Françoise Sagan - Bonjour Tristesse (1954)

Urs Bitterli's picture

Françoise Sagan - Bonjour Tristesse (1954)

Von Urs Bitterli, 16.10.2012

Der Roman handelt auf den ersten Blick von einer verwickelten Liebesbeziehung mit tragischem Ende. Tatsächlich aber markiert er einen kulturellen Epochenbruch Frankreichs.

Cécile, die Erzählerin dieser Geschichte, ist siebzehn Jahre alt und verbringt die Sommerferien mit ihrem Vater Raymond und dessen Maîtresse Elsa in einer Villa an der Côte d’Azur. Der Vater ist ein gut aussehender Vierziger, in der Werbung tätig, verwitwet, ein charmanter Lebemann, der seine Begleiterinnen häufig wechselt. Elsa, ein einfaches Geschöpf aus der Pariser Halbwelt, jung und aufreizend, ist rothaarig und leidet schrecklich unter Sonnenbrand.

Der Besuch der jungen Dame

Cécile hat am Strand den Studenten Cyril, der hier in den Ferien weilt, kennengelernt; sie baden, segeln und lieben sich. Man geniesst die Sonne, das Meer, die entspannte Konversation, den Whisky. Eines Tages kündigt Raymond den Besuch von Anne Larsen an, einer Freundin seiner verstorbenen Frau, etwas über vierzig, intelligent, liebenswürdig und verantwortungsbewusst.

Die Stimmung schlägt um. Raymond verliebt sich in Anne; Anne verliebt sich in ihn. Sie verbringen die Nacht zusammen, während sich Elsa im Casino von Cannes dem Trunk und einem Südamerikaner hingibt. Raymond macht Anne einen Heiratsantrag. Cécile, die ihres Vaters Flatterhaftigkeit kennt und seine Zuneigung nicht mit Anne teilen will, denkt sich eine perfide Intrige aus. Sie überredet Elsa und Cyril, als Paar aufzutreten, um die Eifersucht von Raymond zu wecken.

Leidenschaftliche Leserin

Der Plan geht auf. Raymond, haltlos wie immer, kehrt zu Elsa zurück, tauscht mit ihr Zärtlichkeiten aus und wird dabei von Anne überrascht. Anne, in ihrer ernsthaften Zuneigung tief verletzt, wirft sich ins Auto, rast in äusserster Erregung über die Küstenstrasse hinaus und kommt um. Die Sommerferien sind vorbei; Raymond und seine Tochter Cécile kehren nach Paris zurück. Hin und wieder fällt in ihren Gesprächen noch der Name Anne. Dann lernt Cécile einen neuen Freund, Philippe, kennen, und auch ihr Vater findet eine neue Freundin. Nächsten Sommer wird man wieder eine Villa an der Cote d’Azur mieten.

Das ist der Inhalt eines Romans, der im Jahre 1954 unter dem Titel Bonjour Tristesse erschien. Die Verfasserin nannte sich Françoise Sagan, hiess aber eigentlich Françoise Quoirez, kam aus wohlsituierter Familie und lebte in Paris. Sie hatte eine Klosterschule und ein vornehmes Institut besucht, zeigte jedoch keine Neigung zu einem geregelten Studium. Aber sie las leidenschaftlich gern, Proust, Faulkner, die Existentialisten. Ihr erstes Buch Bonjour Tristesse schrieb Françoise Sagan in wenigen Wochen nieder.

Sich anziehen, um sich auszuziehen

Das Buch löste einen Skandal aus, und aus dem Skandal wurde ein Riesenerfolg. Der Sittenwächter der Nation, der Schriftsteller François Mauriac, nannte die Verfasserin „ein kleines charmantes Monster“. Die katholische Kirche setzte Bonjour Tristesse auf den Index der verbotenen Bücher. Françoise Sagan erhielt den angesehenen Prix des critiques. Als die Jury sie telefonisch zum festlichen Dinner einladen wollte, soll sie geantwortet haben: „Zut alors, da bin ich an einer Tanzparty mit Freunden.“

