Für Irritationen ist gesorgt

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Für Irritationen ist gesorgt

Von Alex Bänninger, 01.05.2017

Der Weg zur verlässlichen Wahrnehmung führt aktuell ins Museum zu Allerheiligen. Dort werden uns die Augen schön verdreht.

Minimalismus kann grossartig sein. Und eine intellektuelle Fleissarbeit. Das Schaffhauser Museum zu Allerheiligen liefert einen Beweis. Ein paar Bilder aus der eigenen Sammlung, einige wenige Leihgaben und eine nahe liegende, aber bestechende kuratorische Idee genügen, damit eine Ausstellung sehenswert wird. Sie heisst „Das Ringen um die Wirklichkeit“ und zeigt „Malerei und Fotografie im Dialog“. Eigentlich: Im Trialog, weil der bilderüberflutete und von Bildern dauernd und immer raffinierter getäuschte Betrachter mit seinem eigenen Ringen um die medial vermittelte Wirklichkeit einbezogen wird. Er findet in der Ausstellung Gelegenheit, seine Augen zu schärfen und über die Untrüglichkeit seiner Wahrnehmung nachzudenken. Herausfordernde Kunst für die Herausforderung im Alltag.

Auf den Kopf gestellt

Für ihre erste in Allerheiligen kuratierte Ausstellung wählte Jennifer Burkard, die vom Musée d'Art et d'Histoire in Genf und der Fondation Pierre Arnaud in Lens VS nach Schaffhausen wechselte, an die 30 Arbeiten aus jüngerer Zeit von 15 Künstlerinnen und Künstlern aus. Berücksichtigt wurde auch die Region.

Auf kleinem Raum wird nicht nur ausgestellt, sondern auch auf den Kopf gestellt. Nicht um der Originalität, sondern um der Erkenntnis willen. Nicht um uns mit modischem Furor Sehgewohnheiten auszutreiben, sondern um uns lustvoll zum skeptischen Blick zu raten.

Die Werke veranschaulichen die zentrale Fragestellung, „ob und, wenn ja, wie die Wirklichkeit treu und glaubwürdig dargestellt und abgebildet werden kann“. Die Antwort bleibt offen. Der Betrachter soll sie selber suchen. Lässt er sich neugierig darauf ein, wird er von Bild zu Bild andere Schlüsse ziehen und über die klassische – oder sich im Kreis drehende – Frage, ob Fotografie Kunst sei, hinauskommen und verblüfft wissen wollen, ob es sich denn bei der Malerei um Kunst handle.

Erweitertes Spektrum

Die beiden Ausdrucksformen nähern sich einander an. Die Fotografie holt aus der Malerei und der installativen Kunst heraus, was ihr gefällt und das gestalterische Spektrum erweitert. Es läuft ein emanzipativer und von der digitalen Nachbearbeitung beschleunigter Prozess.

Fotografen eignen sich die Wirklichkeit an, um sie zu verfremden. Bei Andrin Wintelers „E“ aus der Serie „Monument“ rufen wir aus unserer gespeicherten Erinnerung sofort das Monument Valley als US-amerikanische Ikone ab und merken erst einen Lidschlag später, dass die Felsformationen begradigt wurden. Alles klar.

Andrin Winteler (*1986), E, aus der Serie Monument, 2017, Lambda-Print, 100
× 140 cm, Auflage 1/4 (1 AP), Leihgabe des Künstlers
Andrin Winteler (*1986), E, aus der Serie Monument, 2017, Lambda-Print, 100
× 140 cm, Auflage 1/4 (1 AP), Leihgabe des Künstlers

Vor Täuschungen gewarnt bewegen wir uns auf die Fotografien „Spiegelung“ von Erwin Gloor und „Glastisch" von Martin Volmer zu und reiben uns alsogleich die Augen, weil es sich um Malerei handelt, Öl auf Leinwand. Nichts ist klar.

Martin Volmer (*1974), Glastisch, 2005, Öl auf Leinwand, 90 × 130 cm, Museum
zu Allerheiligen, Sammlung Kanton Schaffhausen
Martin Volmer (*1974), Glastisch, 2005, Öl auf Leinwand, 90 × 130 cm, Museum
zu Allerheiligen, Sammlung Kanton Schaffhausen

Kluge Irritationen

Eine Verunsicherung folgt der nächsten. Als Betrachter ringen wir um die Wirklichkeit vor Bildern, die das Ringen der Künstlerinnen und Künstler um die Wirklichkeit wiedergeben. Was gilt?

Das den Rundgang begleitende Zitat von Elias Canetti, „Denn ein Weg zur Wirklichkeit geht über Bilder. Ich glaube nicht, dass es einen besseren Weg gibt.“, liefert nur scheinbar sichere Orientierung und passt zur Ausstellung, die auf Schritt und Tritt und Blick um Blick klug und vergnüglich für Irritationen sorgt.

Und für die vielleicht nicht direkt gemeinte Erhellung, dass die Fotografie kreativ aufblüht und die Malerei zu neuer schöpferischer Energie zwingt.

Unnötiges Ringen

Mit der Ausstellung, die einem im besten Sinne einfachen Konzept vertraut und es zur spannenden Wirkung bringt, tut sich der Katalog schwer. Je kleiner eine Arbeit, desto grösser die Legende. Das erschliesst sich nach 50 Seiten aus einer Gebrauchsanweisung und belegt zusammen mit der Notwendigkeit, für Informationen hin und her blättern zu müssen, die wenig benutzerfreundliche Gestaltung. Biografische Angaben zu den Ausstellenden fehlen.

Das Ringen um die Verständlichkeit des Katalogs müsste nicht sein. Die Kunst an den Wänden bietet der Auseinandersetzung genug. Sie befördert die Demokratisierung der Deutungshoheit über die Wirklichkeit.

Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, „Das Ringen um die Wirklichkeit“, bis 5. Juni 2017, www.allerheiligen.ch

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