Empathie, Fantasie, Solidarität

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Empathie, Fantasie, Solidarität

Von Michael Lang, 01.03.2018

Der Schweizer Filmautor Luc Schaedler erzählt in „A Long Way Home“ von Künstlern und ihrem Kampf für Freiheit in der Volksrepublik China.

Sie sind von Zivilcourage beseelte Künstler, die sich mittels unterschiedlicher Ausdrucksformen gegen das Diktat der kommunistischen Partei in der Volksrepublik China stemmen: Die Gao-Brüder verarbeiten als bildende Künstler dabei auch ihr politisch bedingtes Familientrauma, die Choreografin Wen Hui schöpft Widerstandsenergie aus ihrer einstigen jugendlich-schwärmerischen Heldenverehrung, der Animationsfilmer Pi San verdichtet in einer rotzfrechen Comicfigur seine Gesellschaftskritik. Und der Schriftsteller Ye Fu erinnert sich an die Wurzeln der poetischen Wahrnehmung, die sein Leben bereichert.

Der 1963 in Zürich geborene Luc Schaedler gibt diesen Zeitgenossen in seinem Film „A Long Way Home“ eine zusätzliche Stimme. Seit 1989, dem Jahr der Niederschlagung der Bürgerrechtsbewegung in der Volksrepublik China, ist der filmende Anthropologe oft im Reich der Mitte unterwegs. Zuletzt war von ihm „Watermarks“ (2013) zu sehen, in dem er unter anderem die Wandlung der chinesischen Gesellschaft vom Ländlichen ins Urbane und die Stellung der Frau thematisiert.

Ein China-Kenner hinter der Kamera

Luc Schaedler weiss, wie man Menschen vor der Kamera zum Reden und das Publikum zum Mitdenken bringt. In „A Long Way Home“ wird das erneut klar, wenn seine Protagonisten von privater, intellektueller und politischer Befindlichkeit in ihrer Heimat erzählen. Alle gehören sie der Generation an, die noch Erinnerungen an die Wirren der fatalen Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 haben und in der brutal abgewürgten Demokratiebewegung im China von 1989 sozialisiert worden sind.

„A Long Way Home“ beginnt mit den Künstlern Gao Zhen (*1956) und Qiang (*1962), die Schaedler ins Atelier und zu Performances begleitet. Die Brüder berichten – illustriert mit Archivmaterial und Momentaufnahmen – von ihren aufsehenerregenden Kunstaktionen, die oft Bezüge zu ihrer tragischen Familiengeschichte aufweisen. Dass die Gebrüder Gao auch auf aktuelle Ereignisse reagieren, verdeutlicht Schaedlers Verweis auf ihre Aktion nach der verheerenden Explosionskatastrophe von 2015 in einem Chemikalienlager in der Millionenstadt Tianjin, die das chinesische Regime verzweifelt (und vergeblich) vertuschen wollte. „In China“, sagt Zhen, „wird bei solchen Ereignissen immer ein politischer Hintergrund vermutet. Und die Kommunistische Partei will, dass man solche Geschehnisse vergisst. Aber sie dürfen nicht vergessen werden. Und als Künstler muss man eine politische Haltung einnehmen.“

Gao Zheng, Bildender Künstler
Gao Zheng, Bildender Künstler

Die Gao-Brüder sind international sehr bekannt und ihr Wirken zieht sich durch den ganzen Film „A Long Way Home“. Man erfährt vom mysteriösen Verschwinden und Ableben des Vaters in den Wirren der Kulturrevolution ebenso wie von ihrer Sensibilisierung für und ihrem Furor gegen übergriffige Staatswillkür, welcher sie beherzt ihre provokante Kunst entgegensetzen.

Mit dem Körper denken                  

Introvertierter, aber nicht weniger eindrücklich tut das auch die Tänzerin und Choreografin Wen Hui. Als Kind war sie von den pompösen Aufmärschen begeistert, mit denen der Vorsitzende der kommunistischen Partei, Mao Zedong (1893–1976), gefeiert wurde. Als junge Frau trat sie in „Modellopern“ und pathetischen Propagandafilmen auf. Luc Schaedler zeigt, wie diese couragierte Frau von naiver Schwärmerei ausgehend im reiferen Alter eine faszinierende Form des tänzerischen Protestes entwickelt hat. Wen Hui: „Ich denke durch meinen Körper. In ihm sind persönliche Dinge gespeichert, aber auch das Erbgut anderer Generationen. Das will ich sichtbar machen.“

Wen Hui, Choreografin
Wen Hui, Choreografin

Luc Schaedler spielt seine profunden, langjährigen China-Erfahrungen nicht selbstgefällig aus, tritt nie als Überexperte auf, der eine vorgefasste ideologische These zementiert. Er ist der sensible Fährtenleser, der das Publikum an seine Themen so heranführt, dass auch für den rudimentären Kenner (der Schreibende gehört dazu) die Verhältnisse in der kulturell, gesellschaftlich wie politisch komplexen Volksrepublik China schärfere Konturen erhalten.

Pi San, Animationsfilmer
Pi San, Animationsfilmer

Wie alle Künstler, die Luc Schaedler begleitet, exponiert sich auch Pi San extrem. Als Animationsfilmer hat er eine Figur kreiert, die im Internet Millionen von Fans gefunden hat: Kuang Kuang ist so etwas wie sein Alter Ego. Die Figur sieht aus wie eine Sprechblase, leidet an chronischem Nasenbluten und tappt dauernd in irgendwelche Fettnäpfchen. Wie in einem der im Film eingespielten Clips (er gehört zu den harmloseren), wo eine Lehrerin einen Furz fahren lässt. Als einziger traut sich Kuang Kuang laut aufzulachen und wird – bei Pi San ist das der Running-Gag – sofort kujoniert. Derbe Scherze wie dieser stossen den Zensurbeamten im Kulturministerium zünftig auf. Ein Beleg dafür, dass Pi Sans codierte Seitenhiebe gegen das Regime ernst genommen werden.

Ein Polizist wird Poet

Der Schriftsteller, Blogger und TV-Autor Ye Fu (*1962, Ye Fu ist ein Künstlername und bedeutet „wilder Kerl“) wiederum war selber im Staatsdienst tätig – obwohl er als Kind miterleben musste, wie sein Vater öffentlich gedemütigt wurde. 1989 wurde er als Polizist in der Inselprovinz Hainan eingesetzt, um Demonstranten zu überwachen. Doch die Kunde vom Massaker auf dem Pekinger Tian’anmen-Platz führte bei Ye Fu zum radikalen Gesinnungswandel. Er publizierte einen Protestbrief und quittierte den Dienst. Ein Affront, der ihm eine sechsjährige Gefängnisstrafe einbrachte; in dieser Zeit verstarb der Vater, die Mutter beging nach seiner Haftentlassung Suizid.

Ye Fu, Schriftsteller
Ye Fu, Schriftsteller

Ye Fu hält seine bewegten Lebenserfahrungen in Essays fest und reflektiert über einige davon in Schaedlers Film. Hass, sagt er beispielsweise, sei das Hauptelement seiner Erziehung gewesen und die innige Beziehung zu einer Grossmutter das heilende Element. Weil sie Gedichte so zu rezitieren wusste, wie es im alten China Usus war. Und ihn, den Enkel, lehrte, dass Poesie schön, gütig und gegen das Dunkle gewandt sein sollte.

„A Long Way Home“ dauert nur rund 70 Minuten, doch was Luc Schaedler in dieser Zeit vermittelt, ist beeindruckend. Da hat einer genau hingeschaut und ausgewählt. Mit Grund: Alle befragten Persönlichkeiten sind als Kulturschaffende offensichtlich im Umgang mit den Medien versiert, hätten aber vor der Kamera dennoch einiges zu verlieren gehabt. Gut also, dass sie in Luc Schaedler einen aufmerksamen, hellhörigen Fürsprecher gefunden haben, dem sie bis in die Postproduktion hinein vertrauen konnten.

Demut und Gelassenheit

„A Long Way Home“ endet hoch emotional mit einer Episode über die Suche nach den Hintergründen der Ermordung des Vaters der Gao-Brüder, die in einer Versöhnungsgeste der geliebten Mutter gipfelt. Diese Szene bündelt das, was Schaedlers Film im Innersten zusammenhält: die hoffnungsvolle Sehnsucht nach einer modernen Gesellschaft, fern von Parteidogmatismus und tumber Willkür. Was die Kunst, die Kultur, der Film dazu beisteuern kann, zeigt Luc Schaedler im Sinne der Choreographin Fen Wui: „Ich möchte eine Brücke sein, weil die jungen Leute nichts über unsere Geschichte wissen. Ich sehe mich als Vermittlerin, ich fühle mich verantwortlich dafür, zurückzublicken.“

„A Long Way Home“ ist ein universell verständliches Plädoyer voller Demut und Gelassenheit, das der Tristesse der Vergangenheit und der Kopflosigkeit der Gegenwart mit Empathie, Fantasie, Solidarität entgegentritt. In China und überall.

Ab dem 1. März in den Deutschschweizer Kinos

Hier geht's zum Filmtrailer.

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