„Europa ist in Gefahr“

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„Europa ist in Gefahr“

Von Journal21, 26.01.2019

Dreissig international bekannte Schriftsteller, unter ihnen mehrere Nobelpreisträger, veröffentlichen ein Manifest zur Verteidigung der Europäischen Union EU.

Die Unterzeichner (siehe unten) folgen einem Appell des französischen Philosophen und Publizisten Bernard-Henri Lévy. Der Orginaltext, am Samstag von der französischen Zeitung Libération veröffentlicht, wurde in verschiedene Sprachen übersetzt. Hier die deutsche Version.

„Die Europäische Union wird überall kritisiert, angepöbelt, verraten.

Angeblich sei es an der Zeit, ihr den Garaus zu machen, der Wiederherstellung einer vermeintlich abhanden gekommenen 'nationalen Seele' zuliebe, einer Identität, die oft nur in der Vorstellung von Demagogen existiert. Verabschiedung der Europäischen Union ist das gemeinsame Programm der populistischen Kräfte, die sich heute auf dem Kontinent breit machen.

Im Innern angegriffen von den Propheten des Untergangs, die im Vollrausch ihrer Ressentiments ihre Stunde gekommen glauben, losgelassen von den beiden grossen Verbündeten jenseits des Ärmelkanals und des Atlantiks, im 20. Jh. zweimal vom kollektiven Selbstmord gerettet, den immer weniger verhüllten Manövern des Kreml-Meisters unterlegen, bröckelt das Projekt eines freien, demokratischen Europas vor unseren Augen ab und droht an sich selbst zu scheitern. Und in diesem schädlichen Klima werden im Mai 2019 Europawahlen stattfinden, die zu den verhängnisvollsten werden könnten, die wir je gekannt haben, wenn wir uns nicht zur Wehr setzen gegen die Welle, die uns zu überrollen droht; wenn wir uns nicht schnellstens auf dem ganzen Kontinent mit neuem Elan zu Widerstand aufraffen gegen das Unheil, das als reale Drohung auf uns zukommt: Sieg der zerstörerischen Kräfte, Niederlage all derer, die sich dem Erbe des Erasmus, Goethe und Comenius verpflichtet fühlen, Verachtung von Intelligenz und Kultur; Eruptionen von Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus: ein Horror.

Die Unterzeichneten erheben die Stimme gegen ein solches katastrophales Szenario. Zahlreicher als allgemein geglaubt, aber oft zu resigniert oder schweigend, gehören sie zu den europäischen
Patrioten, die wissen, dass ein dreiviertel Jahrhundert nach der Niederlage des Faschismus und dreissig Jahre nach dem Mauerfall das ’Kulturdach‘ unserer Zivilisation einer neuen entscheidenden Bewährungsprobe ausgesetzt ist. Das europäische kulturelle Erbe, dem sie sich verpflichtet fühlen und das sie weiterhin schützen wollen, die Überzeugung, dass allein die europäische Idee, die gestern die Kraft hatte, die kriegerische Vergangenheit unserer Völker zu überwinden, uns morgen vor neuen Formen des Totalitarismus und dessen finsteren Folgen bewahren wird – all dies verbietet es uns, die Hände in den Schoss zu legen.

Daher dieser dringende Appell.

Daher diese Aufforderung zur Mobilisierung am Vorabend einer Wahl, die wir nicht den Totengräbern preisgeben wollen. Und deshalb diese Ermahnung, die Fackel eines vereinten Europas brennend zu halten, das für freie Menschen aus aller Welt eine zweite Heimat bleibt, all seinen Fehlern, Unvollkommenheiten und gelegentlicher Feigheit zum Trotz.

Unsere Generation hat einen Fehler begangen. Wie die Garibaldianer im 19. Jh., die ihr Programm ’Italia fara da se‘ gebetsmühlenartig wiederholten, glaubten wir, die Einheit des Kontinents sei eine Selbstverständlichkeit, die weder des Willens noch der Anstrengung bedürfe. Wir lebten in der Illusion eines notwendigen Europas, das in die Natur der Dinge liege und für das man sich gar nicht erst engagieren müsse, da es sich auch ohne uns als ’Sinn der Geschichte‘ von selbst konstituieren würde. Mit dieser gutgläubigen Zuversicht müssen wir brechen. Ein laxes Europa ohne Schwung und Ideen dürfen wir uns nicht leisten.

Wir haben keine Wahl. Wo der Populismus brüllt, hilft nur ein vollmundiges Ja zu Europa, andernfalls man sich zu einem resignierten Zuschauen verurteilt. Wo ringsum Regierungen sich immer mehr auf ihre staatliche Souveränität versteifen, ist es Sache, sich für Europa zu engagieren.

Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wenn links und rechts die Ressentiments, der Hass und dessen traurige Auswüchse sich ausbreiten. Und wir müssen dringend Alarm schlagen gegen die Brandstifter, die von Paris bis Rom über Dresden, Barcelona, Budapest, Wien oder Warschau mit dem Feuer unserer Freiheiten spielen. Denn das ist, was zur Zeit gespielt wird: der Versuch, angesichts dieses neuen seltsamen europäischen Versagens, dieser hartnäckigen Krise des europäischen Bewusstseins, die liberale Demokratie und ihre Werte zu dekonstruieren und in Frage zu stellen und damit alles rückgängig zu machen, worauf wir – erstmalig seit den 1930er Jahren – in Europa mit Recht stolz sein dürfen, dem wir unseren Wohlstand verdanken und das uns zur Ehre gereicht.“

Die Unrterzeichner
Vassilis Alexakis (Athen) Svetlana Alexievich (Kiew) Anne Applebaum (Warschau) Jens Christian Grøndahl (Kopenhagen) David Grossman (Jerusalem) Agnes Heller (Budapest) Elfriede Jelinek (Wien) Ismaïl Kadaré (Tirana) György Konrád (Debrecen) Milan Kundera (Prag) Bernard-Henri Lévy (Paris) António Lobo Antunes (Lissabon) Claudio Magris (Triest) Ian McEwan (London) Adam Michnik (Warschau) Herta Müller (Berlin) Lioudmila Ulitskaya (Moskau) Orhan Pamuk (Istanbul) Rob Riemen (Amsterdam) Salman Rushdie (London) Fernando Savater (San Sebastian) Roberto Saviano (Neapel) Eugenio Scalfari (Rom) Simon Schama (London) Peter Schneider (Berlin) Abdulah Sidran (Sarajevo) Leila Slimani (Paris) Colm Tóibín (Dublin) Mario Vargas Llosa (Madrid) Adam Zagajewski (Krakau)
Übersetzung: Ard Posthuma

Kommentare

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Wieso sollen Schriftsteller besser wissen, was für Europa gut ist als jene, welche ihren Lebensunterhalt in der realen Arbeitswelt verdienen müssen? Müssen sich diese als Populisten, Brüller, Hetzer und Hasser diffamieren lassen?

Und worin besteht jetzt genau der Vorteil der EU lieber Philosoph?

Im Manifest hat's kaum Konkretes. Ausser kein Krieg seit damals. Mit Ausnahmen. Und: Könnte es nicht auch sein, dass der Friede in Europa seit 1945 den beiden Kriegen davor geschuldet ist und mit der EU wenig zu tun hat. Adenauer und de Gaulle begannen miteinander zu sprechen mit dem Horror der beiden Kriege vor Augen. Ohne EU.

Heute hat sich jener Horror verflüchtigt, was nach neuer Motivation hinsichtlich EU verlangt. Bitte, sehr konkret: Unionsbürger z.B. können in einem anderen Mitgliedsland arbeiten und leben. Dank des Freizügigkeitsabkommens ist das relativ einfach möglich. Dieser Austausch könnte funktionieren, wenn die Mitgliedstaaten wirtschaftlich gleich auf wären. Italiener gehen nach Polen, Polen arbeiten in Holland, Holländer geniessen das Arbeiten in Frankreich. Wie in kommunizierenden Gefässen wird der Ausgleich geschaffen. Aber wenn die wirtschaftlichen Unterschiede zu gross sind, fliesst der Ausgleich immer in die gleiche Richtung. Osteuropäer zogen in den Norden Englands, arbeiteten dort fleissig und wurden trotzdem nicht akzeptiert. Der ansässige Arbeiter fühlte sich verdrängt und stimmte für den Brexit (Suche den Fehler!). Oder: An der deutsch-französischen Grenze gibt es die Grenzgänger zwischen den Ländern. Das finden Europaparlamentarier und Minister und die Bevölkerung gut. Nur leider haben die zuständigen Beamten nicht dafür gesorgt, dass die Diplome anerkannt werden. Diese zwei Beispiele zeigen, wie Merkel, Macron, ihre Staatsbeamten und weitere Regierungen Abkommen schliessen, ohne sich deren Konsequenzen bewusst sein zu wollen (siehe auch Dublin-Abkommen).

Hauptsache sie sehen gut aus. Vor den Kameras.

Neben der Personenfreizügigkeit gibt es auch den freien Handel. Eine schöne Idee. Nur leider profitiert der angestellte Arbeiter kaum davon. Der grosse Gewinn fällt zum Unternehmer, zu multinationalen Konzernen, zur Finanzwirtschaft, während dessen die Kassiererin um ihren Job bangt, die Renten kaum mehr zum Überleben reichen und die Krankenschwester den dementen Multimillionär für Geld, das kaum mehr für ihre Miete reicht, pflegt und bettet. Trotz Lehrermangel steigen die Löhne der Lernbegleiter in der entwickelten Schule kaum. Im Gegenteil. Man spart. Am falschen Ort. Eine grosse Diskrepanz zum Verhältnis zur Systemrelevanz der Lehrer. Die Marktwirtschaft versprüht ihre Asozialität auf die europäischen Arbeiter und Angestellten. Und weil diejenigen, die davon profitieren, auch die Steuerungsmacht haben, gibt's keine Korrektur zu vernünftiger Zeit. Der Aufruf der Intellektuellen sich dem Erbe Ersamus, Comenius oder Goethes verpflichtet zu fühlen, muss in den philosophischen Salons der telegenen Schöngeistigkeit oder den Talkstunden in Zeiten um Mitternacht verpuffen, wenn das Benzin teurer wird, die Krankenkassenprämien steigen, die Rente sinkt, weil die Bankgesellen vor Jahren das Finanzsystem an die Wand gefahren haben, jetzt wieder ihre Millionensaläre kassieren und in Davos ihr Safeguarding Our Planet in die Welt posaunen. Unsere Welt sichern, lautete ihre Devise. - Und mit unsere meinen sie die ihre. - Die freie Marktwirtschaft wurde zu frei. Agrarkonzerne zerstören die Binnenmärkte in Afrika und das Milchpulver der EU lässt den kolumbianischen Bergbauern verzweifeln.

Und die Erde hustet.

Die hohe Politik macht Politik für Bürger der sozialen Schichten oben und ist selten Partner der Mitte. Diese hüllt sich in die gelben Westen, wählt Populisten, glaubt an Putin oder verherrlicht vermeintliche oder echte Despoten, um denen da oben zu zeigen: Hallo, die Mitte will auch leben. Oder sie sehnt sich nach Verschwörungen. Und zweifelt an der Demokratie. So wird Stress verdinglicht zur Beruhigung und Egozentriker in der Form von Führern verdichten den schwelenden Frust nicht nur den der Mitte. Bis zur nächsten Katastrophe.

Ich danke von Herzen, auch wenn man darüber lächeln mag, für die Übermittlung dieses Manifests durch Journal 21. Wäre die politische Wachheit für die reale Bedrohung Europas aus dem Innern unter uns verbreitet, würde jede Zeitung, jedes Medium diesen Text prominent veröffentlichen. Statt dessen schauen und hören wir weg, wenn Europa lächerlich gemacht, verharmlost, diffamiert, kaputt geredet (in Talk-shows zB.) oder geschrieben wird und mit dem bürokratischen Brüssel identifiziert wird, das als Allzweckwaffe gebraucht, als billiges Alibi vorgehalten wird. Aber die Rechten und Rechtsextremen mobilisieren und rüsten auf. Dabei ist der Brexit schon lange zum Warnsymbol geworden, wie ein Volk in die Irre und in einen Krisenabgrund verführt werden kann - von einem UNgeist getrieben, der sich in verführerischen Kostümen zu verkleiden weiss und dessen Schalmeien soviele Menschen statt zu verstören zu betören vermag. Es braucht eine breiten geistigen Widerstand, wenn unsere Demokratie nicht zur Waffe der Selbstzerstörung werden soll. Wir täuschen uns, wenn wir Europa an unserm Streit um das Rahmenabkommen "aufhängen" in dem Gefühl, uns geht es gut; zu fürchten haben wir nichts!
A. Imhasly

Oui, il faut écouter ces intellectuels. Insbesondere für uns Schweizer, eingebettet in einem transnationalen kulurellen alemannischen Raum (Baden-Württemberg, Alsace, Vorarlberg) für die Deutschschweizer, in einem binationalen Raum (Jura, Savoie und entlang der Rhone) für die Romands, in einer binationalen Raum (Lombardei) für die Tessiner. Denken wir an Denis de Rougemont et son Europe des régions. Denken wir an die Fondation Jean Monnet auf dem Campus der Uni Lausanne wo die Archiven dieses Vorgründers von Europa liegen und wo die Ideen von Europa weiter entwickelt werden. Wir sind in der Mitte Europa!

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