Elektrosound und Sprachmusik

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Elektrosound und Sprachmusik

Von Annette Freitag, 21.08.2019

Fünfzig Musiker auf der Bühne, alle mit iPhone oder Laptop, zwischen ihnen ein verschlungener Kabelhaufen. Ihre Instrumente haben sie aber auch noch.

Thomas Kessler hat für eben dieses Setting ein Stück komponiert. «Utopia III» heisst es. Darunter steht: für grosses Orchester (in fünf Gruppen) und multiple Live-Elektronik. Jeder Musiker soll die elektronische Modulation seines Spiels selber live steuern. Mit dieser spannenden Anordnung arbeitet Thomas Kessler als «composer in residence» am Lucerne Festival.

Der Weg zu Kesslers Haus in Basel führt bergauf. «Im rosa-weiss-gestreiften Haus wohne ich», erklärt er noch. Und richtig romantisch ist es dort: ein verwunschener Garten, eine Katze schaut mich interessiert an, ein helles Musikzimmer mit Elektronik, aber auch mit einem schönen grossen Flügel. Wir sitzen zunächst nebenan in der Küche. Thomas Kessler bedient die Kaffeemaschine, holt Tassen hervor. «Mit Goldrand oder ohne?» fragt er. Natürlich mit. Wenn schon, denn schon.

Elektrosound ist in den Ohren angekommen

Was sollen die Leute sich denn unter elektronischer Musik vorstellen, frage ich. «Wenn es junge Leute sind, wissen sie es sehr genau», sagt Kessler. Also das, was Dieter Meier und Boris Blank machen? Und was man in den Discos hört? Also Techno? 

Thomas Kessler, Composer in Residence dank elekronischer Klänge. Foto © Lucerne Festival
Thomas Kessler, Composer in Residence dank elekronischer Klänge. Foto © Lucerne Festival

Thomas Kessler lacht. «Ja, aber das ist nicht erst heute ein Missverständnis.» Denn seine Musik klingt natürlich anders. «Viel grösser war das Missverständnis aber vor vierzig oder fünfzig Jahren, als ich in Berlin meinen ersten Synthesizer hatte. Da haben meine lieben Kollegen gesagt, das ist ja phantastisch, diese Klänge, die du da machst. Aber ein grosses Publikum wirst du damit nie erreichen. 

Das Gegenteil ist der Fall: Diese Klänge haben die Ohren erreicht. Es war ein Missverständnis von der elitären Seite her. Wenn man es schafft, mit elektronischer Musik 2000 Leute in einer Halle zum Tanzen zu bringen, dann geht das tief ins Zwerchfell. Bei meiner Musik ist das ganz anders. Das läuft über den Intellekt. Der elektronische Klang wird analysiert und in den Konzert-Einführungen erklärt. Aber ich finde es wunderbar, dass es beide Extreme gibt!» 

Kessler, inzwischen über 80 Jahre alt, strahlt. «Als ich in den Sechzigerjahren in Berlin studierte, habe ich unter anderem auch Luigi Nono kennengelernt. Seine grossartige Musik ist hochelitär – obwohl er meinte, fürs Volk geschrieben zu haben. Gleichzeitig habe ich Jimmy Hendrix im Konzert erlebt und Pink Floyd. Das war für mich kein Widerspruch. Aber in der Kulturvermittlung ist es natürlich grundverschieden. Obwohl beide Bereiche politisch intendierte Musik sind. Bei Nono sowieso und auch die Popmusik spiegelte die damalige Aufbruchstimmung.»

Elektro in Dur und Moll

Heute würden aber die verschiedenen Strömungen der elektronischen Musik langsam zusammenfliessen, so Kessler. Die junge Generation kenne die Unterschiede nicht mehr so. «Aber die billige, seichte elektronische Unterhaltungsmusik, die ich überhaupt nicht mag, können auch die Jungen nicht ausstehen. Da finden wir uns wieder zusammen.» 

Kann das auch daran liegen, dass zeitgenössische Musik dank der elektronischen Einflüsse nicht mehr ganz so sperrig ist wie vor einigen Jahren? «Das glaube ich nicht,» wehrt Kessler ab. «Es sind wieder junge Komponisten aufgetaucht, die tonal komponieren. Also: Man durfte inzwischen wieder Oktaven komponieren, die Pierre Boulez eigentlich verboten hatte, man durfte sogar Dreiklänge in Dur und Moll komponieren. Und das hat nichts mit Elektronik zu tun. Im Gegenteil. Ich glaube, es ist einfach eine Reaktion. Ein gutes Beispiel sind die amerikanischen Komponisten, wie etwa Steve Reich.»

Wie ist denn Thomas Kessler selbst zur elektronischen Musik gekommen? «Da habe ich gerade in den letzten Tagen darüber nachgedacht», sagt er lächelnd. «Es ist Zufall, dass ich in dem und dem Jahr geboren wurde, es ist Zufall, dass ich nach Berlin kam und 15 Jahre dort blieb, und es ist Zufall, dass ich es mir damals gerade leisten konnte, nach London zu reisen, um einen Synthesizer zu kaufen. Ich gehöre ja nicht mehr zur Generation von Stockhausen, die ihre Werke nur in einem grossen Radiostudio produzieren konnte. Alles Zufälle, aber ich war interessiert und es hat sich im richtigen Moment ergeben. Ich habe natürlich immer auch instrumental komponiert. Auch heute noch. Und die Stücke, die ich instrumental gemacht habe, werden öfter gespielt als die elektronischen, weil es einfacher ist.»

Die Einladung als Composer in Residence habe er deshalb bekommen, weil die jungen Nachwuchsmusiker in der von Wolfgang Rihm geleiteten Lucerne Festival Academy nicht nur auf Klassik getrimmt werden, sondern auch lernen sollen, auf einem iPad zu spielen. «Das ist halt heute so», kommentiert Kessler. «Das Schönste für mich ist, dass diese grossartigen, hochbegabten, musikalischen jungen Leute sich heute auch mit neuesten Musikentwicklungen befassen.» 

Von der Inspiration zur Komposition

Und wie komponiert er seine Werke? Fliegt die Inspiration wie eine gute Fee einfach mal vorbei? «Auf keinen Fall», wehrt Kessler ab. «Ich wandere auch nicht durch Wald und Wiese, bis mir etwas einfällt. Mir kommen die Ideen schnell. Auch in einem Konzert, selbst bei Beethoven, habe ich Ideen gefunden für Delays, also bestimmte Soundeffekte, für Verschiebungen von Instrumenten, oder ich höre bei anderen zeitgenössischen Komponisten etwas und denke: ach, das kann ich doch besser – und probiere es aus. Ich lasse mich aber auch inspirieren von Jazz, Pop oder Volksmusik. Im Kopf gibt es Assoziationen, da laufen Verbindungen ab, die Erinnerungen und Faszinationen wachrufen, die ein Wohlbefinden auslösen, und man sagt: ah, das ist die Idee! Ich kann nicht passiv hören, das ist wahr. Es löst immer etwas aus. Manchmal auch – gezähmte – Wutanfälle, wenn ich in einem Einkaufszentrum mit Musik angedudelt werde.» Letzteres sagt er mit einem Lachen, meint es aber durchaus ernst.

Aus so einer Mixtur ist auch «Utopia» entstanden. In Luzern ist es bereits «Utopia III». Die erste Utopia liegt etwa zehn Jahre zurück. Damals wurde sie für das Kunstfest Weimar entwickelt. Es war eine Mischform aus herkömmlichen und elektronischen Instrumenten. Nike Wagner, eine Urenkelin des Komponisten Richard Wagner, leitete das Fest, Heinz Holliger dirigierte die Uraufführung. Ort des Geschehens war eine Viehauktionshalle. «70 Musiker mit 70 iPads waren auf der Bühne vorgesehen. Dafür hätte ich 70 Steckdosen im Saal gebraucht. Wenn man sich das vorstellt, scheint es unmöglich. Aber Nike Wagner wollte das unbedingt. Sie hat beinahe das ganze Festival damit ruiniert. Aber wir haben es geschafft!» Nicht nur das: Die NZZ bezeichnete die Produktion anschliessend als «grandiose Uraufführung». «Utopia II» war eine klangliche und kompositorische Weiterentwicklung, ebenso jetzt «Utopia III», wobei die drei Stücke ganz unterschiedlich sind.

Spoken Word, Rap und Hip Hop

Am Flügel in seinem Musikzimmer zeigt Thomas Kessler, wie er die Klänge auf die verschiedenen iPads verteilt. Im Konzert ist es dann Sache der Musiker, die Töne elektronisch, statt auf einem Instrument zum Klingen zu bringen. In Luzern werden es jetzt rund 50 Musiker sein, also etwas redimensioniert gegenüber der ersten Version.

Das klingt alles ziemlich abenteuerlich und ist es wohl auch. Vielleicht aber auch nur, weil es noch ungewohnt ist.

Gegensätzlich und voller Harmonie: Thomas Kessler und der US-Poet Saul Williams. Foto © Werner Schnetz/Lucerne Festival
Gegensätzlich und voller Harmonie: Thomas Kessler und der US-Poet Saul Williams. Foto © Werner Schnetz/Lucerne Festival

Ungewohnt ist sicher auch Kesslers Zusammenarbeit mit dem US-Poeten Saul Williams, einem der Gründerväter der Spoken-Word-Bewegung, und seine Begegnung mit Rap und Hip Hop. Vor rund zwanzig Jahren hat Kessler Gedichte von Williams vertont und sich dabei am schnellen Sprechtempo Williams orientiert. 

Thomas Kesslers Werke sind an verschiedenen Abenden während des Lucerne Festivals zu hören. Neue Klänge, ungewohnte Klänge. Klänge unserer Zeit.

Und Thomas Kessler komponiert weiter. «Ich habe mir schon gesagt, jetzt komponiere ich mal ein Stück, das in der Schublade bleibt», sagt er etwas verschmitzt. «So etwas haben viele berühmte Komponisten, und ich will ja auch berühmt sein, also muss ich noch etwas für die Schublade komponieren, das dann erst die Nachwelt entdeckt!» Er lacht herzlich.

Werke von Thomas Kessler am Lucerne Festival:

23. August, 18.20 Uhr «Sprachmusik», KKL
24. August, 15 Uhr «Modern 1», Lukaskirche
24. August, 21 Uhr «Utopia III», KKL
31. August, 11 Uhr, «Modern 3», Lukaskirche
7. September, 16 Uhr «Modern 4», Südpol
11. September, 18.20 «Porträt Thomas Kessler», KKL

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