Fürio im Durcheinandertal

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Fürio im Durcheinandertal

Von Heiner Hug, 26.05.2019

Vor dreissig Jahren stand eines der vornehmsten und schönsten Hotels der Schweiz in Flammen.

Nicht nur Adlige und Generaldirektoren stiegen hier ab. Auch Grossindustrielle und Diplomaten, Millionärswitwen und Bundesräte – und alte Nazis. Doch nicht nur sie: Hartgesottene Gangster hausten hier immer wieder: Mörder, Vergewaltiger, Rauschgifthändler, ein ganzes Verbrecher-Syndikat. Und ein religiöser Heuchler.

Im Sommer kamen die Vornehmen ins Hotel Waldhaus in Vulpera im Unterengadin. Sie schnupperten hier die gesunde Bergluft und schlürften das mineralhaltige Heilwasser. Im Winter aber lebte hier die Unterwelt. Die Halunken und Schurken schlossen jeweils die Fensterläden, Licht drang keines nach aussen. In der Waschküche verpasste ein Gesichtschirurg den Gaunern eine neue Visage – damit sie von den Bullen nicht erkannt würden. Die 15-jährige Elsi brachte jeweils die Milch ins Kurhaus. Einmal wurde das Mädchen von einem der Schurken vergewaltigt – in einer Milchlache. Die Polizei und die Politik schauten weg.

Potomac-Charlie im Flammenmeer

Dann das Finale: Im Kurhaus feierten die Gangster soeben Weihnachten. Der Christbaum war mit Revolvern und Maschinenpistolen geschmückt. In den Läufen steckten die brennenden Kerzen.

Doch jetzt endlich lehnte sich die Bevölkerung von Vulpera auf. Während der religiöse Heuchler den Verbrechern die Weihnachtspredigt hielt, rollten Feuerwehrleute Fässer mit brennender Flüssigkeit ins Hotel. Mit Motorpumpen, bedient von alten Frauen, wurde Benzin ins Haus gespritzt. Überall Explosionen, überall Schreie. Das ganze Kurhaus stand jetzt in Flammen. Bauern, bewaffnet mit Heugabeln und Äxten trieben jene, die aus dem Haus flüchten wollten, in die Flammen zurück. Das Waffenlager explodierte. Und alle, Marihuana-Jo, Holy-Brandy, Potomac-Charlie, Minnesota-Bill und all die anderen, starben einen fürchterlichen Tod.

Schriftzug Waldhaus Vulpera
Schriftzug Waldhaus Vulpera

Nichts von alldem hat sich so zugetragen. Alles ist Fiktion, erfunden. Das Nobelhotel ist Schauplatz von Friedrich Dürrenmatts Roman „Durcheinandertal“. Der Autor, der seit 1959 zu den Stammgästen des Hotels Waldhaus gehörte, siedelte hier seine letzte, fast klamaukartige Geschichte an.

Doch aus der Fiktion wurde plötzlich brutale Wirklichkeit. Dürrenmatt beendete seinen Roman am 19. April 1989. Gut fünf Wochen später, am 27. Mai 1989, steht das Hotel tatsächlich in Flammen. Bis auf die Grundmauern brennt es nieder, so wie im Roman. Doch es waren nicht die Dorfbewohner, die es anzündeten: Der Brandstifter ist noch immer unbekannt. Ob er sich von Dürrenmatts Roman inspirieren liess, ist reinste Spekulation.

Die Reichen und die Kränkelnden

Das Hotel Waldhaus wurde 1896 im Belle Époque-Stil gebaut. Es war eine der ersten Adressen der mondänen Haute Volée. Das Kurhaus umfasste 270 Zimmer. In der Küche kochten die besten Köche, bis zu 20 an der Zahl. Das Hotel besass eine eigene Metzgerei, eine Patisserie und eine Bäckerei, ebenso einen Golfplatz, ein Schwimmbad und Tennisplätze. Im Garten spielten Musikanten, beim Thé dansant tanzten die Reichen und Kränkelnden. Die Heilquellen von Schuls-Tarasp-Vulpera sollten sie wieder auf Achse bringen.

Hotel Waldhaus Vulpera, farbige Lithographie (Bild: waldhaus-vulpera.org)
Hotel Waldhaus Vulpera, farbige Lithographie (Bild: waldhaus-vulpera.org)

1984 residierte hier die Königin der Niederlande. Dann kamen die Rockefellers.

Johanna Spyri, die „Heidi“-Autorin, erwähnte das Kurhaus schon 1887, als es noch ein Holzchalet war. Im 16. Kapitel ihres Buches „Was soll denn aus ihr werden“ beschreibt die Autorin die Besuche des jungen Mädchens Dori bei Herrn von Aschen, einem alten, kranken Herrn, der im Kurhaus wohnte.

Foto: Men Lansel zVg
Foto: Men Lansel zVg

1937 weilte hier mehrere Wochen lang die indische Fürstin Her Highness Maharani Shrimant Akhand Soubhagyavati Sanyogita Bai Sahib Holkar. Zusammen mit ihrer Entourage belegte die junge Frau zwölf Zimmer. Sie war krank und wurde immer kränker. Am 14. Juli starb sie im Spital von Samedan.

The Maharani of Indore (Bild: Bernard Boutet de Monvel, 1934)
The Maharani of Indore (Bild: Bernard Boutet de Monvel, 1934)

Auch Nazi-Grössen stiegen hier ab. Berichte, wonach auch Hitler hier auftauchte, halten sich hartnäckig. Im Juni 1941 wohnte Hans Frölicher im Kurhaus, der Nazi-freundliche Schweizer Gesandte in Berlin. Dem Aussenministerium in Bern schrieb er vom Kurhaus aus: „Nachdem ich die Frage der Entsendung einer Sanitätshilfe nach Deutschland mit Herren der Industrie und der Ärzteschaft besprochen habe, bin ich der Überzeugung, dass diese Aktion ohne besondere Schwierigkeiten sich durchführen lässt. ... Prof. Sauerbruch, den ich ebenfalls hier sprach, begrüsst sie ebenfalls sehr.“

Neben Ferdinand Sauerbruch wohnten hier auch Carl Jakob Burckhardt, Friedrich Flick, Max Frisch, John Knittel, mehrere Bundesräte, so auch Rudolf Minger.

Die Ostveranda
Die Ostveranda

Der polnisch-österreichische Filmproduzent Lazar Wechsler hatte 1957 Friedrich Dürrenmatt ins Waldhaus eingeladen. Seither kreuzte der Autor immer wieder im Kurhaus auf. Bekannt sind seine häufigen Bar-Besuche.

1983 ging das Haus in Konkurs und wurde geschlossen und 1985 wieder geöffnet. 1988 traten im Kurhaus Vico Torriani, Peter Kraus und die Kessler Zwillinge in einer Fernsehshow auf.

Am 27. Mai 1989 brannte das Hotel trotz Grosseinsatz von 80 Feuerwehrleuten in wenigen Stunden nieder. Da das Feuer an zwei verschiedenen Stellen ausbrach, scheint festzustehen, dass es sich um Brandstiftung handelt. Der oder die Täter konnten nie ermittelt werden. Zwei Jahre zuvor war ein Brandanschlag auf das leer stehende Hotel „Engadinerhof“ in Schuls verübt worden.

Von der Kritik verrissen

Friedrich Dürrenmatt und seine Frau Charlotte Kerr besuchten die Ruine wenige Wochen nach dem Brand. Die „Durcheinandertal“-Geschichte war nicht Dürrenmatts bester Text. Der Roman wurde von der Kritik gnadenlos verrissen.

Die Literaturkritikerin (und Journal21-Autorin) Klara Obermüller sprach 1989 von einem misslungenen Text. Der Roman heisse nicht nur „Durcheinandertal“, er sei auch ein Durcheinander. Die österreichische Kritikerin Sigrid Löffler urteilte, Dürrenmatt werde als Autor überschätzt. Er sei wohl eher ein guter Kabarettist. Und Marcel Reich-Ranicki gab dem Roman den Todesstoss: „Ich finde dieses Buch abscheulich.“

                                               ***

Friedrich Dürrenmatt: Durcheinandertal, Roman, Diogenes, 1989, 176 Seiten
www.waldhaus-vulpera.org

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