Falsche Töne

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Falsche Töne

Von Stephan Wehowsky, 04.06.2019

Kaum ist Andrea Nahles zurückgetreten, erschallt laute Kritik an der SPD. Die Partei sei unsolidarisch und frauenfeindlich.

Wochenlang waren in den Medien die peinlichen Auftritte von Andrea Nahles ein grosses Thema. Unvergessen ihre Gesangseinlage vor dem Bundestag, ihre Wortschöpfungen wie „Bätschi“ oder ihr Kraftausdruck: „Jetzt gibt’s in die Fresse.“ Es hatte schon Gründe, warum Andrea Nahles mit nur 66 Prozent zur Parteivorsitzenden gewählt wurde.

Chor des Bedauerns

Man darf auch nicht vergessen, dass manche Landesverbände keinen Wert darauf legten, dass Nahles sich dort für den Wahlkampf engagierte. Wieder und wieder hörte man, dass sich die Genossinnen und Genossen für die Auftritte schämten. Insbesondere in der letzten Woche, als es wegen der von Nahles vorgezogenen Wahl des Fraktionsvorsitzenden Sondersitzungen gab, kamen diese Peinlichkeiten wieder und wieder zur Sprache.

Jetzt aber schämt sich der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert wegen des Rücktritts, und die Co-Vorsitzende der Grünen Annalena Beerbock spricht davon, dass es Frauen in der Politik ohnehin schwerer hätten als die Männer. In dem umfangreichen Chor des Bedauerns sind zwei Vorwürfe an die SPD besonders dominant: Mangelnde Solidarität und Frauenfeindlichkeit.

Keine Lernbereitschaft

Keiner dieser Vorwürfe ist berechtigt. Denn es ist nicht unsolidarisch, wenn eine Partei- und Fraktionsvorsitzende die Unterstützung verliert, weil sie ihre Parteigenossen und die Öffentlichkeit wiederholt vor den Kopf stösst. Es liess sich bei Andrea Nahles nicht der geringste Lernprozess erkennen, der zu einer Besserung geführt hätte. Einer der Kritiker sagte in der vergangenen Woche ganz klar: „Sie ändert sich nicht.“ Das war der allgemeine Eindruck. Unsolidarisch wäre es gewesen, wenn man ihr ein zurückliegendes Fehlverhalten zur Last gelegt hätte. Aber sie hat nie Lernbereitschaft signalisiert.

Unsolidarisch wäre es auch gewesen, sie ganz allein für die jüngsten Wahlniederlagen verantwortlich zu machen. Denn diese Wahlniederlagen haben mit dem übrigen schwachen Personal und der mangelnden Ausstrahlung der SPD zu tun. Bei der CDU ist es ähnlich. Der Schwerpunkt der Kritik an Nahles lag aber nicht auf den Wahlniederlagen, sondern auf ihrem Verhalten.

Der Vorwurf der Frauenfeindlichkeit geht ebenfalls fehl. Denn es sind ja keine spezifischen weiblichen Eigenschaften, die Andrea Nahles zum Vorwurf gemacht wurden, sondern ihre Stillosigkeit. Es ist nicht spezifisch weiblich, in aller Öffentlichkeit Kraftausdrücke zu verwenden oder sich auf andere Weise lächerlich zu machen. Wenn die Kritik an Nahles spezifisch frauenfeindlich wäre, würde dies im Umkehrschluss bedeuten, dass man bei Frauen grundsätzlich einen Schuss Peinlichkeit akzeptieren müsse. Das kann aber niemand im Ernst meinen.

Emotionen

Es gibt allerdings ein Argument, das mit einem gewissen Recht zugunsten von Andrea Nahles vorgebracht wird. Dabei geht es um die Frage, inwieweit Politiker in ihren Reden und Auftritten Emotionen zeigen dürfen. Man kann darin auch ein rhetorisches Problem sehen. Gerade die grössten Redner in der Geschichte des deutschen Bundestages verstanden es meisterhaft, im richtigen Moment ihre Emotionen herauszulassen. Unvergessen ist der Polterer Herbert Wehner.

Wenn man die Reden von Andrea Nahles hörte, konnte man den Eindruck gewinnen, dass sie an Herbert Wehner anknüpfen wollte. Doch dazu fehlte ihr die rhetorische Begabung. Deswegen waren ihre Auftritte laut, aber hohl. Auch das trug nicht zu ihrer Beliebtheit bei. Das heisst aber nicht, wie jetzt behauptet wird, dass Frauen grundsätzlich im Nachteil seien, weil man es ihnen verübeln würde, wenn sie einmal so wie ihre männlichen Kollegen auf den Putz hauten.

Die richtige Balance

Denn Frauen haben immer wieder vorgeführt, wie sich weiblicher Charme mit grosser Emotionalität verbinden lässt. Zu Herbert Wehners Zeiten war dies unübertroffen Hildegard Hamm-Brücher, und heute würde man an Sarah Wagenknecht denken. Daneben gibt es aber sehr viele andere Politikerinnen, denen die Balance zwischen kühler Rationalität und Emotion gelingt.

Die jetzige Debatte sollte nicht mit falschen Zuschreibungen geführt werden, Die SPD ist ganz sicher nicht weniger solidarisch als CDU/CSU oder die FDP. Diese Parteien waren nie zimperlich, wenn es darum ging, Führungspersonal auszuwechseln, wenn man sich einen Vorteil davon versprach. Dazu kommen die Intrigen bei der Linken und die verdeckten Machtkämpfe bei den Grünen, von den anderen Parteien gar nicht zu reden. Das Hauptproblem der SPD wird jetzt sein, eine glaubwürdige Führung zu installieren.

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