Frauen schreiben Alpinismus-Geschichte

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Frauen schreiben Alpinismus-Geschichte

Von Helmut Scheben, 04.01.2014

Elvira Shataeva sagte: „Uns ist sehr kalt. Wir können kein Schneebiwak graben. Wir haben keine Schaufel. Wir können uns nicht mehr bewegen.“

Ihr letzter Funkspruch erreichte das Basislager am Pik Lenin am Nachmittag des 7. August 1974. Seit zwei Tagen tobte ein Orkan mit 150 Stundenkilometern über dem Siebentausender. Die acht russischen Bergsteigerinnen hatten in Gipfelnähe campiert, um das Unwetter vorbeiziehen zu lassen. Sie waren höhenkrank und unterkühlt, ihre Zelte hatte der Sturm zerfetzt, ihre Rucksäcke fortgeweht. Sie erfroren in 7000 Meter Höhe in der Nähe des Gipfels. Am nächsten Tag, dem 8. August 1974, hatte sich der Sturm gelegt und die Sonne schien, als eine japanische Seilschaft auf die toten Frauen stiess.

Elvira Shataeva
Elvira Shataeva

Der Tod der Elvira Shataeva und der anderen sieben russischen Spitzen-Alpinistinnen am Pik Lenin ist eine der erschütternden Geschichten, die hierzulande fast niemand kennt. Shataeva war eine der begabtesten russischen Alpinistinnen, sie hatte schon in den sechziger Jahren extrem schwierige Routen im Kaukasus gemeistert. Erstmals in der Geschichte des Alpinismus wollte sie in einem Frauenteam den Pik Lenin überschreiten. Die zierliche Frau war Instruktorin für Alpinismus im Sportkomitee in Moskau und begann Anfang der siebziger Jahre, Frauenseilschaften zu fördern. Auf Einladung des Alpinistinnen-Netzwerks Rendez-vous Hautes Montagnes hatte sie sogar die Schweiz und Oesterreich besucht. Doch was sich hinter dem sogenannten Eisernen Vorhang abspielte, fand damals im Westen wenig Interesse.

Erste am Seil – Première de cordée

Die Annahme, dass es im Alpinismus nur die notorischen „tollkühnen Männer“ waren, die Geschichte schrieben, ist immer noch das herrschende Klischee. Dass es vom 19. Jahrhundert bis heute hunderte von Alpinistinnen gab, die Spitzenleistungen erbrachten, das ist selbst für diejenigen neu, die sich mit dem Thema Bergsteigen viel beschäftigen. Es ist das Verdienst von Caroline Fink und Karin Steinbach, zwei auf Alpinismus spezialisierten Autorinnen, diese verborgene Geschichte aufzudecken.

Für ihr Buch „Erste am Seil – Pionierinnen in Fels und Eis“ haben sie 26 Frauen aus elf Ländern porträtiert, - vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Von den grossen Alpinistinnen der Gegenwart haben sie fast alle aufgesucht und Gespräche mit ihnen geführt. Das Buch mit seinen faszinierenden Fotos ist für alle, die gern in die Berge gehen, eine Entdeckung

Spitzen-Athletinnen

Natürlich sind auch die bekannten Top-Shots der Nachwuchskletterszene der Schweiz dabei: zum Beispiel Nina Caprez, die berichtet, wie sie im Rätikon als erste Frau die legendäre Route „Silbergeier“ (Schwierigkeitsgrad 8b+) bestieg. Oder historische Legenden wie Betty Favre, die schon in den dreissiger Jahren schwierige Routen in den heimatlichen Gastlosen-Wänden erschloss.

Betty Favre (1918 – 1977) eröffnete schwierige Routen in den heimatlichen Gastlosen-Wänden
Betty Favre (1918 – 1977) eröffnete schwierige Routen in den heimatlichen Gastlosen-Wänden

Aber auch Renata Rossi aus Chiavenna im Bergell, die erste italienische Bergführerin. Oder die Französin Catherine Destivelle, die mit ihren Solo-Begehungen der grossen Nordwände wohl als erste Alpinistin einem breiten Publikum durch Film und Fernsehen bekannt wurde. Nicht fehlen dürfen absolute Top-Athletinnen wie die Amerikanerin Lynn Hill, die mit der freien Begehung der„Nose“ im Yosemite-Granit 1993 Klettergeschichte geschrieben hat, oder die Baskin Josune Bereziartu, die Schwiergkeitsgrade klettert, die bisher noch von keiner Frau erreicht wurden.

Bergführer: noch immer ein Männerberuf

In der Schweiz gibt es 26 Bergführerinnen, das sind in Bezug auf die Gesamtzahl der Schweizer Bergführer 1,8 Prozent. Ähnlich ist das Verhältnis in den Nachbarländern: Oesterreich 1,5 Prozent, Deutschland 1,7 und Italien 0,9. Dass es so wenige sind, ist erstaunlich, denn die enorme Expansion des Klettersports und der gesamten Outdoor-Branche sollte eine höhere Frauenquote erwarten lassen. Der Deutsche Alpenverein schätzt die Zahl der Sportkletterer in Deutschland auf 300‘000, in der Schweiz dürften es rund 50‘000 sein.

Dass junge Alpinistinnen „mit völliger Selbstverständlichkeit in anspruchsvolle Routen einsteigen, ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, die parallel zur Entwicklung der Frauenrolle in der Gesellschaft ging“, schreiben die Autorinnen. Sie erinnern daran, dass das Bergsteigen nichts anderes ist als „eine Projektionsfläche gesellschaftlicher und politischer Strömungen“.

Die Quoten ändern sich

Und nichts veranschaulicht dies besser als die Tatsache, dass der maskuline Schweizer Alpen-Club ein Jahrhundert lang die „Frauenfrage“ diskutieren musste, bis er endlich 1979 prinzipiell bereit war, Frauen in den Männerverein aufzunehmen. Immerhin: Heute sind mehr als ein Drittel aller SAC-Mitglieder Frauen und bei den Neumitgliedern sind es sogar mehr als 40 Prozent. Im letzten Juni wählte der SAC erstmals eine Frau zur Präsidentin.

Männer haben – absolut gesehen – generell mehr Muskelkraft als Frauen, doch Frauen können dies wettmachen durch geringeres Körpergewicht und bessere Beweglichkeit und Feinmotorik. So nähern sich die Leistungen im Klettern einander an. Oder – wie der legendäre britische Bergsteiger Don Whillans einmal in einem seiner letzten Interviews 1985 gesagt haben soll: „Never noticed a female monkey not climbing as well as a male – have you?"

Caroline Fink und Karin Steinbach: Erste am Seil. Tyrolia-Verlag. Insbruck-Wien 2013

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Ein Film mit ausführlichen Interviews darüber, wie sich Alpinistinnen in der Schweiz zuerst ausserhalb, dann im SAC durchgesetzt haben ist Bestandteil der gegenwärtigen Ausstellung im Alpinen Museum Bern: Helvetia Club. Die Schweiz, die Berge und der Schweizer Alpen-Club. Noch bis 30. März 2014.

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