„Freunde für immer“

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„Freunde für immer“

Von Armin Wertz, 15.06.2014

Verdienstvolle Persönlichkeiten des Internationalen Weltfussballverbands Fifa

Für 90 Tage hat der Weltfussballverband Fifa Franz Beckenbauer von allen Ämtern im Fussballgeschäft verbannt, weil er Fragen der sogenannten Ethikkommission nicht beantwortet hat. Kaiser Franz wehrt sich und führt seine mangelnden Kenntnisse der englischen Juristensprache zu seiner Verteidigung an. Seiner Bitte, ihm die Fragen in Deutsch zu stellen, sei nicht entsprochen worden. Da habe er sich eben gesagt: „Jo, wann’s so ischt…“

Eine illustre Mannschaft

Die Fifa hegt wohl den Verdacht, dass der einstige Kumpel des Allmächtigen in der Fifa-Zentrale bei der Abstimmung um den Austragungsort der Weltmeisterschaft 2022 gegen entsprechende Honorierung für Katar gestimmt hat. Das ist seltsam. Offenbar haben die Herren in Zürich ähnliche Sprachprobleme wie der Bestrafte. Denn mehrfach schon berichteten deutsche Medien, Beckenbauer habe auf jener berüchtigten Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees im ersten Wahlgang für Australien als Austragungsort der WM 2022 votiert. Da dies die einzige Stimme war, die Australien erhielt, mutierte Beckenbauer zum Wechselwähler. In den folgenden drei Wahlgängen, die schliesslich zur Wahl Katars führten, stimmte er jedes Mal für die USA.

Bei einem solchen Sachverhalt liegt natürlich die Vermutung nahe, dass das Ganze nur schlecht inszenierter Theaterdonner ist und von anderen, viel gravierenderen Problemen der Fifa ablenken soll, die in der Vergangenheit für manchen Funktionär zur Gelddruckmaschine wurde. Es würde zu weit führen, die Weste jedes Fifa-Funktionärs auf den Reinlichkeitsgrad zu untersuchen. Es lohnt aber allemal, wenigstens ein paar der wichtigsten Entscheidungsträger des Schweizer Vereins unter die Lupe zu nehmen. Es ist schon eine illustre Mannschaft, die sich Fifa-Präsident Sepp Blatter da zusammengestellt hat.

Der Generalsekretär

Da wäre zunächst Jérôme Valcke zu nennen, der französische Generalsekretär des Internationalen Weltfussballverbandes, der von der Presse offenbar ungeschoren als notorischer Lügner bezeichnet werden darf (1). Ehe er zur Fifa kam, arbeitete er u. a. als Chief Operating Officer bei der Sportrechteagentur Sportfive in Genf. Da traf es sich gut, dass er 2003 auf den Posten des Direktors Marketing & TV der Fifa wechseln konnte. Leider musste sich die Fifa im Dezember 2006 von ihrem gut vernetzten Marketingdirektor trennen. Ein New Yorker Gericht hatte ihn für schuldig befunden, seit Sommer 2004 trotz eines bestehenden Vertrages der Fifa mit ihrem langjährigen Partner Mastercard Sponsorenverhandlungen mit dem Konkurrenten Visa geführt zu haben. Damit sei das Erstverhandlungsrecht von Mastercard verletzt worden. Die Fifa musste sechzig Millionen Dollar Strafe zahlen – für die Fifa wohl eher Peanuts.

Schon ein halbes Jahr später wählte das Fifa-Exekutivkomitee unter Präsident Sepp Blatters Vorsitz Valcke zum Generalsekretär. Es geht bei der Fifa eben nicht um Fussball sondern um Geld. „Starke Leute holt man zurück“, begründete Blatter die gelungene Resozialisierung des Vorbestraften: „Als er vor viereinhalb Jahren seine Tätigkeit als Direktor Marketing und TV in der Fifa aufnahm, steckten wir in roten Zahlen. Jetzt verfügen wir über ein Vermögen von 752 Millionen Franken.“

Ein Vizepräsident

Dann ist da der Sultanssohn aus Kamerun, Präsident der Confederation of African Football (CAF) und langjähriger Fifa-Vizepräsident (seit 1992) Issa Hayatou. Im November 2010 hatte die BBC in ihrem Programm „Fifa’s Dirty Secrets“ eine 175 Namen umfassende Liste von Sportfunktionären vorgelegt, die Schmiergelder von der inzwischen pleite gegangenen Marketingfirma International Sport & Leisure (ISL) empfangen hatten. Darunter war auch Hayatou, dem die BBC vorwarf, bei der Vergabe der TV-Übertragungsrechte der Fussball-Weltmeisterschaft (WM) 2010 von ISL Bestechungsgelder angenommen zu haben. „Das Geld war nicht für mich“, verteidigte sich der Beschuldigte. „Es war für die CAF.“ Und Sepp Blatter, der Weissmacher, der weisser wäscht als Persil und Ariel zusammen, wusste gar, dass die ISL-Angestellten in dem Verfahren 2008 weitgehend freigesprochen worden seien.

In dem Gerichtsverfahren mussten sich sechs ehemalige ISL-Manager wegen Zahlung von 138 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld an hohe Funktionäre der Fifa und des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) verantworten. Die beschuldigten Fifa-Funktionäre zahlten 5,5 Millionen Euro, woraufhin das Verfahren im Juni 2010 eingestellt wurde, und die Fifa wahrheitsgemäss versichern konnte: „In seinem Urteil vom 26. Juni 2008 hat das Strafgericht Zug keinen Fifa- Funktionär verurteilt."

Die humanitäre Seite der Fifa

In der „Familie“, die der Fussballzar so gerne betont, greift man einem Mitglied, das in Not ist, eben gerne mit etwas Erspartem unter die Arme. Eingespart hat man das Geld bei grossen Veranstaltungen, wo die Ausrichter zur Kasse gebeten werden und zig Milliarden für Infrastruktur und neue Stadien hinblättern müssen, und man selbst den grossen Reibach macht, indem man dafür sorgt, dass die Sponsoren ihre Monopolstellung nicht verlieren.

So geschehen etwa in Südafrika. Freilich, der Sepp war „mächtig stolz“ auf den „humanitären“ Schwerpunkt der WM damals, 2010, in Südafrika. „Wir beschlossen, eine Reihe von Projekten anzuregen, die dem ganzen afrikanischen Kontinent helfen sollen. Wir stellen eine stabile Basis bereit, auf der – so hoffen wir – Afrika aufbauen und bedeutende Fortschritte für die Zukunft machen wird. Fussball ist eine Macht, die Veränderungen bewirkt.“ Die gross angekündigte Projekthilfe belief sich auf enttäuschend bescheidene 70 Millionen Dollar. 2008 alleine hatte die Fifa bei einem Einkommen von knapp unter einer Milliarde Dollar 184 Millionen Dollar Gewinn gemacht, und bei der Weltmeisterschaft am Kap erwarteten die Herren Fifa Einnahmen von 3,2 Milliarden.

Der Senior Vice-President

Dann gibt’s da noch den Argentinier Julio Humberto Grondona. Er ist nicht einfach einer unter einem halben Dutzend Fifa Vize-Präsidenten, sondern sogar Senior Vice-President. Grondona pflegte einst freundschaftliche Beziehungen zu den Putschgenerälen um Jorge Rafael Videla, die sich bis heute auszahlen. Sofort nach Argentiniens Gewinn der WM 1978, als er dafür sorgte, dass sich Blatters Fifa aus der Politik heraushielt und „Las Madres de la Plaza de Mayo“ ignorierte, wurde er Präsident des argentinischen Fussballverbandes. Und bis heute hat niemand gewagt, Don Julio aus dem Amt zu putschen.

Zunächst fiel er zwar nicht als Empfänger von Schmiergeldern, dafür aber als Verfasser krass-diffamierender Sprüche auf. Mal nannte er die Engländer „Lügner“ oder „Piraten“, mal stellte er Forderungen, die bewiesen, dass er nicht für ein paar läppische Millionen zu kaufen war. Da musste schon mehr rüberkommen, wie er einem Journalisten der Deutschen Presseagentur erzählte. „Zur englischen Bewerbung (um die Austragung der WM 2018) sagte ich: ‚Machen wir es kurz. Wenn Sie die Falklandinseln, die uns gehören, zurückgeben, bekommen Sie meine Stimme.‘ Da wurden sie traurig und gingen.“ (Soviel zu Sepp Blatters Litanei, dass die Politik im Sport nichts zu suchen habe.) Schon früher, 2003, hatte der Altersvizepräsident eine heftige Kontroverse ausgelöst, als er auf die Frage eines Journalisten über die Qualität argentinischer Schiedsrichter blanken Antisemitismus verbreitete: „Ich glaube nicht, dass ein Jude jemals Schiedsrichter auf diesem Niveau sein kann. Das ist harte Arbeit, und Sie wissen, dass Juden harte Arbeit nicht mögen.“

Alle lieben Katar

„Julio ist ein Gigant“, rühmte ihn der Chef, Sepp Blatter. „We are friends for ever.“ Immerhin hat “Julio” für Katar gestimmt. Und letztendlich war es Emir Hamad Bin Chalifa, der Sepps Wahlkämpfe 1998 und 2002 nicht nur organisierte, sondern auch mitfinanzierte. Das gestand der Fifa-Präsident längst ein. Darum hat er auch für Katar gestimmt. So gesehen hat alles seine Ordnung. Und das wird auch so bleiben. Sollte sich der Uefa-Vorsitzende Michel Platini bei der im kommenden Jahr stattfindenden Wahl des Fifa-Präsidenten durchsetzen, dürfen wir gewiss sein, dass auch er diesen Fifa-Traditionen folgen wird. Auch er hat für Katar gestimmt, denn dort hat sein Sohn einen lukrativen Job.

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1 So schrieb etwa Spiegel online am 08.01.2014, Valcke „wurden zahlreiche Lügen nachgewiesen.“ 

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