Fahrt in die Hölle

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Fahrt in die Hölle

Von Hans Woller, Paris - 05.03.2017

Kleine Chronik eines politischen Selbstmords - François Fillon, der konservative Präsidentschaftskandidat kurz vor dem Aus.

Noch 24, 36 oder 48 Stunden, dann müsste das schmerzlich pathetische Drama von einem, der das höchste Amt im Staat anstrebte und über eine Affäre und sich selbst stolperte, eigentlich ein Ende finden. Das längst fällige Schlusskapitel im letzten Akt eines Stücks, das den Titel trägt: „Der freie Fall des François Fillon – 25. Januar bis 6. März 2017“ dürfte dann geschrieben sein. Doch sicher ist angesichts der Verbohrtheit von François Fillon nichts mehr.

Grausame Einsamkeit

Freitagvormittag, 10 Uhr, Paris, Gare de Lyon. Der Mann, der vor exakt drei Monaten noch wie der sichere, kommende französische Staatspräsident aussah und jetzt in ebenfalls exakt drei Monaten in den Élyséepalast einzuziehen gedachte, entsteigt einem aus Nîmes kommenden TGV. Und der Mann ist alleine. Wie ein x-beliebiger Fahrgast schleicht er mit einem Handkoffer den Bahnsteig entlang, nur ein Sicherheitsoffizier und ein Assistent begleiten den einsamen, gebückten François Fillon durch die Menge zu einem Taxi. Niemand hat an diesem Morgen mehr auf denjenigen gewartet, der am kommenden 7. Mai die geballte Macht eines französischen Staatspräsidenten zu übernehmen gedachte. 

Fillon – Geld zurück

Am Vorabend hatte Fillon noch vor 3000 verbliebenen Anhängern im südfranzösischen Nîmes auf einer Bühne gestanden und im stickig-erhitzten Saal über das blau-weiss-rote Fahnenmeer hinweg martialische Sätze von sich gegeben: Er habe nicht die Absicht niederzuknien, er werde nicht aufgeben, er gehöre zu den Kämpfern, die das Leben nicht nur aus den Büchern gelernt hätten, und rief gar das französische Volk zum Widerstand auf gegen die Medienmaschine und die Gerüchte, die ihn zermalmen wollten. Seine Anhänger im Saal skandierten „Fillon – Président“ – vor dem Saal aber hatte der Kandidat, wie nun seit Wochen schon, neben dem Getrommel auf Kochtöpfen, sich ganz andere Parolen anhören müssen, nämlich all die, die sich mit der Schlusssilbe seine Namens, mit „-on“, reimen: prison, pognon, démission – ins Gefängnis mit ihm, Geld zurück, Rücktritt.

Der unmögliche Wahlkampf

Seit Wochen sagt man dem introvertierten Mann aus dem Département Sarthe, es lasse sich kein Wahlkampf mehr betreiben mit all den Klötzen, die er am Bein hat – doch Fillon macht scheinbar unbeirrt weiter.

Der dringende Verdacht, über eine Zeitspanne von fast 30 Jahren insgesamt 15 Jahre lang seine Frau still und heimlich als Parlamentsassistentin mit insgesamt 680’000 Euro netto aus der Staatskasse bezahlt zu haben, ohne dass sie dafür etwas gearbeitet hätte – dieser Verdacht führt nun schon seit sechs Wochen dazu, dass dem konservativen Präsidentschaftskandidaten eigentlich kaum jemand mehr zuhört, von seinem Programm oder seiner Zukunftsvision für Frankreich so gut wie gar nicht mehr die Rede ist. Und wenn davon die Rede wäre, wie könnte einer, der den Franzosen Blut, Schweiss und Tränen verspricht, um das Land wieder aufzurichten, wie er sagt, die Notwendigkeit von zu bringenden Opfern glaubhaft verteidigen, wo er und seine Familie sich doch mit hoher Wahrscheinlichkeit über Jahre hinweg wie selbstverständlich am Staatssäckel schadlos gehalten haben?

Weiter so

Doch Fillon macht weiter, wettert gegen Komplott und Kabale und vermittelt ungebrochen den Eindruck, dass er es schlicht und einfach als unerhört empfindet, wenn Justiz und Öffentlichkeit es überhaupt wagen, sich mit seinem Fall zu beschäftigen. Er wirkt mehr und mehr wie eine grossbürgerliche Romanfigur von Balzac, die plötzlich im 21. Jahrhundert angekommen wäre und die Welt nicht mehr versteht. Der Mann, der die Mehrheit der Stimmen aus dem Volk auf sich vereinen wollte, hat einfach nicht verstanden, dass inzwischen auch die Bevölkerung Frankreichs – wie in anderen Ländern seit Jahrzehnten schon – nicht mehr bereit ist, bei Politikern über den alt hergebrachten Sumpf aus Günstlingswirtschaft, Privilegienhascherei und Finanzaffären aller Art einfach hinwegzusehen.

Panik

Als François Fillon an diesem Freitagvormittag am Pariser Gare de Lyon mutterseelenalleine in ein Taxi stieg, waren gerade 48 Stunden vergangen, seitdem er am Mittwoch in aller Frühe Hals über Kopf seinen Besuch auf der Pariser Landwirtschaftsmesse abgesagt hatte und untergetaucht war. Selbst seine engsten Mitarbeiter standen auf dem Messegelände völlig hilflos vor heissgelaufenen Kameras und aufgeregten Journalisten und fummelten an ihren Handys. Einen Vormittag über herrschte in Frankreichs Hauptstadt plötzlich ein Klima, das manchen an den 29. Mai 1968 erinnerte, als General de Gaulle heimlich Paris in Richtung Baden-Baden verlassen hatte und den Tag über nicht auffindbar war.

Anklageverfahren

François Fillon hatte sich an diesem Mittwoch früh nur in seinem Wahlkampfhauptquartier verbarrikadiert. 4 Stunden später tauchte er bei einer eilig einberaumten Pressekonferenz wieder auf und liess den Grund für sein zeitweiliges Abtauchen erahnen: die Ermittlungsrichter in der Scheinbeschäftigungsaffäre seiner Frau hatten ihn am Vorabend für den 15. März vorgeladen, mit der Absicht, in dieser Affäre gegen den Präsidentschaftskandidaten ein Anklageverfahren zu eröffnen. Am 26. Januar, kurz nach Bekanntwerden der Affäre, hatte Fillon noch im Fernsehen vor Millionen Franzosen erklärt, er werde von seiner Kandidatur zurücktreten für den Fall, dass ein Anklageverfahren gegen ihn eingeleitet werde. Nun war es so weit und die Situation eigentlich klar. Doch nichts da.    

François Fillon, beleidigt und verbockt, stellte in seiner siebenminütigen Erklärung klar, dass er trotz allem weitermachen werde. Offensichtlich nach dem Motto, was geht mich mein Geschwätz von gestern an. Und der Präsidentschaftskandidat verlas Zeilen, die es in sich hatten und die die Hysterisierung und Dramatisierung des Wahlkampfs, die er betreibt, seit er in Schwierigkeiten ist, nur noch verstärkten. Wenige Tage zuvor hatte Fillon sich gar zu den Worten verstiegen, Presse und Justiz hätten eine bürgerkriegsähnliche Situation im Land geschaffen!

Mit dieser Art von Breitseiten gegen die 3. und 4. Macht einer Demokratie fuhr Fillon dann auch an jenem Mittwochmittag bei seiner kurzen Pressekonferenz fort. Das Ganze gipfelte in der Aussage, er werde sich von nun ab nur noch dem Urteil des Volkes unterwerfen und rief dieses Volk, das de facto wohl eher sein Wahlvolk und seine letzten Getreuen sein dürften, zu einer machtvollen Demonstration auf dem Pariser Trocaderoplatz für diesen Sonntag auf. Einer, der als Staatspräsident von der Verfassung her gehalten wäre, die Unabhängigkeit der Justiz zu garantieren, ruft jetzt die Massen auf die Strasse, um gegen die Justiz zu demonstrieren.

Ein Aufruf, der an das Vorgehen faschistischer Ligen in den 30-er Jahren erinnern kann.

Es reicht  

Während ein innerlich bebender François Fillon an jenem Mittwochmittag eine Reihe von im Grunde unverantwortlichen Sätzen in die Mikrophone sprach, standen seine eilig zusammengetrommelten, namhaften Unterstützer seitlich an der Bühne und erinnerten mit ihren Mienen an die Angestellten eines Beerdigungsinstituts im Moment, da ein Sarg zu Grabe gelassen wird.

Ihre Gesichter sprachen im Grunde schon Bände darüber, was hinter den Kulissen von Fillons Wahlkampfmaschinerie bereits im Gang war. Nämlich die grosse Absetzbewegung.

Fillons Ankündigung der anrüchigen Demonstration für diesen Sonntag war ein weiterer Auslöser dafür, dass plötzlich ein Tweet nach dem anderen durch das hysterisch gewordene politische Paris rauschte. Erklärungen und Appelle, in denen konservative Nationalratsabgeordnete, Senatoren, Bürgermeister von Grossstädten, Präsidenten von Departements- und Regionalräten François Fillon ihre Gefolgschaft aufkündigten – bis zu diesem Samstag ist die Liste auf rund 200 Namen angewachsen. Der Mitte-rechts-Partner, die UDI Partei, erklärte, eine weitere Unterstützung ihrerseits sei nur denkbar, wenn Fillon durch einen anderen Kandidaten ersetzt werde. Aus der Wahlkampfzentrale Fillons verschwanden über Nacht 15 der wichtigsten Mitarbeiter, am Freitagabend folgte dann der eigentliche Todestoss: Thierry Solère, der Organisationschef der konservativen Primärwahlen letzten November und danach Wahlkampfsprecher des konservativen Präsidentschaftskandidaten, warf das Handtuch. Kurz vor Fillons derzeit wichtigstem Kampfgefährten, seinem Wahlkampfdirektor, Patrick Stefanini, ein treuer Begleiter seit über zwei Jahrzehnten.

Pathetisch

Und Fillon? Er macht immer noch weiter, hat seinen Wahlkampfterminkalender für die kommende Woche veröffentlichen lassen, als wäre nichts geschehen. Und an diesem Samstag liess er bei der seit langem geplanten öffentlichen Vorstellung seines Programms, zum wiederholten Male von seinen Anhängern im Saal die Justiz und die Presse auspfeifen und die Anhängerschaft pöbeln. Ein Vorgehen, das man in Frankreich bislang nur von der rechtsextremen Nationalen Front kannte.

François Fillons schier grenzenlose, krankhafte, ja pathetische Dickköpfigkeit und das seit Wochen herrschende verunsicherte und ungute Klima im Land schüren die Angst nur noch weiter, am Ende, in der Stichwahl am 7. Mai, könnte Marine Le Pen letztlich doch recht nahe an die 50% herankommen.

Selbst jemand wie Laurence Parissot, Frankreichs vormalige Arbeitgeberpräsidentin, hat diese Befürchtung am Wochenende im französischen Radio öffentlich geäussert. 

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