Fremdreize

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Fremdreize

Von Iso Camartin, 26.06.2018

Exotismus ist nicht erst in unserem Jahrhundert zu einer ästhetischen Verlockung und Bereicherung geworden.

Gerade in der Musik, zumal in Oper, Operette und Ballett, bediente man sich schon früh fremd- und fernklingender Töne. Bereits die Barockzeit versuchte Persien, Indien und China in ihr Klangrepertoire aufzunehmen, ja diese fremden Länder geradezu musikalisch aufleuchten zu lassen.

Ein Franzose verliebt sich in Shéhérazade

In Frankreich löste die neue 16-bändige Ausgabe von „Mille et Une Nuits“ (1899–1904) in der Übersetzung von Mardrus ein Fieber bezüglich der Beschäftigung mit der Heroine und Erzählerin von „Tausendundeiner Nacht“ aus. Bereits zuvor, im Jahr 1888, hatte der Russe Nikolai Rimski-Korsakow eine sinfonische Dichtung komponiert mit dem Titel „Shéhérazade“, ein Hochfest orientalischer Melodien, die der studierenden Musikjugend ob ihrer luxuriös-üppigen Instrumentation und ihrer orientalisch anmutenden Melodik mächtig imponierte.

Kein Wunder, dass der angehende Komponist Maurice Ravel als 23-Jähriger sich an die Komposition einer „Ouverture de féerie“ mit dem Titel „Shéhérazade“ machte. Das Werk kam weder beim Publikum noch bei der Kritik gut an, als Ravel es im Jahr 1899 in einem Konservatoriumskonzert in Paris dirigierte. Der Komponist liess es daraufhin verschwinden, auch wenn ursprünglich die Absicht bestand, daraus eine Oper werden zu lassen. Die Ouverture wurde erst 1975 – 38 Jahre nach Ravels Tod – veröffentlicht.

Doch Shéhérazade war damit noch nicht erledigt. In den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts lernte Ravel den Schriftsteller Tristan Klingsor kennen, der gleichzeitig auch Maler, Komponist und Musikkritiker war. Dieser hatte gerade eine längere Reihe von Gedichten in freien Versen publiziert, die als Nachdichtungen seiner Empfindungen beim Anhören der „Shéhérazade“ von Rimski-Korsakov galten. Ravel wählte drei davon aus und komponierte einen kleinen Zyklus von drei Liedern für Mezzosopran (oder Tenor) und Orchester.

Diesmal hatte der Komponist mehr Glück. Diese „Shéhérazade“ fand beim Publikum Gefallen und etablierte sich rasch nach der Uraufführung im Mai 1904 – übrigens unter der Orchesterleitung des Pianisten Alfred Cortot – als ein Schlüsselwerk jenes Phänomens, das man mit „Exotismus in der Musik“ bezeichnet.

Die Arie „Asie“

Die definitive Reihenfolge der drei Stücke etablierte sich erst im Verlauf der Jahre. Heute steht „Asie“, das längste Gedicht des Zyklus, an dessen Anfang, gefolgt von „La flûte enchantée – Flötenzauber“ und „L’indifférent – Der Gleichgültige“. Wir beschäftigen uns hier nur mit dem ersten und längsten Lied, welches, wie der Titel schon sagt, die Anziehungskraft Asiens verklärt.

Der Text beginnt mit einer dreifachen Anrufung Asiens, das als ein Wunderland bezeichnet wird, in welchem die Fantasie „wie eine Kaiserin in einem Wald voller Geheimnisse“ schlummert. Mit einem Segelschiff, ausgespannt wie ein riesiger Nachtvogel, will der nach Asien Reisende in einen Hafen und zu Blumeninseln gelangen und sich dem verzaubernden Gesang uralter Meereswogen aussetzen. Danach will er Damaskus erleben und die Minarette persischer Städte.

Immer wieder beginnt die beschwörende Stimme mit den Worten. „Je voudrais voir“: Sehen will dieser sich nach dem Osten Sehnende seidene Turbane, schwarze Gesichter, „Augen, dunkel vor Liebe und Pupillen, die vor Freude funkeln“. Samtene Gewänder werden beschworen, Kaftane mit Fransen, weise alte Männer, die heilige Pfeifen rauchen, Kadis und Wesire, „die mit einer einzigen Bewegung eines gekrümmten Fingers über Leben oder Tod bestimmen“.

Von Persien aus will der Reisende dann nach Indien kommen und weiter nach China, um dickbäuchige Mandarine zu erleben, Prinzessinnen mit zierlichen Händen, Gelehrte, die Streitgespräche über Schönheit und Poesie untereinander führen. Doch wie von der Schönheit ist dieser Reisende auch von den Grausamkeiten der fernen Welten eingenommen, von Henkern und orientalischen Säbeln, „wenn diese lächelnd den Nacken eines Unschuldigen durchtrennen“.

Unser Asienträumer will Königinnen und armen Leuten begegnen, Rosen und Blut sehen und erfahren, was ein Sterben aus Liebe und ein Sterben aus Hass ist. So endet der Text dieses merkwürdigen Wunschkatalogs: „Und dann später zurückkehren, um mein Abenteuer denen zu erzählen, die begierig sind auf Träume.“ Wie Sindbad will er dann seine alte arabische Tasse ab und zu zum Mund und zu den Lippen heben, um seine Erzählung kunstvoll zu unterbrechen.

Ravels exotische Klangregie

Ravel hat einmal gestanden, dass das „Erlebnis Musik“ für ihn erst richtig begonnen habe, nachdem er Debussys „L’après midi d’un faune“ (1894) gehört habe. In den Jahren danach hatte Ravel Gelegenheit, den Umgang mit Naturimpressionen und den ihnen entsprechenden Klangfarben zu studieren und zu praktizieren. In „Asie“ empfängt uns gleich ein Stimmungsteppich der sanft schaukelnden Art, von hohen Streichern und Oboe eingeführt, von Klarinette und Harfe gleich weiter aufgegriffen, wenn es um das Gleiten des Segelbootes geht, unterwegs in ein verzaubertes Land.

Geheimnisse können nicht hinausposaunt werden, sie kommen raffiniert klangverschleiert daher. Was diese Musik mit Hilfe instrumentaler Klangwirkungen macht, ist das, was das französische Wort „ensorceler“ meint: etwas zwischen bezaubern und verhexen. Einlullendes ist hier ebenso beigemischt wie Aufrauschendes, Aufbauschendes, Losbrechendes, Berstendes – und gleich danach setzt ein Abflauen, ein Verklingen und Zurücksinken in kaum mehr Vernehmbares ein.

Es sind kurze Episoden, die wir hier hintereinander erleben, als Sprühregen von Tönen. Ein französischer Philosoph sprach bei „Asie“ sogar von musikalischen Schaumwolken, von phosphoreszierendem Licht, von Glockentönen, die in der Ferne verklingen, von geheimnisvollem Tiefenleuchten des Meerwassers oder von kristallinen Höhenerfahrungen in der Morgenluft um weissleuchtende Minarette. Jedenfalls erleben wir in dieser Musik, wie harmonisch und weich Dissonanzen klingen, wenn sie orientalisch eingefärbt sind, aber auch wie furios eine Musik Funken aufsprühen lässt, bevor diese in Nachtschwärze langsam wieder verglühen.

Ravel hat später diese Technik – etwa in seinem Ballett „Daphnis et Chloé“ (1912) – noch erheblich weiter entwickelt. Doch bereits „Asie“ zeigt uns einen Klangmagier von handwerklicher Perfektion und voll imaginärer Visionskraft, die – verbunden mit der geeigneten menschlichen Stimme – zu einem unvergesslichen Erlebnis musikalischer Exotik führen.

Wir hören hier eine Aufnahme mit der französischen Mezzosopranistin Véronique Gens, die fantastisch gut Sinnlichkeit und Sehnsucht in ihre Stimme zu legen vermag. Begleitet wird sie farbenreich, feinfühlig, doch auch Klangexplosionen nicht fürchtend durch das Orchestre National des Pays de la Loire unter John Axelrod.

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