Fragen nach dem guten Leben

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Fragen nach dem guten Leben

Von Urs Meier, 15.06.2013

Populäre Philosophie ist gefragt und hat Erfolg. Doch die Vermittlung der komplexen Denkwelten stellt hohe Anforderungen. Die Devise, gute Fragen seien einfach, ist nur die halbe Wahrheit.

Die Wochenzeitung «Die Zeit» hat ihrer jüngsten Ausgabe ein 48-seitiges Sonderheft «Zeit Philosophie» beigelegt. Etwas vollmundig kündigt es auf der Frontseite die «grossen Fragen unserer Zeit, beantwortet von den Denkern der Gegenwart» an. Wie es sich für eine philosophische Publikation gehört, ist der Inhalt klar gegliedert. Ein erster Teil widmet sich den «neuen alten Fragen»: Gerechtigkeit, Freiheit, Menschenwürde etc. werden in je einem kurzen Essay abgehandelt. Unter der Überschrift «Was tun?» folgen ethische Themen, und im Schlussteil «Über das Denken» geht es um Erkenntnistheorie und die Irrtümer der Philosophie.

Stärken der angelsächsischen Philosophie

Die Autorinnen und Autoren der ein bis zwei Seiten langen Texte tragen bekannte Namen. Die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum eröffnet den Reigen mit einem ebenso informativen wie profilierten Artikel über aktuelle philosophische Debatten zum Thema Gerechtigkeit. Sie stützt sich auf den liberalen Theoretiker John Rawls, geht aber in einem wichtigen Punkt über ihn hinaus, indem sie gerechte Verhältnisse nicht primär an Freiheiten und Gütern, sondern an Chancen und Fähigkeiten der Menschen bemessen will. Lange vernachlässigte Themen wie Gerechtigkeit zwischen Rassen oder Geschlechtern seien, so Nussbaum, in jüngerer Zeit gründlich diskutiert worden. Noch immer vernachlässigt seien jedoch so schwierige Fragen wie Gerechtigkeit für Menschen mit Behinderungen oder auch für Tiere.

Es scheint eine Stärke zeitgenössischer angelsächsischer Philosophie zu sein, dass sie ihre Diskurse in allgemein verständlicher Form darlegen kann. Der vielfach als Star-Philosoph gerühmte (oder je nachdem auch geschmähte) Michael Sandel gibt im Interview, das die Zeit-Redaktorin Elisabeth von Thadden mit ihm führt, eine Kostprobe solcher Fähigkeiten. Trainiert durch seine legendär gewordenen und auf Youtube Kultstatus geniessenden Gesprächsvorlesungen, scheut er vor dem Pingpong-Dialog nicht zurück, mit dem er auf die Probe gestellt wird. Offensichtlich kann man auf gewichtige Fragen durchaus knapp und verständlich antworten – wenn man es kann.

Das gute Leben als Schlüsselfrage der Wohlstandsgesellschaft

Doch nicht nur die Angelsachsen können es. Der deutsche Soziologe Hartmut Rosa nähert sich der Titelfrage nach dem guten Leben mittels einer Alltagsschilderung in zwei Varianten: Personen in gleichen Lebensumständen können ihr Dasein völlig unterschiedlich wahrnehmen und werten. Er fragt sich, wovon es abhängt, dass ein Leben «gelingt», dass es «zwischen uns und der Welt einen Draht gibt, der vibriert». Rosa stellt die Blindheit der Soziologie für diese Thematik fest und kommt zum Schluss: «Die strikte Privatisierung der Frage nach dem guten Leben war ein historischer Fehler – es ist an der Zeit, ihn zu korrigieren.» Anscheinend ist genau diese Frage in einer Gesellschaft des weltgeschichtlich beispiellosen Wohlstands akut geworden.