Ihr Bild erschien in den Gazetten: ein sensibles Mädchengesicht, überrascht und trotzig, mit androgyner Ausstrahlung, von Ferne an Annemarie Schwarzenbach erinnernd. Später, als sie zur Kultfigur einer Generation von jungen Frauen geworden war, zeigte sie sich selbstbewusster. Sie liebte schnelle Autos, einen Jaguar, einen Aston Martin. Um die Vibration des Motors besser zu spüren, fuhr sie barfuss; und da die Pariser Mädchen ihr das nachmachten, musste es die Polizei ausdrücklich verbieten. Die Art, wie sie sich kleidete, verriet Geschmack und eine Neigung zur Provokation. „Man zieht sich an, um sich auszuziehen“, erklärte sie im Interview. „Ein Kleid hat nur dann Sinn, wenn ein Mann Lust bekommt, es der Frau auszuziehen.“

Françoise Sagan führte das Leben eines amerikanischen Filmstars. Sie war zweimal verheiratet, ihre Liebesaffären spiesen die Spalten der Klatschpresse, sie rauchte und trank, konsumierte Drogen und starb im Alter von 69 Jahren.

Vergnügen als Lebenssinn

Warum wurde "Bonjour Tristesse" zum Skandal? Wohl vor allem wegen der Figur der Erzählerin Cécile. Das schien neu und unerhört: Dieses verwöhnte Mädchen, fast noch ein Kind, das den sinnlichen Genuss des Augenblicks über alles stellt, den unmoralischen Lebenswandel ihres Vaters bewundert und sich einem hübschen jungen Mann hingibt, den sie kaum kennt. Cécile liebt den Luxus und kann ihn sich leisten. Sie fährt schnelle Autos, kauft sich schöne Kleider, sitzt am liebsten im Café an der Sonne und geht mit Freunden ins Kino.

„Die einzige meinem Wesen gemässe Charaktereigenschaft“, sagt Cécile, „ist die Freude am Vergnügen und am Glücklichsein.“ Als Raymond Anne den Heiratsantrag macht, fürchtet Cécile, ihr Vater würde seinen unbekümmerten Lebensstil aufgeben und ihre künftige Stiefmutter würde sie daran hindern, ihr unbeschwertes Leben weiterzuführen. „Die Natur hatte mich dazu geschaffen, glücklich, unbekümmert und liebenswürdig zu sein“, sagt sie sich. „Durch Annes Schuld geriet ich nun in eine Welt der Vorwürfe, des schlechten Gewissens, in der ich mich verlor, denn ich war zu unerfahren in der Kunst der Selbstbetrachtung.“

Alter Ort, anderes Haus

Den Plan, die Beziehung zwischen ihrem Vater und Anne zu zerstören, fasst Cécile mit zynischer Berechnung. Der Plan gelingt. Anne Larsen, die einzige Figur des Romans mit Charakter und mit Grundsätzen, sieht sich in der Ernsthaftigkeit ihrer Zuneigung zu Raymond bitter enttäuscht. Ihr Autounfall ist in Wahrheit ein Selbstmord. Gewiss erkennt Cécile einen Augenblick lang das bösartig Verwerfliche ihres Handelns; aber sowohl sie als auch ihr Vater vergessen rasch.

In Paris setzt man, als sei nichts gewesen, das bisherige Leben fort: „Wenn mein Vater und ich einander begegnen“, heisst es am Schluss des Romans, „lachen wir und sprechen über unsere Eroberungen. Er ahnt sicher, dass meine Beziehungen zu Philippe nicht rein platonischer Natur sind, und ich weiss genau, dass seine neue Freundin ihn sehr viel Geld kostet. Aber wir sind glücklich. Der Winter geht seinem Ende zu, wir werden nicht wieder die gleiche Villa mieten, aber eine andere, in der Nähe von Juan-les-Pins.“

Das Ende des Bildungsbürgertums

Neun Jahre waren seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen, als Françoise Sagans Bonjour Tristesse erschien. Es war das Frankreich der Vierten Republik, eine unruhige Zeit mit ständig wechselnden Regierungen. In Übersee zeichnete sich das Ende des französischen Kolonialreichs ab: In der Schlacht von Dien Bien Phu ging Indochina verloren, und in Algerien kam es zu den ersten Aufständen. Die Jahre des Weltkriegs und der deutschen Besetzung hatten die bisher dominante Stellung des französischen Bürgertums geschwächt. Die durch Kirche und Staat vertretenen Moralvorstellungen kamen ins Wanken.

Im Jahre 1949 erschien Simone de Beauvoirs Untersuchung Le deuxième sexe. Das Buch löste wie fünf Jahre später Bonjour tristesse einen Skandal aus und wurde auf den Index gesetzt. Die Autorin trat für die Gleichberechtigung der Frau ein und wandte sich kämpferisch gegen die Grundprinzipien der christlichen Moral: Monogamie, Unauflöslichkeit der Ehe, eheliche Treue. Der Gedanke, dass die Sexualität nicht nur ein Mittel zur Zeugung von Nachwuchs, sondern auch ein wichtiges Element des Daseinsgenusses sein könnte, begann sich durchzusetzen.

Françoise Sagans Bonjour Tristesse ist ein wichtiges Dokument des kulturellen Wandels, der sich in Frankreich und anderswo in Westeuropa in den fünfziger Jahren anbahnt. Die Kultur bleibt nicht mehr das Privileg der bürgerlichen Klasse. Aus der Kultur des Bildungsbürgertums wird die moderne Massenkultur. Illustrierte Zeitschriften, Taschenbücher, Schallplatten, das Radio und schliesslich auch das Fernsehen ermöglichen und beschleunigen diesen Prozess der „kulturellen Demokratisierung“.

Whisky statt Wein

In Frankreich ist es das Théâtre national populaire, das sich unter der Leitung von Jean Vilar bemüht, Klassiker der Literatur unters Volk zu bringen. Das Kino, vom Bürgertum bisher als Vergnügungsstätte minderen Ranges geächtet, wird zum Treffpunkt der jungen Generation, Filme werden zum Tagesgespräch unter Intellektuellen. Zur gleichen Zeit, da Bonjour tristesse auf die Bestsellerlisten kommt, wird Roger Vadims Film Et Dieu créa la femme mit Brigitte Bardot und Curd Jürgens in den Hauptrollen zum internationalen Erfolg.

Wie Sagans Roman spielt Vadims Film an der Côte d’Azur, und es ist ein junges hübsches Mädchen, das Verwirrung stiftet. Über den Film, den Jazz und die Tanzmusik macht sich der amerikanische Kultureinfluss, von der älteren Generation mit Sorge verfolgt, bemerkbar: Man fährt mit dem Auto aus, der gesellschaftliche Verkehr befreit sich vom Zwang der Umgangsformen, man trinkt Whisky, nicht Wein.

Der Aufstand der Jugend

Nach dem Erscheinen von Bonjour tristesse schrieb Françoise Sagan in rascher Folge weitere Romane, kurze Geschichten mit wenigen Personen. Sie sind in ihrem knappen, präzisen Stil auch im französischen Original leicht zu lesen. Meist spielen sie in Paris, im Quartier Latin unter Studenten und in den grossbürgerlichen Quartieren am rechten Seine-Ufer. Fast immer ist es eine „amour fou“, welche die Fragwürdigkeit gesellschaftlicher Moral sichtbar macht. Doch die Liebesaffären heben die gelangweilte Einsamkeit der handelnden Personen nicht auf, sondern hüllen sie bloss in eine Atmosphäre zarter Melancholie.

Im zweiten Roman, Ein gewisses Lächeln, ist es wieder eine Studentin, Dominique, die ihre Geschichte, diesmal von der Beziehung zu einem älteren verheirateten Mann namens Luc, erzählt. „Ich überraschte mich im Spiegel und sah, dass ich lächelte“, heisst es am Schluss. „Ich versuchte nicht, mein Lächeln zu unterdrücken, ich konnte es nicht. Ich wusste: Ich war wieder allein. Ich hatte das Verlangen, mir dieses Wort vorzusagen. Allein. Allein. Ich war eine Frau, die einen Mann geliebt hatte. Eine simple Geschichte und kein Grund, sich aufzuspielen“.

Als die studentische Jugend von Paris in den Mai-Unruhen von 1968 den politischen Aufstand probte, war Françoise Sagan 33 Jahre alt. Man kann sie als geistige Vorläufern jener Ereignisse betrachten.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Ein immer grösser werdender Bannwald aus Neo-Spiessern hat sich seit den 80ern enorm verdichtet. Schon wegen eingeschränkter Artenvielfalt machen sie nun laufend Jagd auf "purple Dust im Twilight".....Trotzdem scheint "öpenemol" die Sonne hindurch. Dann erinnert man sich, ( Frau-Mann ) es gibt tatsächlich ein Leben vor dem Tod.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren