Flaggschiff der klassischen Musik

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Flaggschiff der klassischen Musik

Von Urs Meier, 26.01.2016

Seit 25 Jahren gibt es die «Diskothek» auf SRF2 Kultur. Die wöchentliche Klassiksendung wird regelmässig von 100'000 Personen gehört.

Für ein zahlreiches Publikum ist die «Diskothek» am Montagabend ein fester Termin. Am 7. Januar 1991 ging sie – damals noch als «Diskothek im Zwei» – erstmals auf Sendung. Nach rund tausend Ausgaben wurde am gestrigen 25. Januar das 25jährige Jubiläum begangen. Am Konzept hat sich ähnlich wenig geändert wie am Titel. Die «Diskothek» ist als bewährtes und erfolgreiches Format aus dem Programm des Kulturradios nicht wegzudenken.

Einfachheit als Erfolgsrezept

Die nur selten etwas variierte Grundform ist so simpel wie überzeugend: Mehrere Aufnahmen von ein und dem selben Werk der klassischen Musik von Renaissance bis Moderne werden von zwei fachkundigen Studiogästen unter der Leitung einer Musikredaktorin oder eines Redaktors von SRF2 Kultur im Blindtest verglichen und bewertet. Sukzessive werden die schwächeren Interpretationen eliminiert, und zum Schluss wird die siegreiche Version ganz (oder bei umfangreichen Werken in einem längeren Ausschnitt) gespielt.

Das ganze dauert zwei Stunden und fordert konzentriertes Hören. Wer sich leichthin mit klassischem Sound unterhalten will, tut sich diese ziemlich fordernde Sendung nicht an; hierfür liefern die gängigen vier Dutzend Radioprogramme im Kabel oder die noch viel grössere Zahl im Internet genügend passende Angebote.

Mit dem kompetitiven und spielerischen Element des anonymen Vergleichens hat die «Diskothek» zweifellos einen unterhaltenden Charakter. Kommt dann noch der Glücksfall hinzu, dass sich gescheite, redegewandte Leute treffen und die Chemie zwischen ihnen für eine gewisse Spannung sorgt, dann folgt man der diskursiven Erkundung eines bekannten oder unbekannten Werks mit Genuss und gespannter Aufmerksamkeit.

Jubiläumssendung mit Mahlers Sechster

Ihren Stapellauf vor 25 Jahren absolvierte die Sendung mit der 6. Sinfonie von Gustav Mahler, einem kühnen, rätselhaften und weit in die Zukunft weisenden Werk der Spätromantik. Unter der Leitung von Max Nyffeler diskutierten damals die Musikkritikerin Martina Wohlthat und der Komponist Rolf Urs Ringger. Max Nyffeler war nun wiederum Gast in der Jubiläumssendung, die sich wieder mit der gleichen mächtigen Mahler-Sinfonie befasste. Ebenfalls dabei waren Graziella Contratto, Leiterin der Abteilung Musik an der Berner Hochschule der Künste, und Dominik Limburg, Dirigier-Student an der Zürcher Hochschule der Künste. Moderiert wurde die Sendung von der Musikredaktorin Eva Oertle.

Die Regel der zwei Gäste wurde also für einmal nicht eingehalten. Auch standen mit sechs Aufnahmen anfangs mehr Versionen als üblich zur Wahl. Eva Oertle stellte die Runde vor die Aufgabe, die Interpretationen nach den jeweils ersten 30 Sekunden des ersten Satzes mit einem Adjektiv zu etikettieren. Die hiessen dann beispielsweise «konturiert», «zupackend», «abwartend», «drängend», «zuviel versprechend», «grob», «müde», «altersweise», «übermütig» und tatsächlich auch «latinloverig».

Bei der detaillierten Diskussion längerer Ausschnitte aus den Sätzen eins (Allegro energico – heftig, aber markig), drei (Andante moderato) und vier (Finale, Sostenuto – Allegro moderato – Allegro energico) mussten nur wenige der eingangs erteilten Prädikate über Bord geworfen werden. Der generelle Charakter einer Interpretation kann anscheinend schon nach wenigen Takten herausgespürt werden.

Leonard Bernstein als Latin Lover

Die einen heissblütigen Südländer evozierende Aufnahme stamme vielleicht von einem jungen Orchester unter südamerikanischer Leitung, meinte Graziella Contratto. Damit lag sie für einmal gründlich daneben: Es war Leonard Bernstein mit den Wiener Philharmonikern. Gegen den Einspruch Max Nyffelers eliminierte die Runde die Bernstein-Version nach eingehender Diskussion eines längeren Abschnitts aus dem ersten Satz.

Nyffeler konzedierte eine gewisse Unklarheit in der Wiedergabe der musikalischen Architektur, schlug sich aber für Bernsteins emotional-explosive Deutung in die Schanze. Die Unbedingtheit sei kongruent mit Mahlers künstlerischer Haltung; die übrigen Aufnahmen seien im Vergleich zu dieser allzu zahm. Der jüngste in der Runde freute sich zwar über «viel Kraft und Dreck», doch dem Musikstudenten fehlte in dieser Aufnahme «der Kapitän». Der Dirigentin Graziella Contratto war hingegen die martialische Wildheit offensichtlich unheimlich. Sie hörte im Stampfen dieses Marsches etwas «beinahe Faschistoides» heraus – und stiess mit dieser Äusserung auf Nyffelers entschiedenen Widerspruch.

Im dritten Satz tat sich dann die Aufnahme, die anfangs die Etiketten «zupackend» und «konturiert» erhalten hatte, mit wunderschönen Dialogen zwischen den Stimmen hervor. Die hochkomplexen harmonischen Entwicklungen seien so präzise ausformuliert, dass sie überschaubar blieben, konstatierte Nyffeler. Contratto war begeistert von einem intimen, aber nie sentimentalen Ton: «Die jeweils nächste Instrumentengruppe wird sehnsüchtig erwartet und sorgfältig eingefügt.» Man war sich einig, ja die Diskussionsrunde erlag förmlich der Magie dieser Musik.

Einzelne Unterschiede zwischen den Aufnahmen waren manchmal winzig – und doch von grösster Bedeutung. An einer Stelle schreibt Mahler ein «pianissimo subito» vor, auf das nach einem kaum hörbaren Atemholen die Flöten folgen. Diese kleine Lücke war in einer Version geschlossen, der Effekt des winzigen Stockens glattgebügelt, wie Limburg feststellte.

Überragendes Tonhalleorchester

Den Abschluss bildete eine Passage aus dem überwältigenden, riesenhaften Finale. Max Nyffeler bedauerte, dass Leonard Bernstein nicht mehr zur Wahl stand. Die verbliebenen beiden Versionen verschoben aus seiner Sicht das von Mahler intendierte Gleichgewicht von Emotion und Struktur zu sehr in Richtung Affektkontrolle. Ihm fehlte der Latin Lover, denn diese Musik sei das Verrückteste, was bis zu ihrer Zeit (die Sechste entstand 1903/04) geschrieben wurde.

Zwischen den zwei am Ende verbliebenen Aufnahmen jedoch war die Wahl klar. Die eine wurde als «multiperspektivisch» beurteilt in dem Sinn, dass alle im Orchester alles mithören und auf alles eingehen, während die andere Version im Vergleich dazu eher «additiv» erschien, als eine konstruierte Zusammenfügung des gewaltigen Klangapparats. Zur Überraschung aller handelte es sich bei der ersten, deutlich herausragenden Aufnahme um diejenige des Tonhalleorchesters Zürich unter der Leitung von David Zinman (aufgenommen 2008).

Gerade auch bei dieser Ausgabe der «Diskothek» war deutlich, dass Ranglisten zwar interessant sind als Ergebnisse eines jeweils doch ziemlich ausführlichen und sehr fachkundigen Gesprächs. Darüber hinaus erheben die Rankings aber keinen Anspruch. Viel wichtiger ist, was man selbst hören lernt bei der konzentrierten Beschäftigung mit unterschiedlichen künstlerischen Auffassungen und was man erfährt aus der Diskussion zwischen interessanten und kundigen Leuten.

 

Die ausnahmsweise vor Publikum aufgezeichnete Jubiläumsausgabe der «Diskothek» ist als Video auf der Website von SRF2 Kultur abrufbar. Die Zweitausstrahlung der Radiosendung ist am Samstag, 30. Januar 2016, 14.00 Uhr auf SRF2 Kultur. Auf der Website steht auch die Ur-Diskothek von 1991 mit dem gleichen Werk zum Anhören bereit.

Schreibfeeehler:

Das ganze dauert zwei Sunden

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