Die Philosophin und Ökonomin Lisa Herzog, die an der Uni St. Gallen wirkt, schliesst mit ihrem Beitrag über den Kapitalismus an dieser Stelle an. Sie stellt fest, die Märkte versagten erstens, «wenn es um Güter geht, die nicht durch Eigentumsrechte geschützt sind, vor allem um öffentliche Güter». Zweitens würden langfristige Ziele unter dem Diktat kurzfristiger Interessen notorisch verfehlt. Und drittens führten einseitige Abhängigkeitsverhältnisse zur Korrumpierung von Märkten. Besonders alarmierend seien solche Asymmetrien auf dem Finanz- und dem Arbeitsmarkt. Die Lösung sieht sie nicht in einer Abkehr von der Marktordnung. «Das, was gut ist am Kapitalismus – das Innovationspotenzial, die Möglichkeit, gute Ideen schnell zu verbreiten – , muss jetzt angewandt werden auf die Frage, wie die von einem falschen Verständnis des Marktes geschaffenen Probleme angegangen werden können. Wir brauchen Wettbewerb, um herauszufinden, wie der Wettbewerb am besten zu organisieren ist.»

Anspruchsvolle Vermittlung

«Gute Fragen sind einfach.» Der Leitsatz von Michael Sandel steht über seinem Interview. Die Intention dieser These liegt auf der Hand. Sie richtet sich zum einen gegen akademischen Dünkel und unnötig geschraubte Diskurse, zum andern aber auch gegen allzu grosse Ehrfurcht vor der hehren Philosophie. Nun sind aber die «guten Fragen» der Philosophie – und vermutlich aller anderen Wissensgebiete auch – neben ihrer Einfachheit halt auch kompliziert. Zum einen hängen sie mit jeweils sehr vielen anderen Grundfragen zusammen, und zum anderen verändern sie sich je nach kulturellen und historischen Kontexten. Die Auseinandersetzung mit ihnen erfordert die Kenntnis von Denktraditionen, die sich über Generationen und Jahrhunderte entwickelt haben.

Solche Kenntnisse fehlen jedoch gemeinhin in der sogenannten Allgemeinbildung. Selbst bei Studierenden an Philosophischen Fakultäten, beispielsweise in sozialwissenschaftlichen Fächern, kann man nicht mit philosophischem Basiswissen rechnen. Grundbegriffe dieser Disziplin und selbst gröbste Kenntnisse ihrer Geschichte sind kaum vorhanden. Will man mit fortgeschrittenen Studierenden beispielsweise an ethischen Fragen ihres Fachs arbeiten, so fehlt zwar nicht das Interesse, aber meistens das elementare Rüstzeug.

Pädagogen, Stars und Virtuosen

Philosophinnen und Philosophen stellen sich seit längerem auf solche Umstände ein, indem sie ihre Themen verständlich und womöglich auch unterhaltend zu vermitteln versuchen. Vor zwei Jahrzehnten eroberte das Buch «Sofies Welt», eine für Jugendliche in Romanform geschriebene Philosophiegeschichte des norwegischen Pädagogen Jostein Gaarder, Top-Positionen auf den Bestsellerlisten. Das Buch wurde in 59 Sprachen übersetzt und über vierzig Millionen Mal verkauft.

Leute wie Michael Sandel oder der deutsche Philosoph Richard David Precht scheuen sich nicht, sich den Erfolgskriterien des Showbusiness zu stellen, um das Philosophieren in die Öffentlichkeit oder nur schon in den akademischen Betrieb hineinzutragen. Der dem Rampenlicht ebenfalls nicht abholde Peter Sloterdijk ist ein etwas anderer Fall. Er agiert weniger als Vermittler, sondern eher als bestaunter Virtuose. Seine philosophischen Gespräche und Texte fliessen zwar munter dahin, sind aber, weil quasi nebenbei an ganze Welten von Fachdiskursen anknüpfend, nicht gar so leicht verständlich. Was der Meister vermittelt, ist der überwältigende und mitreissende Eindruck von der Vitalität dieser Disziplin.

Solchen Unterhaltungswert kann das Zeit-Sonderheft selbstverständlich nicht bieten. Wer sich beim Blättern und Stöbern in den einen und anderen Artikel hineinziehen lässt, hat vorerst einmal ein Stück Lese- und Denkarbeit zu verrichten. Diejenigen, die sich nicht abschrecken lassen von den vielen Buchstaben und den nicht eben simplen Gedankengängen, werden belohnt. Aber eben nur sie.

