Finnlands „Kinderkrieg“ mit Russland

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Finnlands „Kinderkrieg“ mit Russland

Von Willy Schenk, 13.10.2012

Weil in einem Vorort von Helsinki der Mutter und ihren 4 Kindern einer Russisch sprechenden Familie von den Behörden Schutz vor dem Vater gewährt wurde, entwickelte sich in Russland eine Pressekampagne mit politischen Folgen.

Das Eingreifen in einen Familienstreit wurde vom grossen Nachbarn als Verstoss gegen bilaterale Abkommen und als „barbarischer“ Eingriff in die männliche Vorherrschaft empfunden.

Eigentlich könnte Finnland sich als Musterland der EU über den Nobelpreis für die europäische Gemeinschaft freuen. Aber die Situation wird getrübt durch einen unerwarteten Konflikt mit Russland. Über die Details des Eingreifens machen die finnischen Behörden wie bei Einzelfällen üblich noch keine Angaben.

Es scheint aber, dass einer Mutter mit 4 Kindern wegen einem Familienstreit Zuflucht in einem Frauenhaus gewährt wurde. Der Fall geriet über einen finnischen Informanten in die russische Presse und führte zu einer Kampagne über die Verhaftung unschuldiger russischer Kinder in Helsinki. Der für Familienfragen zuständige russische Minister sagte, er könne die Vorkommnisse nur als „barbarisch“ bezeichnen.

Russische Empfindlichkeit

Inzwischen haben sich die finnische Botschaft in Moskau und auch die russische Botschaft in Helsinki um eine Richtigstellung der Vorfälle bemüht. Die finnische Ministerin für Familienfragen veranstaltete eine Pressekonferenz, bei der die Korrespondenten der russischen Agentur Tass und der russischen Zeitung Prawda vertreten waren.

Bei den Fragen wurde deutlich, dass der Eingriff von Behörden in einen Familienkonflikt für Russen ein völlig unvorstellbarer Vorgang ist. So wollte ein russischer Korrespondent wissen, ob eine russische Familie künftig noch einen touristischen Spaziergang durch Helsinki wagen könne, ohne dass plötzlich ihre Kinder verhaftet würden.

Die beiden Aussenminister schalteten sich in einen Konflikt ein, der in Finnland inzwischen den Namen „Kinderkrieg“ erhielt. Einen Hintergrund dafür bildet die russische Empfindlichkeit gegenüber der Menschenrechtskritik aus Westeuropa. Während man gegen Vorwürfe aus Strassburg und Brüssel nicht zu polemisieren wagt, schlägt man umso härter zu bei Vorfällen in Finnland und dem Baltikum.

Hier im Vorfeld Russlands stösst auch der anschwellende Strom der russischen Touristen auf Kontraste wie etwa den Gegensatz zwischen eigener und westlicher Familienpolitik. Der finnische Aussenminister erklärt auf seiner Internetseite, dass in Finnland inzwischen 50 000 Russisch sprechende Personen wohnen, während pro Jahr über 10 Millionen Russen die russisch-finnische Grenze passieren. Er versucht in etwas lehrerhafter Manier, den „Kinderkrieg“ als einen Zwischenfall darzustellen, wie man sie früher auch zwischen Schweden und Finnland erlebt habe.

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