Europas schlingernder Weg

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Europas schlingernder Weg

Von Stephan Wehowsky, 25.04.2019

Stephan Wehowsky: Ian Kershaw durchleuchtet die europäische Nachkriegsgeschichte bis in die Gegenwart.

Der Buchtitel „Achterbahn“ ist, obwohl er nicht ganz trifft, sehr aussagekräftig. Denn eine Achterbahn fährt auf Schienen, und ihre Strecke ist, so wild sie auch sein mag, genau vorgegeben. Das gilt natürlich nicht für die Geschichte. Keiner weiss, wie sie sich entwickeln wird. Aber die Metapher zielt auf die Höhen und Tiefen, Stürze und jähe Wendungen.

Unerwarteter Frieden

Kershaw selber sah sich vor der Herausforderung, die Vielzahl der zum Teil völlig disparaten Entwicklungen und Ereignisse zu einer „Geschichte“ Europas zusammenzufügen, ohne sie unzulässig zu vereinfachen oder zu harmonisieren. Das ist ihm in bester Weise gelungen, und daher bietet das Buch eine ebenso spannende und informative Lektüre wie sein „Höllensturz“.

Die Schwierigkeit für Kershaw bestand nun aber darin, dass es für die Nachkriegszeit keinen Erzählstrang gibt, wie ihn die beiden Kriege boten. Hier fehlt die „lineare Entwicklung“. Vielmehr schlingerte Europa von einer „Epoche grosser Unsicherheit in eine andere“. Unsicherheit heisst aber nicht Zerfall und Katastrophe. In seinem Buch „Höllensturz“, wobei der englische Titel „To Hell and back“ weitaus treffender ist, beschrieb Kershaw Land für Land die Entwicklungen, die zu den Katastrophen der Kriege führten. Ein Unglück gebar das nächste, und es ist schwer erklärlich, warum diese Kette nach 1945 riss und wenigstens in Teilen Europas ein vergleichsweise stabiler Frieden möglich wurde.

Zerfall Jugoslawiens

Allerdings beschönigt Kershaw in keiner Weise die Kolonialkriege beziehungsweise Bürgerkriege in den ehemaligen Kolonien und er beschreibt, mit wie harter Hand die Sowjetunion ihre Machtansprüche durchsetzte. Dabei geht Kershaw stets so weit ins Detail, dass die jeweiligen Entwicklungen plausibel nachvollzogen werden können, aber er verliert sich nicht in Einzelheiten. Und er schafft es, die jeweils treibenden Kräfte ganz unterschiedlicher Art in den Blick zu nehmen. So lässt sich der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien nicht allein vor dem Hintergrund des politischen Zerfalls verstehen. Denn nachdem Tito das Gebilde nicht mehr zusammenhielt, brachen alte ethnische und religiöse Konflikte wieder auf und entfalteten ihre destruktive Kraft.

Gerade weil Kershaws Werk auch aufgrund seines Detailreichtums äusserst wertvoll ist, vermisst man ein Inhaltsverzeichnis, das die Orientierung erleichtert. Die zwölf am Anfang aufgeführten Kapitel und der Hinweis auf den „Ausblick“ reichen dazu bei weitem nicht aus. Das Personen- und Sachregister am Ende ersetzt nicht die fehlende Aufschlüsselung.

Reform und Zusammenbruch

Jenseits der Wohlstands- und Stabilitätsoasen in Europa herrschten oft krasser Mangel, und in Ländern wie Albanien und Rumänien gab es bis 1989 die aberwitzigsten Diktaturen. Wie aber kam es überhaupt zur Wende von 1989? Kershaw schildert mit beeindruckender Klarheit, wie Gorbatschow, ursprünglich ohne Frage Kommunist, aufgrund der wirtschaftlichen Schieflage der Sowjetunion Korrekturen vornahm, die nach und nach völlig ungewollt eine Dynamik entfalteten, an deren Ende der Zusammenbruch stand. Damit öffnete sich der „Schraubstock“, in den die Sowjetunion ihre Satellitenstaaten gezwängt hatte.