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huch, da fehlt ja noch die Anmerkung zu den Metaphern:

*Sl. ist sicherlich sprachlich nicht unbegabt, was man an der Vielzahl der von ihm erfundenen Metaphern pro Texteinheit oder seinen metaphorischen Bildern für komplexe Sachverhalte erkennen kann. Also wäre er vielleicht besser Dichter geworden? Aber Dichter werden in Deutschland nun mal selten auf Professorenstühle berufen, was Leuten mit einer zweifellos und offensichtlich vorhandenen unstillbaren Eitelkeit zu wenig sein dürfte, und verkaufen i.d.R. auch keine Bestseller. Also ist Sl. lieber "Philosoph" geworden, wenn auch - man verzeihe mir den Kalauer – ein "nicht ganz dichter" …

Precht ist kein Philosoph. Sondern Germanist. Und das ist KEIN Vorteil für die Germanistik, handelt es sich doch bei ihm um einen schwafelnden Scharlatan, der selbst von den grundlegendsten philosophischen Themen bestenfalls einen sehr nur sehr blassen Schimmer hat. Das hat Malte Dahlgrün in der Süddeutschen Zeitung mal köstlich dargelegt: http://www.sueddeutsche.de/kultur/bestseller-autor-precht-unglaublich-1.138989

Und dass Sloterdijk ein Philosoph sei, nur weil er auf einem Professorenstuhl sitzt, kann man auch mit Fug und Recht bezweifeln. Wie überhaupt deutsche Professorenlehrstühle von Leuten besetzt werden, die man bestenfalls als "Philosophiegeschichtsverwalter" bezeichnen könnte. Schopenhauer hätte Sl. wohl der "philosophischen Windbeutelei" bezichtigt – womit Sl. immerhin auf eine Stufe mit Hegel gestellt würde, was beide – Sl. wie Hegel – aber nicht verdient haben, und zwar aus entgegengesetzten Gründen.

Wer aus Sl. Texten Anspielungen eines Vielbelesenen auf die philosophische Tradition heraushört, liegt nicht so ganz falsch: Nur stellt diese für den Verfasser eben nur Material dar, welches er mit frisch erfundenen Metaphern* zudeckt und wie eine Seifenblasenmaschine massenhaft und ohne Sinn (aber durchaus mit Verstand: mit Geschäftsverstand) in die Welt hinaus bläst. Ich bin sicher, er ist intelligent genug, dies selbst zu wissen – weshalb er sich wohl heimlich immer ins Fäustchen lacht, wenn die einen ihn wegen seiner Unverständlichkeit anhimmeln und die anderen ratlos zurück bleiben: "Dieses Geschwafel KANN der doch nicht ernst meinen …? Da MUSS doch irgendein Sinn hinter stecken, den ich nur noch nicht verstehe? Also sag ich mal lieber nichts, sonst gelte ich noch als dumm." – Nach diesem Prinzip aus "Des Kaisers neue Kleider" funktioniert Sl.'s "Philosophie" und Ruhm – aber auch da ist er nur ein Plagiator, denn spätestens Heidegger hatte es bereits vor ihm entdeckt.

Und WENN Sl. mal einen Gedanken zu Papier bringt, der einen Gehalt erkennen lässt, dann ist das bestenfalls unfreiwillig komisch … oder aber gefährlich, wie sein Plädoyer für die Abschaffung der Steuern und ihre Ersetzung durch freiwillige Spenden der Reichen … fordert der vom Steuerzahler alimentierte und mit sicherer Pension versehene Philosophieangestellte. Solche Forderungen sind nicht philosophisch (begründet oder begründbar), aber für ein Sozialwesen gefährliches Anschleimen an die "Wirklich Mächtigen"…

"Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt aber darauf an sie zu verändern", forderte Marx.Vielleichte meinte er ja gar nicht die Welt, sondern die "Philosophen" …?

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