Falscher Trend

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Falscher Trend

Von Christoph Zollinger, 17.11.2018

Sind Kühe mit Hörnern glücklicher als jene ohne? Ob die alten Ägypter vor 2000 Jahren sich diese Frage auch gestellt haben?

Mit immer neuen Tricks versucht die Landwirtschafts-Lobby an das Geld der Steuerzahler zu kommen. Neben Direktzahlungen und Schutzzöllen in Milliardenhöhe sind es nun Entschädigungen dafür, dass sie – die Bauern – gar keine Zusatzleistung erbringen. Bekommen sie heute schon Geld dafür, wenn sie z. B. keine benzinbetriebenen Laubbläser benützen oder die Siloballen geordnet an landwirtschaftsverträglicher Stelle platzieren, sollen sie jetzt also auch dafür bezahlt werden, dass sie ihren Kühen die Hörner wachsen lassen.

Direktzahlungs-Panorama

Es wird immer anspruchsvoller, will man sich die Übersicht beschaffen, wofür unsere Bauern Direktzahlungen bekommen. Irrtum vorbehalten sind es momentan Kulturlandschaftsbeiträge (Offenhaltungs-, Hang-, Steillagen-, Alpungsbeitrag), Versorgungssicherheitsbeiträge (Basis-, Produktionserschwernisbeitrag, Beitrag für offene Ackerfläche und für Dauerkulturen), Biodiversitätsbeiträge (Qualitäts-, Vernetzungsbeitrag), Landschaftsqualitätsbeitrag, Produktionssystembeiträge (Beitrag für biologische Landwirtschaft, Beitrag für extensive Produktion, Beitrag für graslandbasierte Milch- & Fleischproduktion, Tierwohlbeiträge Ressourceneffizienzbeiträge (Beitrag für emissionsmindernde Ausbringverfahren, Beitrag für schonende Bodenbearbeitung, Beitrag für den Einsatz von präziser Applikationstechnik, Beitrag für Spritzen mit separatem Spühlwasserkreislauf, Beitrag für stickstoffreduzierte Phasenfütterung von Schweinen, Beitrag für Reduktion von Pflanzenschutzmitteln (!), Übergabebeitrag, Einzelkulturbeiträge, Regionale Ressourcenprogramme.

Abstimmungs-Posse 

Bereits zum dritten Mal innert gut zwei Monaten hat das Schweizervolk über Anliegen der Landwirtschaft abzustimmen – als hätten wir keine anderen Probleme. Wiederum tönt die Forderung verlockend und ist dennoch irgendwie weltfremd. Da sollen jetzt also fünf Millionen Laien darüber befinden, ob Bauern, die Kühe mit Hörnern im Stall halten, dafür noch extra einen Batzen erhalten sollen (übrigens zulasten der Beiträge zur Verschönerung der Landschaft). Direkte Demokratie made in Switzerland ist nicht immer leicht verständlich. Das oft gehörte Argument, eine hornlose Kuh sei verstümmelt und leide zeitlebens – sehen wir uns das doch mal näher an.

Hornlos hat eine lange Tradition

Mehr als viele Worte spricht das über zweitausend Jahre alte Relief auf einem ägyptischen Sarkophag: Abgebildet sind eine Kuh und ein Kälblein und der Bauer, der die Kuh melkt – die Kuh ohne Hörner, nota bene. Offensichtlich züchtet der Mensch seit Jahrtausenden hornlose Kühe, was auch durch archäologische Funde von Schädelknochen belegt ist. „Hornlose Kuhrassen waren bei den alten Ägyptern keine Seltenheit“, sagt Hermann Swalve, Professor für Tierzucht an der Universität Halle in einem ausführlichen Beitrag der NZZ am Sonntag. Sie sind also keine Erfindung der industrialisierten Landwirtschaft, sondern es war der Mensch, der sich irgendwann für horntragende Rassen entschied, indem er hornlose Tiere in der Zucht ausmerzte.

Die Frage sei deshalb erlaubt: Warum entscheiden sich nicht mehr Bauern für die Zucht von hornfreien Kühen? Im gleichen Artikel wird berichtet, dass diese Entwicklung in Europa bereits in vollem Gange sei, auch bei den beliebten Holsteinkühen, der wichtigsten Milchkuhrasse. In zehn Jahren dürfte gemäss diesem Trend mehr als die Hälfte aller Kühe genetisch hornlos sein.

Herr Ritter fordert schon wieder Geld

Bei Annahme der Initiative sollen die Kosten von gut 15 Millionen Franken beim Budget für die Landschaftsqualitätsbeiträge eingespart werden. Dies wiederum bringt verständlicherweise die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz in Rage, die schon heute die Landschaftsqualität beeinträchtigt sieht. Dass bei dieser Gelegenheit ein SVP-Parlamentarier per Motion gleich alle Landschaftsschutzbeiträge verringern möchte, passt irgendwie ins Bild. Da erstaunt es schlussendlich wenig, dass der rührige Präsident des Schweizer Bauernverbandes (SBV), Markus Ritter, die beste aller Lösungen bereithält. Bei einem Ja am 25. November wird er – statt sich in Einzelkämpfe einzulassen, wo gespart werden soll – im Parlament einfach eine zusätzliche Aufstockung der Ausgaben fordern, also eine entsprechende Erhöhung des Direktzahlungsbudgets. So einfach ist das.

Cabaret-Sendung TV SRF1 „Arena“

Vielleicht ist es Ihnen wie mir ergangen. Wäre es nicht um eine eidgenössische Volksabstimmung gegangen, hätte der Auftritt emotional kämpfender Tierwohl- und Tierwürde-Verfechter gegen den bedauernswerten Bundesrat Johann Schneider-Ammann und seine sachlich argumentierenden Mit-Bauern eine reife Cabaret-Nummer abgegeben. Erst fünf Minuten vor Sendungsende wurde die Kostenfrage von der Gesprächsleitung „noch schnell“ überhaupt thematisiert. Fast, als wäre die Begründung der höheren Kosten bei der Haltung von Tieren mit Hörnern durch die Initianten selbst etwas gar „an den Hörnern herbeigezogen“.

Exotische Schweizer Bauernpolitik

Tatsächlich fragen sich viele Bürgerinnen und Bürger, ob der Ruf nach immer neuen direkten und indirekten Subventionen für unsere Landwirte denn gar nie aufhöre. Alle Achtung: es sind diesmal gar Bauern, die diese Initiative ablehnen. Denn der Katalog an eigentümlichen Zahlungen ist – neben den grossen Brocken von rund 15 Milliarden Franken jährlich – wie eingangs kurz erwähnt, schon heute beeindruckend. Bezahlen wir schon 20 Millionen Franken jährlich etwa für die Käsewerbung und fünf Millionen für TV-Werbung für Schweizer Fleisch, sind es jene Steuergelder, die in Bauernhöfe fliessen für Blumenkisten und Holzlattenzäune, Trockenmauern und Gülleschleppschläuche, die nicht überall verstanden werden. Wie wäre es, wenn unsere Bauern wieder mehr Unternehmer würden, statt Direktzahlungsempfänger? Immer wieder sehen wir positive Beispiele, wie einzelne Landwirtfamilien private Initiativen entwickeln und so für viel Goodwill in der Bevölkerung sorgen.

Und schliesslich noch diese Denksport-Aufgabe: Die jährlich zur Verfügung stehenden Milliarden Franken für unsere Bauern sind seit Jahren unverändert, respektive höchstens gestiegen. Obwohl es immer weniger Bauern gibt und die Landwirtschaftsfläche jährlich abnimmt. Somit kassieren die verbleibenden Landwirte nur schon als Folge dieser Tatsache jedes Jahr höhere Subventionen. Darüber beklagt sich allerdings niemand.

Bei aller Sympathie für unsere Bauern, solche Initiativen sind der falsche Weg um deren Zukunft zu sichern. Für Bundesrat und Parlament würde die Initiative dem Tierwohl mehr schaden als nützen. FDP, SVP, BDP, CVP und der Schweizerische Bäuerinnen- und Landfrauen-Verband (SBLV) lehnen die Initiative ab, der Schweizer Bauernverband (SBV) gibt keine Parole heraus.

Siehe auch:
Innovative Bauern, ewig gestrige Bauernlobby, 14. Juli 2018

Kommentare

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Schade das dieser Artikel so in Journal 21 erscheint, passt irgendwie nicht so recht zum sonstigen Niveau hier. Ich bin einverstanden mit der Argumentation gegen weitere Direktzahlungen an unsere Bauernlobby, aber es geht hier in erster Linie um Tiere. Damit sich vielleicht auch unsere Bauern einmal vom Ofenbänkli erheben und zu denken beginnen, sollte die ganze Subventionspolitik überdacht werden. Anstatt einfach mit der Giesskanne Geld zu verteilen sollten nur noch diejenigen Direktzahlungen erhalten die auf Insektizide, übermässiges Düngen und die Nutzung der letzten Quadratzentimeter verzichten und Tiere artgerecht halten. Im übrigen betonen die Bauern ja immer ihre Selbständigkeit und wollen sich nicht von Staat reinreden lassen, aber die hohle Hand machen sie doch gerne. Auch bezeichnen sich die Bauern gerne als Unternehmer, als Unternehmer muss man sich aber immer wieder den jeweiligen sich ständig verändernden Umständen anpassen und kreativ bleiben anstatt auf staatliche Hilfe zu vertrauen.

1. Es geht nicht um neue Subventionen, es geht um Umverteilung. Z.B. durchs Streichen von unsinnigen Beiträgen wie etwa für folkloristische Landschafts-Qualitätsbeiträge für Holzpfosten, Tristen, Rebhäuschen usw. Was auch für mich klar ist: die Direktzahlungspolitik und die (Um)Verteilung des Geldes muss dauernd neu überprüft werden. Nicht nur weil, wie der Autor zu Recht schreibt, die Anzahl der Betriebe zurückgeht

2. Wiederkäuer haben von Natur aus Hörner; nur weil der Mensch sie weggezüchtet hat, heisst dies noch lange nicht, dass hornlos tiergerecht ist.

3. Es wird der NZZ-Artikel erwähnt; der steckt voller Fehler. Siehe dort den Leserbrief vom 4.11.18: «Im Artikel steht, hornloses Rindvieh sei die Folge einer natürlichen Mutation. Solche Mutationen kamen tatsächlich in Zuchtlinien keltischen und friesischen Ursprungs vor. Aber die Biologie der Rinder weist in eine andere, gehörnte Richtung. Zwar werden die reinen Gene weitervererbt, die für die Hornlosigkeit verantwortlich sind. Doch eben nur in der Zucht. In der Natur haben sie einen schweren Stand, denn Hörner sind in der Biologie des Rindes ein derartiger Vorteil, dass Individuen «oben ohne» durch die Natur wegselektioniert wurden. Fazit: Hörner sind natürlich. Genetische Hornlosigkeit überlebt nur in der Obhut des Menschen, und für den natürlichen Körperhaushalt und das Sozialverhalten brauchen Rinder eigentlich ihre Hörner.
Auch in einem anderen Punkt irrt die `NZZ am Sonntag`. Da steht, bei der Regulierung der Körpertemperatur spielten die Hörner `entgegen der landläufigen Meinung offenbar keine Rolle – wissenschaftliche Beweise dafür fehlen.` Das ist falsch. Es gibt mehrere wissenschaftliche Studien, die den Wärmeaustausch nahelegen beziehungsweise belegen.»

chapeau!
mit so deutlichen und profund recherchierten worten gegen die grösste lobby in der schweiz anzutreten braucht mut. herr ritter erweist seinen mitgliedern einmal mehr einen bärendienst.

Es geht bei dieser Initiative nicht um mehr Subventionen, es geht um eine sinnvolle Verlagerung und um artgerechte Tierhaltung. Die Hörner sind nicht einfach ein nutzloses Zubehör der Kuh, sie haben verschiedene Funktionen und sind auch bei alten Kühen voll durchblutet. Vieles ist bereits erforscht. Ihr Artikel ist eine ziemliche Schande für Journal 21.

Vielen Dank für diese Zusammenstellung. Durch alle diese finanziellen Beiträge an die Landwirte, die ja ansonsten das arbeitsreichste und härteste Erwerbsleben der Bevölkerung auf sich nehmen, kann man auch die schweizerische Gründlichkeit etwas besser verstehen. Der Wohlstand der Schweizerischen Eid-"Genossenschaft" begründet sich ja nicht zuletzt auf diesem ur-sozialistischen Prinzip, das sich bis heute in den Alp- und Wassergenossenschaften der Bergler erhalten hat und nicht nur für einen Wirtschafts-Nobelpreis gesorgt hat (Elinor Ostrom "common goods"), sondern auch im Landesmotto zum Ausdruck kommt: "Einer für alle, alle für einen." Von da her; Volksabstimmung über Kühe mit Hörnern ja oder nein? Finde ich gut.

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