„Freude am Unsinn“

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„Freude am Unsinn“

Von Niklaus Oberholzer, 19.03.2018

Seit rund 40 Jahren erprobt Gaudenz Signorell hartnäckig die Möglichkeiten des Mediums Fotografie. Jetzt erst zeigt ein Museum einen Überblick über sein Schaffen.

Mit „Freude am Unsinn“ betitelte Friedrich Nietzsche in „Menschliches. Allzumenschliches“ den 213. Aphorismus. Der Künstler Gaudenz Signorell, geboren 1950 in Domat/Ems, wo er auch heute sein Atelier hat, verwendet Nietzsches Titel als Überschrift für eine zwischen 2006 und 2012 entstandene Serie grossformatiger optimistisch-farbiger Arbeiten. „Freude am Unsinn“ als Auslöser künstlerischen Arbeitens? Ein Künstler, der sich selber aller populistischer Vorurteile gegenüber der Kunst bedient? Ist Signorell janusköpfig, hinterhältig, sarkastisch? Spielt er mit uns? Warnt er uns vor dem „Unsinn“?

Es lohnt sich, in Nietzsches Text weiterzufahren: „Wie kann der Mensch Freude am Unsinn haben? So weit nämlich auf der Welt gelacht wird, ist dies der Fall; ja man kann sagen, fast überall wo es Glück gibt, gibt es Freude am Unsinn. Das Umwerfen der Erfahrung in's Gegenteil, des Zweckmässigen in's Zwecklose, des Notwendigen in's Beliebige, doch so, dass dieser Vorgang keinen Schaden macht und nur einmal aus Übermut vorgestellt wird, ergötzt, denn es befreit uns momentan von dem Zwange des Notwendigen, Zweckmässigen und Erfahrungsgemässen, in denen wir für gewöhnlich unsere unerbittlichen Herren sehen…“

Jenseits der Notwendigkeit

Nietzsche, und Gaudenz Signorell mit ihm, sprechen von Kunst und vom Künstler. „Unsinn“ ist nicht, was man gemeinhin mit dem Wort meint. „Unsinn“ ist zum Beispiel Kunst jenseits der Notwendigkeit, aber mitten in jener Freiheit, der sich der Künstler mit Lust und zugleich Hartnäckigkeit bedient, ohne Ziel und Zweck seines Tuns zu kennen zu müssen. Gaudenz Signorell treibt das seit Jahrzehnten voran und drängt unnachgiebig an die Ränder der Möglichkeiten seines Tuns. Die von Stephan Kunz im Bündner Kunstmuseum sorgfältig eingerichtete Ausstellung über sein Schaffen seit den 1970er Jahren ist dafür ein so eindrücklicher Beweis, dass man sich fragt: Warum gibt es diese Übersicht erst jetzt?

La Courneuve, 2003-2005, © Künstler, Privatbesitz, Chur
La Courneuve, 2003-2005, © Künstler, Privatbesitz, Chur

„Gaudenz Signorell – Carte de Visite“ ist also der erste Blick auf das während Jahrzehnten herangewachsene Werk, das bisher eher in kleineren Einheiten, in Gruppenausstellungen, in Mappenwerken und Publikationen den Weg an die Öffentlichkeit fand. In Künstlerkreisen geniesst es allerdings schon lange grosses Ansehen. Es ist das Ansehen einer konsequent und mit allen technischen Raffinessen eines Alchemisten betriebenen Untersuchung des Mediums Fotografie. Vor allem: Fotografie wird gemeinhin als historisches Dokument und als Beweis verstanden, dass etwas ist oder wenigstens war. Gaudenz Signorell nutzt in all seinen Arbeiten die Technik der analogen Fotografie, doch er nutzt sie eben nicht in diesem Sinne als Abbild einer optisch wahrnehmbaren Wirklichkeit. Vielmehr wird die fotografische Arbeit in seinem „Labor“ zum Äquivalent der inneren Befindlichkeit des Künstlers. Er unterwandert damit das herkömmlich verstandene Medium der Fotografie. Objektivität kehrt er in Subjektivität.

Folgerichtig führt in der Begegnung mit Signorells Werken die Frage nach dem, was abgebildet ist, meist nicht sehr weit, denn es gehört zu seinen Arbeitsprozessen, dass er bestehendes Fotomaterial – aus seinem eigenen, während Jahrzehnten gewachsenen Archiv, aber auch Material von fremder Hand – seziert, zerlegt, transformiert, neu schichtet, bis es sich zur neuen Bildwelt formt, die auf andere Weise nicht zu erzeugen wäre.

Skulpturale Qualität

Die Ausstellung in Chur zeigt das und gibt doch auch dem Geheimnis genügend Raum. Viele kleinformatige Beispiele aus Signorells Archiv, Notizen von Gesehenem und Erlebtem, reihen sich an einer breiten Wand auf. In Vitrinen ausgelegte Arbeitsbücher mit Bildnotizen und Texten über Eindrücke und Pläne bieten Einblicke ins Grundmaterial, aus dem sich der Künstler oft sehr lange Zeit, nachdem er einen Schnappschuss tätigte, bedient. Die grossformatigen Arbeiten, die aus diesem Fundus entstanden sind, gewinnen an den Museumswänden eindrückliche Präsenz – oft gerade wegen des Weitertreibens der im Verlauf der Arbeit gewonnen Erfahrungen: Die extreme Vergrösserung der Archiv-Vorlagen führt zum Beispiel dazu, dass das Korn geradezu skulpturale Qualitäten annimmt und uns in die Tiefe eines imaginären Bildraumes blicken lässt.

Das gilt von den „Abtastungen“ – mit dieser Benennung des Zyklus ist die Dreidimensionalität des Bildraumes direkt angesprochen – , aber auch von der Reihe „Pluie d’orage“: Vielleicht hält die Fotografie hier das Niederprasseln des Regens fest; so genau ist das nicht auszumachen. Sicher findet Signorell so aber zu vieldeutigen Bildern höchster Dramatik, in die wir unsere eigenen Vorstellungen und allenfalls Ängste hinzulesen eingeladen sind.

Pluie d'orage, 2010/2011, im Besitz des Künstlers
Pluie d'orage, 2010/2011, im Besitz des Künstlers

Eigens für die Churer Ausstellung schuf Gaudenz Signorell einen über vierzig Meter langen Bildfries, der ebenfalls aufgrund vorgefundenen Materials erarbeitet ist. In diesen abstrakten Bildstreifen plazierte der Künstler einige Werke der Serie „Freude am Unsinn“, in der er nach langer Konzentration auf dunkle Werte, auf Grau und Schwarz, zu einer hoch elaborierten, mitunter betörend opulenten Farbigkeit findet.

Erfolgreiches Museumsjahr 2017

Die Ausstellung lässt sich nicht rasch „absolvieren“. Die Werke verlangen ein genaues Hinsehen und eine Lust am Entdecken unbekannten Neulands. Das schöne Katalogbuch leistet dazu eine ausgezeichnete Hilfe.

Stephan Kunz setzt mit der Werkpräsentation Gaudenz Signorells seine letztjährige imposante Reihe monographischer Ausstellungen (mit Anne Loch, Hans Danuser und Not Vital) auf hohem Niveau fort. Das Jahr 2017 war trotz unverständlicher und für Stephan Kunz, den künstlerischen Leiter des Hauses, demütigender personeller Wirren an der Schnittstelle zwischen Kantonsverwaltung und Museum sehr erfolgreich: 47’953 Personen besuchten das Haus. Vor der Eröffnung des Erweiterungsbaus (2016) waren es jährlich 20’000 bis 25’000.

Dieses Jahr sind im anspruchsvollen Programm weiterhin vorgesehen: „Immer anders, immer gleich – Ein Versuch über Kunst und Systeme“ mit international prominenter Beteiligung (30.6. bis 11.11.), eine Solo-Show der Bündnerin Sara Masüger und eine Gegenüberstellung Alberto Giacomettis und Hugo Webers (beides 15.9. bis 6.1.) und eine Ausstellung „Gletscher-Odyssee“ des Fotografen Daniel Schwartz (10.11. bis 27.1.).

Gaudenz Signorell. Carte de Visite. Bündner Kunstmuseum Chur. Bis 27. Mai. Publikation mit Beiträgen von Misia Bernasconi, Bettina Kaufmann, Sabine Kaufmann, Stephan Kunz, Bernd Stiegler, Max Wechsler und Rolf Winnewisser. Verlag Scheidegger & Spiess. 49 Franken.

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