„Erfolgreiche“ Abschüsse

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„Erfolgreiche“ Abschüsse

Von Armin Wertz, 24.09.2014

Dem amerikanischen Antidrogenkampf in Mittelamerika fallen zu viele Unbeteiligte zum Opfer.

Hasked Brooks Wood war 14 Jahre alt und ein guter Schüler. Zusammen mit seiner Mutter Clara packte er ihre Siebensachen und brachte sie auf ein kleines Flussboot, das ihn und seine Mutter nach Ahuas bringen sollte, ein entlegener Ort im Sumpfgebiet der honduranischen Karibikküste. Die letzten Jahre hatten sie in La Ceiba verbracht, und nun wollten die beiden Misquuito-Indianer zurück in ihre Heimat.  Doch als sich das Boot dem Anlegesteg von Ahuas näherte, tauchten plötzlich vier Helikopter auf, die das Boot unter Beschuss nahmen. Hasked fiel tödlich getroffen vor den Augen seiner Mutter. Der Angriff kostete drei weitere Menschenleben: eine alleinstehende Mutter, die schwanger war, eine Mutter von sechs Kindern sowie ein 21-Jähriger, der Frau und ein Kind hinterließ.  Wenige Stunden später gab die honduranische Polizei den „erfolgreichen“ Abschluss einer Operation gegen den Drogenhandel  bekannt, vier Drogenhändler seien getötet worden.

Doch schon bald sickerten Details über die Vorgänge bei Ahuas an die Öffentlichkeit. Schnell wurde klar, dass das Boot und seine Insassen keine Verbindung zum Drogenhandel hatten, dass die DEA-Agenten nicht nur beratend tätig gewesen waren, sondern eine zentrale Rolle in der Operation gespielt hatten, und dass die einheimische Polizei und die DEA-Agenten die Angehörigen der Toten und Verwundeten daran gehindert hatten, erste Hilfe zu leisten.  Das Diario Tiempo in Tegucigalpa machte auf mit der Schlagzeile: „Los Muertos de la Misquitia no fuerón Narcos“.  Der Bürgermeister von Ahuas verlangte eine Untersuchung, und in Brus Laguna, ein paar Kilometer flussabwärts, veröffentlichte eine Gruppe von Stammesältesten eine Erklärung, in der sie die USA einer Invasion ihres Landes und des „Abschlachtens unschuldiger Menschen“ bezichtigten und den Abzug sowohl der amerikanischen als auch der honduranischen Sicherheitskräfte von ihrem Land forderten.

Lügen und Verschleierung

Eine Woche nach dem Zwischenfall räumte die honduranische Polizei Fehler ein, die Schüsse seien in der allgemeinen Konfusion gefallen. Die Sicherheitsbeamten hätten normales Haushaltsgut für Drogen gehalten. Die US-Botschaft  hingegen behauptete weiterhin, das Boot habe das Feuer eröffnet – wenngleich keine Waffen an Bord gefunden wurden, dafür 19 Einschusslöcher. Operationen der Foreign-deployed Advisory Support Teams (FAST) der DEA unterstehen dem State Department, auch wenn Einheiten der Armee beteiligt sind. Somit stand der Botschafter an oberster Stelle in der Befehlskette in Honduras.) Die US-Presse übernahm diese Version gerne und berichtete zunächst von einer „Schießerei“ oder einem „Feuergefecht“.

Die DEA belog den Kongress, verweigerte ihren Agenten in Honduras die Genehmigung, vor einem Untersuchungsausschuss in Tegucigalpa auszusagen, oder eine ballistische Untersuchung der Waffen der FAST-Truppe vorzunehmen. Sie weigert sich bis heute, dem honduranischen Staatsanwalt ein Video zu übergeben, das von einem der Helikopter aufgenommen wurde. Auch Anfragen aus dem Kongress blieben weitgehend unbeantwortet. Beunruhigt über die Vorgänge im Sumpfgelände der Misquitia schickten 58 Kongressabgeordnete einen Brief an Außenministerin Hillary Clinton und den Justizminister, in dem sie eine Untersuchung forderten.

„Leider ging keine der Antworten, die wir von der DEA erhielten, auf unsere Fragen ein, sie ließen  auch keine Anzeichen dafür erkennen, dass Maßnahmen ergriffen würden, um derartige Unfälle in Zukunft zu vermeiden“, bedauerte der demokratische Angeordnete Hank Johnson aus Georgia Mitte des Jahres – zwei Jahre nach dem Vorfall – in einem Schreiben, das der arabische Sender Al Jazeera veröffentlichte. Dieser Mangel an Kooperation auch mit den honduranischen Behörden „erhärtet nur den Verdacht, dass die DEA für die Toten verantwortlich ist… Die verwundeten Opfer des Zwischenfalls und die Angehörigen der Verstorbenen – einschließlich neun verwaiste Kinder – haben bisher weder von der honduranischen noch von der amerikanischen Regierung eine Entschädigung erhalten, von Gerechtigkeit ganz zu schweigen.“

Krieg im Hinterhof

25 Jahre nach den Kriegen der USA gegen Aufstandsbewegungen in Guatemala, El Salvador und Nicaragua führt Washington wieder einen blutigen Krieg in Mittelamerika, diesmal nicht gegen linke Guerilleros sondern gegen den Drogenhandel. Und wieder leidet die unbeteiligte Bevölkerung am meisten unter der Militarisierung des amerikanischen Hinterhofs. Guatemala, El Salvador und Honduras seien heute vermutlich die gefährlichsten Länder der Welt, begründete US-Luftwaffengeneral Douglas Fraser vom U.S. Southern Command (Southcom) auf einer Pentagon-Konferenz das Vorgehen. In jedem der drei Länder kämen auf 100 000 Einwohner mehr Opfer krimineller Gewalt als in Irak oder sogar Mexiko. Zu viele dieser Opfer scheinen auf das Konto der honduranischen wie amerikanischen Sicherheitskräfte zu gehen.

Im Kampf gegen transnationale kriminelle Organisationen arbeitet Southcom eng mit Northcom zusammen und baut Mittelamerika zu einer Festung mit zahlreichen neuen Stützpunkten aus: So entstand bei Caratasca an der honduranischen, von den Misquitos bewohnten Atlantikküste eine

„forward operating location“, auf der Karibikinsel Guanaja ein amerikanisches Anti-Drogen-Terrorismus-Operationszentrum mit Kasernen, in Soto Cano, rund 75 Kilometer nördlich der Hauptstadt Tegicigalpa, ein Operationszentrum für US-Special Forces.  Ähnliche Einrichtungen wurden auch in Guatemala, in El Salvador, Panama und in der Karibik errichtet.

In „Operation Anvil“ (Amboss) des US-State Departments sollten amerikanische und kolumbianische Radar-Aufklärung die Agenten der Drug Enforcement Agency (DEA) und der honduranischen Polizei führen. DEA und Polizei benutzen Hubschrauber des State Departments, die von guatemaltekischen Piloten geflogen werden. „Es war die multinationalste Polizei-Operation, die wir jemals durchgeführt haben“, prahlte William R. Brownfield, stellvertretender US-Außenminister, zuständig für  Angelegenheiten des internationalen Drogenhandels. Der Einfachheit halber wurden gleich ganze Dörfer der an der Karibikküste und auf den Inseln und Atollen des mittelamerikanischen Korallenriffs lebenden Garifuna (Nachkommen entlaufener Sklaven, die sich mit den einheimischen Indianern mischten) pauschal als „Narco-Gemeinschaften“ verfolgt und ihre Einbäume und Fischereiausrüstungen konfisziert. Plötzlich verschwanden Garifuna-Fischer, ohne dass jemals ein Leichnam gefunden wurde.

Unbehagen auf dem Capitol Hill

Die eindeutigen Verletzungen internationalen Rechts und vorgeschriebener Vorgehensweise, die zahlreichen Menschenrechtsverstöße und Korruption der honduranischen Sicherheitskräfte sowie die Operationen der US-Streitkräfte, der CIA und der Agenten der US Drug Enforcement Administration, lösten inzwischen in Washington erhebliches Unbehagen aus. „Unsere Operationen in Honduras werden immer von honduranischen Sicherheitskräften angeführt, wir spielen nur eine unterstützende und beratende Rolle“, behauptete eine DEA-Sprecherin. Inzwischen

geben Angehörige der Operation Anvil zu, dass dem nicht immer so ist. Honduranische Polizisten erzählten US-Beamten, die den Vorfall in Ahuas untersuchen, dass sie ihre Befehle von der DEA bekämen. Amerikanische Beamte wiederum erklärten, die FAST-Soldaten, die in Afghanistan erprobte Taktiken anwenden, trauten den Führungsqualitäten ihrer honduranischen Partner nicht. Der so häufig als Modell der internationalen Zusammenarbeit gerühmte Anti-Drogenkrieg wurde zur Fallstudie für das Scheitern einer Politik, in der ein kriminelles Problem mit den Methoden und Taktiken der Kriegführung bekämpft wird.

Es hat sich nichts geändert. Es war mitten in der Nacht, eine Maschine der honduranischen Luftwaffe verfolgte ein kleines Flugzeug, das in nur wenigen Hundert Metern Höhe über der Karibik nördlichen Kurs flog. Der Pilot feuerte Warnschüsse, das verdächtige Flugzeug ging noch tiefer. „Also schoss der Pilot die Maschine ab“, erklärte Honduras‘ Außenminister später lapidar. Vier Tage später meldete ein US-Überwachungsflugzeug eine weitere Maschine, die in einer kleinen Stadt an der venezolanischen Küste gestartet war. Auch dieses Flugzeug wurde über dem Wasser abgeschossen. Sowohl die honduranischen als auch die amerikanischen Behörden gaben zu, nicht zu wissen, ob sich an Bord Drogen oder unschuldige Passagiere befunden hatten. Die beiden Flugzeuge wurden nie gefunden.

Überall in den sumpfigen, unzugänglichen Gebieten entlang der karibischen Küsten sind kleine, einmotorige Flugzeuge bei lokalen Luftlinien, im Kurierdienst oder bei Missionaren und Priestern im Einsatz.

 

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Schießwütige Cowboys auf der Mission "Weltverbesserung". Im Westen also immer noch nichts neues.

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