Kershaw schildert das alles detailgenau und spannend, aber er steht immer wieder vor dem Problem, wie er einzelne Entscheidungen und Entwicklungen bewerten soll. Dieses Problem zieht sich durch das ganze Buch. So liefert Kershaw ganz am Anfang in aller Kürze und Klarheit eine Darstellung des Koreakrieges. Dabei konzentriert er sich auf das politische Kalkül der USA, das durchaus plausibel ist. Die moralischen Probleme, die in den folgenden Kriegen in Asien ins Unermessliche wuchsen, erwähnt er, aber sie bleiben etwas blass. Das Gleiche gilt für die Bombardierung Serbiens und für den Irak-Krieg. Dass diese Kriege völkerrechtlich fragwürdig waren, wird erwähnt, aber der damit verbundene Skandal kommt nur gedämpft zum Ausdruck. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Kershaw in der Nato den wichtigsten Friedensgaranten seit dem Zweiten Weltkrieg für Europa sieht.

Zeitzeuge und Histroiker

Klarer ist Kershaw bei der Beschreibung der katastrophalen wirtschaftlichen Folgen der Thatcher-Jahre und des dramatischen wirtschaftlichen Abstiegs der Arbeiterklasse auch noch unter Tony Blair. Die Zahlen zur Wohnungsnot und zur Obdachlosigkeit sind frappierend. Und bei der Bankenkrise mit den weltweiten volkswirtschaftlichen Schäden lässt er es an Deutlichkeit nicht fehlen. Gleichwohl sieht er zum praktizierten Neoliberalismus keine wirkliche Alternative.

Kershaw ist in diesem Werk zugleich Zeitzeuge und Historiker. Die Perspektive als Zeitzeuge erfasst natürlich nur einen winzigen Bruchteil aus der Gesamtheit der Ereignisse. An einzelnen Stellen verweist Kershaw ganz dezent auf persönliche Erlebnisse, aber ironischerweise hat er den Mauerfall am 9. November 1989 nicht direkt miterlebt, obwohl er gerade in Westberlin war. Denn an jenem Abend hatte er sich mit einem Doktoranden zu einer Besprechung zurückgezogen. Doch seine Eigenschaft als Zeitzeuge gibt der ganzen Darstellung eine eigene Dringlichkeit. Denn die Geschichte und die Zukunft Europas betreffen ihn ganz unmittelbar. Was weiss er also und was hofft er?

Obwohl er sieht, dass Europa seit 2008 von mehreren Krisen erschüttert wurde und sich im Zeichen zahlreicher ungelöster Probleme in einer völlig neuartigen Phase der Unsicherheit befindet, konstatiert er, dass anders als in den Kriegszeiten destruktive Mentalitäten wesentlich schwächer ausgebildet sind. „Zivile Werte haben militärische Werte verdrängt. Eine Rückkehr zur Kriegslüsternheit und Aggression innerhalb Europas, die zu zwei verheerenden Weltkriegen geführt haben, ist heute unvorstellbar.“

Und insgesamt geht es den meisten Europäern heute wirtschaftlich besser als früher, was man allerdings nur wirklich vor dem Hintergrund der von Kershaw beschrieben blanken Not in früheren Zeiten nachvollziehen kann. Aber daraus leitet er nicht die Erwartung positiver Kontinuität ab: „Die einzige Gewissheit ist die Ungewissheit.“

Ian Kershaw: Achterbahn. Europa 1950 bis heute. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. 828 Seiten, Deutsche Verlags-Anstalt, München 2018, ca. 38 Euro.

Kommentare

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Welch eine Wohltat, wenn ein zeitgenössischer europäischer Historiker und Politologe korrekt differenziert, wenn er über "Europa" spricht! Europa besteht aus 48 Staaten und einer davon ist die Schweiz. Das sollten sich auch die EU-Technokraten einmal zu Herzen nehmen. Für viele von ihnen, angefangen bei Juncker und Tusk, ist Europa quasi identisch mit der EU und das sind 28 und alsbald vielleicht nur noch 27 Staaten...

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