. Nach einigen mehr kosmetischen Reformen und einer Anzahl revidierter Gerichtsverfahren wartet das Bagno freilich weitere vierzehn Jahre auf seine Schliessung, und sein Beitrag dazu kann Londres’ Ruhm erst postum mehren. Ein Denkmal hat ihm, Londres, dem Bagno und Dieudonné Henri Charrière in seinem mit Steve McQueen verfilmten Roman «Papillon» gesetzt.

De retour aus dieser unwirtlichen Karibik erheischen noch die Pariser Irrenhäuser Erwähnung. Deren mörderische Vollzugsordnungen werden vom Reporter höflich als das französische Gesetz angesprochen, mit dem ihn seine undercover Recherchen prompt ins Gehege bringen. Diesem Gesetz «liegt nicht die Idee zugrunde, Menschen, die an einer Geisteskrankheit leiden, zu pflegen und zu heilen, sondern die Angst, welche diese Menschen der Gesellschaft einflössen». Mit seinem erschütternden Pamphlet «Chez les fous», das bis heute nicht ins Deutsche übersetzt ist, setzt Londres wiederum unverzüglich Reformen in Gang.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Ja, zur selben Zeit blühte Stalins und Mussolinis Wirken, der erstere schon mit Millionen Opfern, der zweite mit deutlich weniger. Die Bagni waren die Ablösung der Galeerenstrafe, einer neuen Lösung, aber letztlich gleich wirksam. Mussolini hatte keinen GULAG.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren