Europas Friedensfeier 2014

Joerg Thalmann's picture

Europas Friedensfeier 2014

Von Joerg Thalmann, Brüssel - 01.01.2014

2014 wird für Europa ein geschichtsträchtiges Jahr. Der Rückblick auf den Ersten Weltkrieg bewegt viel stärker als die gewohnten Jubiläen, mit denen wir dauernd überhäuft werden.

Die Erinnerung an den Ausbruch des ersten Weltkriegs vor hundert Jahren wird viele europäische Länder und Völker in Gedanken und Gedenkfeiern, aber auch in Protesten gegen die gängigen Interpretationen der Sieger aufwühlen. Die Erinnerung und tausende von Gedenkfeiern werden Europas Völker und Länder sowohl zusammenschweissen wie auch trennen. Dieser Krieg ist im kollektiven europäischen Gedächtnis eingebrannt. Von jedem Land anders empfunden, aber eine gemeinsame unauslöschliche Erinnerung. Die Gedenktage waren zuerst auch Siegesfeiern, in hundert Jahren haben sie sich in ein Versöhnungs- und Friedensfest verwandelt.

Das historische Gedächtnis, das wir als lästige Schulpflicht zum Auswendiglernen von Jahreszahlen kennenlernten, bestimmt und steuert uns mehr als wir meinen. Auch uns in der Schweiz. Unsere Aussenpolitik ist von der Niederlage bei Marignano 1515 bestimmt, der wir mit dem Rückzug in unsere noch nach 500 Jahren felsenfeste Neutralität antworteten. Jede Woche gibt es in unserer Europa- und Innenpolitik den Appell eines Politikers, sich ans Rütli und Wilhelm Tell zu erinnern und die uns drohenden Vögte und fremden Richter auch heute zu verjagen. Unterschätzen wir nicht die steuernde Kraft kollektiver Erinnerungen.

Ein europäisches Gedenkfieber

Europa 2014: In den kriegführenden und vor allem in den kriegsgeprüftesten Staaten des ersten Weltkriegs, bei den Siegern, aber auch bei den Verlierern ist der Anlauf zum Gedenken schon seit zwei Jahren im Gang. Aus den USA, aus Italien, aus Russland hat man noch nichts gehört. Österreich, wo am 28. Juni 1914 der serbisch-bosnische Nationalist Princip mit der Ermordung des Thronfolgers die langsame Eskalation zu einem europäischen Krieg auslöste, scheint mit dem Gedenken Schwierigkeiten zu haben, weil es auch heute noch nicht verschmerzt hat, dass seine fünfhundert Jahre alte Habsburger Grossmacht nach dem Krieg zu einem Kleinstaat degradiert wurde. Serbien hat Angst, wieder wie immer zum Schuldigen an diesem Krieg gestempelt zu werden.

Aber in Frankreich, Deutschland, England und Belgien, die in diesem vierjährigen Schützengrabengemetzel Millionen junger Männer verloren, steigt das Fieber enorm. Hans Woller berichtete hier am 22. Dezember, dass in Frankreich mehr als tausend Gedenkveranstaltungen geplant sind. In Paris allein dreissig Ausstellungen, im ganzen Land unzählige weitere, überall Theaterstücke, im Elsass ein moderner Tanz über den Schützengräben unter Granathagel. Roland Garros ist allen Tennisfreunden vom „French Open“ her ein Begriff, aber wer er war, wissen wenige oder keine: ein Fliegerheld des ersten Weltkriegs. Die Radrennfahrer der Tour de France werden nach Ypern und Verdun geführt, die zwei grauenhaftesten Schlachtfelder des ersten Weltkriegs,

Bücher und Ausstellungen

Und hunderte von Büchern füllen die Buchläden auf Französisch, Englisch und Deutsch. Historische, militärische, politische, mit Fakten gefüllte, erklärende, kommentierende, vernichtend kritische, strategische, technische, persönliche Bücher über Schlachten zu Land und zu Wasser, über das Arsenal der damaligen Waffen, über die sich wie ein Uhrwerk abspielende Eskalation von Ende Juni bis zur deutschen Kriegserklärung am 3.August...

Am bewegendsten sind die Zeugnisse einfacher Soldaten. Die Monographie „Frères de tranchées“ (Brüder der Schützengräben) schildert die Verbrüderung, als Deutsche, Engländer, Franzosen und Belgier an Weihnachten 1914 von der christlichen Friedensbotschaft übermannt wurden, aus ihrem Graben stiegen, mit den Feinden einen Fussballmatch austrugen und anderntags unter dem Befehl wütender Offiziere wieder auf sie schiessen mussten. Oder: Journal d’un déporté civil de la guerre 1914-18. „Journal“ heisst hier „Tagebuch“, es sind unzählige wiedergefunden worden. 14-18: Carnets de guerre, Vie et Survie dans les tranchées belges, Témoignages inédits. „Carnets“ sind ebenfalls Tagebücher, ein im Tornister mitgetragenes Notizheft, nachts hervorgeholt und vor dem Schlafen im kargen Schein der Taschenlampe beschrieben.

Das Erinnern animiert auch den Verlierer Deutschland, das 1918 einen erniedrigenden Waffenstillstand unterzeichnen musste, der zum Aufstieg Adolf Hitlers beitrug. In Deutschland hat zwar der zweite Weltkrieg die Erinnerung an den ersten überschattet, aber doch, das Deutsche Literaturarchiv zu Marbach stellt unter dem Titel „August 1914“ Tagebücher, Briefe, Postkarten, Gedichte bekannter und unbekannterer Schriftsteller und Philophen über diesen Krieg aus: von Heinrich Mann, Ernst Jünger, Rilke, Kafka, Wittgenstein, Ernst Stadler, Hermann Löns... und den durchschossenen Stahlhelm Ernst Jüngers. Noch zwei Titel: Les 300 jours de Verdun. / Breaking the frontline, Coronel and Falklands 1914, Duel in the South Atlantic: Schon im ersten Weltkrieg trugen deutsche und britische Kriegsschiffe ein Duell um die Falkland-Inseln aus wie 1982, als Margret Thatcher die von Argentinien annektierten Inseln wiedererobern liess.

Ypern

Eins der stärksten Symbole der sinnlosen Schlächtereien des ersten Weltkriegs liegt  in Flandern. Yperns Häusern, die total zerschossen wurden, sieht man noch heute mit einem schalen Gefühl an, dass sie nach 1918 beim hastigen Wiederaufbau krampfhaft ihren alten Stil imitieren wollten. Ypern liegt im letzten Zipfel Belgiens, den Belgier, Franzosen und Engländer Ende November 1914 gegen den Sturm der Deutschen in Belgien gerade noch halten konnten. Wonach sich die Feinde die nächsten vier Jahre lang in Schützengräben gegenüberlagen und sich, an Weihnachten 1914 einen einzigen Tag unterbrochen, zu hunderttausenden erschiessen mussten. Anfang Dezember 2013 sind Engländer nach Flandern gekommen, haben Erde aus den Gräbern der gefallenen britischen Soldaten ausgehoben und sie in den Park der Königsresidenz Buckingham gebracht, wo ein Denkmal zur Erinnerung an diesen Weltkrieg errichtet wird.

Heute ist Ypern ein Mahnmal gegen Krieg und Verwüstung, für Versöhnung und Frieden, in Europa und darüber hinaus. In einer 100 Meter langen Halle aus riesigen Betonbögen blasen seit 1928 jeden Abend um 8 Uhr, fast dreissigtausendmal bis heute, Trompeter „The Last Post“, den englischen Marsch zur Ehrung der im Krieg Gefallenen. In die Mauern sind 50’000 Namen von nicht identifizierten Toten eingemeisselt. Den 40 Kilometern der damaligen Front entlang stehen viele Mahnmale und Soldatenfriedhöfe der in Flandern kämpfenden Länder.

Ein internationales Friedensjahr

Aus der Totenehrung und Siegesfeier in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg ist eine internationale Gedenk- und Versöhnungsfeier geworden. Frankreich lädt alle 72 damals am Krieg teilnehmenden Nationen, Sieger und Verlierer, auf den 14. Juli ein, an der traditionellen Militärparade seines Nationalfeiertags auf den Champs Élysées mitzumarschieren. Zwischen den auf gespanntem Fuss lebenden Nachbarn Grossbritannien und Irland hat der erste Weltkrieg 99 Jahre später ein Ereignis von seltenem Symbolwert hervorgebracht: Am 19. Dezember sind ihre beiden Premierminister Cameron und Ferry, die man selten nebeneinander sieht, nach Flandern gekommen und gedachten am irischen Denkmal gemeinsam ihrer Toten. Keine Selbstverständlichkeit, denn ein Jahr nach Kriegsende haben die Iren 1919 ihre Gewehre gegen die britischen Waffenbrüder gerichtet und begannen für die Unabhängigkeit zu kämpfen. Unter Führung der IRA, der „Armee der Irischen Republik“, die im britisch gebliebenen Nordirland noch bis vor wenigen Jahren mit Anschlägen wütete.

Das Friedenssymbol Ypern strahlt bis in den kriegsgeprüften Nahen Osten aus. Im November 2013 haben zwei Syrer des „Roten Halbmonds“, wie das Rote Kreuz in den muslimischen Ländern heisst, in der Totenhalle Yperns Kränze für ihre 24 Kameraden niedergelegt, die bei der Betreuung von Verwundeten im Bürgerkrieg den Tod gefunden haben. Sie kamen wohl nicht ganz zufällig aus dem Land, das am 21. August 2013 die Welt mit einem Giftgasangriff aufgeschreckt hat, der tausend Bürger tötete und noch mehr zu Krüppeln machte. Denn Ypern ist auch ein Symbol ganz anderer Art: Dort wurde im April 1915 zum erstenmal in der Kriegsgeschichte Giftgas gesprüht. Das damals gebrauchte Gas hat den Namen „Yperit“ bekommen. Auch an dieses grässliche Geschehnis erinnert uns noch nach hundert Jahren der Name Yperns.

Soll die Schweiz fernbleiben?

Können Sie verstehen, dass ein Schweizer, der nicht weit von diesen Schlachtfeldern wohnt, ein eigenartiges Bedauern spürt? Unser Land blieb doch von diesem Krieg verschont, warum sollen wir seiner gedenken?

Und doch, das Bedauern ist da. Der Grund ist klar. Was heute gefeiert wird, ist nicht mehr dasselbe wie vor hundert Jahren. Jeder Gedanke an den Sieg ist aus den Feiern verschwunden. Das Gedenken an den Krieg, die Toten, die Soldatenfriedhöfe ist noch da, aber mächtiger ist heute, mächtiger wird das ganze 2014 hindurch die Dankbarkeit und die Unterstützung für den Frieden sein, den wir seit dem Ende des zweiten Weltkriegs dank der Aussöhnung der damaligen Feinde geniessen und den seit 1989 die Osteuropäer in Freiheit mitgeniessen können. Aus einer Totengedenk- und Siegesfeier ist eine Manifestation für Versöhnung, Völkerfreundschaft und Frieden geworden, ein europäische Friedensfest.

Von diesem Frieden profitieren auch wir Schweizer. Sollen wir nicht auch an den ihn feiernden Anlässen teilnehmen? Es müssen ja nicht unbedingt Schweizer Soldaten auf den Champs Élysées mitmarschieren (warum eigentlich nicht? zum Beispiel Blauhelme?), aber sich für Frieden, Versöhnung und Europa einsetzende Einzelne, Vereine und Organisationen oder sogar die offizielle Schweiz könnten sich unter die Friedensfeiernden mischen. Die Neutralität würde das nicht verletzen, mit dem EU- oder EWR-Beitritt hätte dieses Mitmachen nichts zu tun, das sind Probleme und Entscheide auf praktisch-politischer Ebene unterhalb dieses allgemeinen Friedensgefühls. Unsere eigenen Meinungen und Politiken könnten wir behalten, das ist sogar eine Errungenschaft dieses mit sich versöhnten Europas. Das Teilnehmen würde zeigen, dass auch wir uns in dieses Europa eingebunden fühlen und dafür dankbar sind.

Ein erster ganz kleiner, in der Schweiz unbemerkt gebliebener Anfang ist gemacht. Am Gedenktag, den die Australier und Neuseeländer an ihrem Denkmal feierten, sind zwei Schweizer gesehen worden. 

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Die Schweiz war im ersten Weltkrieg kein Sonderfall.
Opfer: Wir waren bei der Grippeepidemie nicht neutral.
Täter: Unsere Regierung trägt die gleiche Schuld am Ausbruch des Krieges wie die meisten anderen: sie hat sich kaum aktiv an dessen Verhinderung beteiligt.

Also sind wir wohl auch eingeladen.

Bevor man eine Teilnahme der Schweiz vorschlägt müsste man m.E. genau überlegen, was damit ausgedrückt werden soll und wie die übrigen Nationen so etwas verstehen würden?

Die "übrigen Nationen" werden nachfragen, falls nötig.
Ansonsten werden die Nationen es verstehen, wie sie es verstehen wollen, egal wie es gemeint ist oder was damit ausgedrückt werden soll.
Das war immer schon so. Davon lebt doch die Politik.
Ohne das gäbe es doch die "geliebten" Missverständnisse nicht.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren