Endzeit in Dubai?

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Endzeit in Dubai?

Von Daniel Woker, 09.11.2018

Dubai ist das bekannteste der sieben kleinen Fürstentümer, die gemeinsam die Vereinigten Arabischen Emirate (UAE) bilden. Allerdings liegt im Nachbaremirat Abu Dhabi das Öl - und damit auch der entscheidende Machtfaktor in Dubai.

Das ressourcenarme Dubai musste sich seit Beginn vor rund 30 Jahren darauf konzentrieren mit Geld, nicht Öl, Geld zu verdienen. Was der sprichwörtlich gewordenen Handels- und Tourismusstadt auch gelang. Die Zukunft sieht für Dubai allerdings düster aus, nachdem Abu Dhabi die UAE auf strikte saudi-arabische und sunnitische Linie gebracht hat, damit gegen die Cousins in Katar und vor allem gegen den schiitischen Iran.

Symbolischer Unfall

Anlässlich einer kürzlichen Rückkehr an den Golf, wo ich über die Jahrtausendwende vier Jahre lang als Diplomat tätig war, illustriert das ein Zwischenfall bei der Ankunft in Dubai. Rechts neben dem Taxi, das uns über die Stadtautobahnen vom Flugplatz ins Hotel bringt, prescht ein anderes Taxi im Höchsttempo vorbei, will in unsere Fahrspur einbiegen, welche aber bereits von einem anderen Wagen blockiert wird. Mit noch erhöhtem Tempo wechselt der Rennfahrer brüsk die Richtung, verliert die Kontrolle, sein Fahrzeug schaukelt, überrollt dann und kracht auf dem Dach schlitternd in einen Betonpfeiler. Solide angegurtet haben wir in den Rücksitzen unseres Taxis den gesamten Unfall live mit- und überlebt – mit nur leicht zitternden Knien beim Aussteigen.

Der Unfall erscheint symbolisch für den immer verzweifelter werdenden Kampf aller „Gäste“ in Dubai, einen letzten Zipfel des vom Ölgeld vergoldeten Vlieses zu erhaschen. Diese Gäste machen mehr als 90 Prozent aller Einwohner aus. Die Staatsbürgerschaft ist Kindern von Emerati vorbehalten. Einbürgerungen auch langjähriger Einwohner sind praktisch ausgeschlossen.

Laut unserem Taxifahrer, Gastarbeiter vom indischen Subkontinent und seit 25 Jahren hier lebend, wird es seinem rennfahrenden Kollegen nach diesem offensichtlich selbstverschuldeten Unfall schlecht ergehen. Hohe Busse, Gefängnis und dann sofortiger Landesverweis, falls er überhaupt überlebt. In den autoritären Staaten am Golf wird es sehr rasch sehr ungemütlich, wenn ein Ausländer auf die falsche Seite der drakonischen Gesetze – betreffend Alkohol, Kleidung, Zahlungsverhalten oder eben Verkehr – gerät.

Glitzernde Konsumwelt, wenig Kunden

Dies gilt auch für das oberflächlich so kosmopolitisch scheinende Dubai. Jedenfalls seit der „Grossen Dubai-Krise“ im Jahre 2009, als „Dubai Inc.“ beim Platzen der Immobilienblase Staatsbankrott drohte. Ohne Bürgschaft der steinreichen Al Nayan-Prinzenfamilie von Abu Dhabi wäre Dubai eine Geisterstadt geworden. Dank der nachbarlichen Hilfe, allerdings verknüpft mit bedingungsloser Gefolgschaft der Al-Makthoum Familie in Dubai gegenüber den viel konservativeren Al-Nayans, ging der „Building boom“ Dubais weiter. 

Der Höhepunkt wurde mit dem Bau des „Burj Khalifa“ erreicht, dem mit 828 Meter höchsten Gebäude der Welt. Dieses steht an den Gestaden eines grossen künstlichen Sees, welcher den Mittelpunkt der „Dubai Mall“ bildet. Auch dieses eines der grössten Einkaufszentren der Welt.

Alles, was Rang und Marke hat, ist hier vertreten. Von A für Australien mit einer „Billabong Boutique“ bis Z für Zürich mit einem „Lindt Chocolates and Café“. Nicht weit übrigens vom Geschäft der helvetischen Konkurrenz Läderach. Nur eines fehlt: die Kunden.  Passanten hat es wohl, aber sie konsumieren offensichtlich wenig. Fähnchenschwingende Tourguides lotsen ihre chinesischen Schäflein vorbei an allen Luxusboutiquen zur Aufzugsbatterie des Burj Khalifa. Familienclans, offensichtlich aus den Herkunftsländern der erwähnten Gastarbeiter, machen es sich auf der Seemauer gemütlich, um das gratis dargebotene Springbrunnenfestival bei Sonnenuntergang zu bestaunen. Expats aus westlichen Ländern, dieser Tage ohne die generösen „Expat Packages“ vergangener Zeiten, gönnen sich einen Hamburger im MacDo, allenfalls eine sündteure Flasche chilenischen Rotweins zum arabischen Shawarma-Imbiss im „Strassencafe“ neben dem „Indoor Waterfall“.

Emirati in ihrer traditionellen weissen Tracht (Männer) und im weiten schwarzen Umhang (Frauen) sind nur sehr vereinzelt zu sehen. Die meisten von ihnen ziehen es wohl vor, anlässlich der Besuche bei ihrem Privatbanquier in London, Miami oder Genf dort sichtbar zu konsumieren.

Leere Wohn- und Büro-Türme

Nach den Springbrunnen beginnt der Lichtzirkus auch am 160 Stockwerke hohen Burj. Eindrücklich, aber nach Erlöschen der hunderte von Metern hohen Neonwände bleibt der Turm praktisch dunkel. Statistiken sind nicht erhältlich, ein lokaler Experte versichert glaubwürdig, dass die meisten der unzähligen neuen Wohn- und Bürotürme leer stünden. 

Die Preise sind heute sogar für Spekulanten zu hoch, geschweige denn für asiatischen Mittelstand, der sich traditionell eine kleine ausländische Fluchtburg kauft, falls daheim alles entgleist. Zudem kommt die geopolitische Unsicherheit, welche Investoren abschreckt.

Geopolitische Unsicherheit

Dubai liegt am untersten Ende des Golfs, getrennt vom Iran nur durch die enge, leicht zu blockierende „Strasse von Hormuz“, dem Tor zwischen Golf und indischem Ozean. Sollte sich der Konflikt zwischen Sunni und Schia, zwischen Saudi und Iran verschärfen, befindet sich Dubai an vorderster Front. Gleiches gilt für eine Eskalation im Bruderzwist zwischen Katar einerseits und den vereinten Saudis und Emirati andererseits, welche den seit Jahrzehnten von den Al Thani in Katar finanzierten „politischen Islam“ verabscheuen. Konflikte, Boykotte, strengere Kontrollen des Güter- und Personenflusses an dieser strategischen Drehscheibe sind Gift für Dubai und seine Wirtschaftspolitik des „Laisser-faire“.

Dubai wird zur Fata Morgana, welche an der Oberfläche unverändert leichten Reichtum vorspiegelt, dem heute aber die Glücksritter im Taxi – oder auch im Geschäftsanzug – vergebens nachjagen.

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