„Eingebetteter Journalismus“

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„Eingebetteter Journalismus“

Von Roman Berger, 31.07.2017

Der „embedded journalism“ hat die Glaubwürdigkeit des Journalismus nachhaltig beschädigt.

Michael R. Gordon war während Jahrzehnten „Korrespondent für nationale Sicherheit“ bei der New York Times und gilt als Prototyp des „eingebetteten Journalisten“. Im September wird Gordon zusammen mit anderen prominenten Mitarbeitern der Zeitung  pensioniert.

Zusammen mit russischem Militär im Schützengraben

Dem Berufskollegen Gordon begegnete ich im Tschetschenien-Krieg. Dort war er ein „embedded journalist“ der russischen Armee. Seine Berichte in der NYT widerspiegelten die Sichtweise des russischen Militärs. Für Gordon, den ich in einem Schützengraben beobachtete, waren die russischen Soldaten die einzigen Bezugspersonen. Kritische Bemerkungen zum Einsatz der russischen Armee in Tschetschenien, über die hohe Zahl der zivilen Opfer oder die schweren Menschenrechtsverletzungen der Militärs waren nicht zu lesen. Die russische Militärführung garantierte ja auch für Gordons Sicherheit und unbehelligtes Arbeiten vor Ort. Unter diesen Umständen halten sich Journalisten mit Kritik und der Darstellung negativer Seiten der Militäreinsätze zurück.

Während der ersten Phase des Irakkrieges war Michael Gordon der einzige Zeitungsreporter, der eine Militäreinheit als „embedded journalist“ begleiten durfte. So hatte Gordon die Gelegenheit, unter Führung von General Tommy R. Franks die Invasionstruppen zu begleiten.

Spätes „Schuldgeständnis“ der New York Times

Zusammen mit Judy Miller hat Gordon die meisten der Berichte in der NYT über das angebliche Vorhandensein von sogenannten  Massenvernichtungswaffen im Irak vor der Invasion im Jahr 2003 veröffentlicht. Diese Artikel führten 2004 zu einem „Schuldbekenntnis“ auf der Titelseite der NYT. Dort heisst es: „Ein grosser Teil dessen, das die Times aus dieser Zeit berichtete, war ein genaues Spiegelbild der aus Geheimdienstunterlagen zusammengestellten Fakten, die selbst wiederum auf bruchstückhaften Informationen basierten. Es gab eine Reihe von Instanzen der Times, die diese Informationen nicht streng genug geprüft haben oder dazu nicht qualifiziert genug waren. Einige Kritiker haben die Schuld dafür einzelnen Reportern gegeben. Unsere Prüfung zeigt jedoch, dass das zugrundliegende Problem komplizierter Natur ist und nicht an Einzelnen festzumachen war.“ 

Mit Recht nimmt der Medienexperte Michael Massing in der New York Review of Books die führenden US-Medien aufs Korn. In seinem ausführlichen Beitrag „Now they tell us“ (26. Februar 2004) fragt Massing: „Wo wart ihr alle vor dem Krieg? Warum erfuhren wir nicht über diese Betrügereien und Verheimlichungen in den Monaten, als die Bush-Regierung sich mit allen Kräften für einen Regimewechsel im Irak eingesetzt hatte?“ Zu Beginn des Sommers 2002 habe innerhalb der Geheimdienste eine heftige Debatte darüber stattgefunden, wie die Bush-Regierung die Daten über Irak manipuliert hätten. Viele Journalisten hätten davon gewusst, aber nur wenige hätten darüber berichtet.

Kritische Stimmen nicht berücksichtigt

Massing kritisierte, dass viele Stimmen, die sich gegen die Behauptungen der US-Regierung bezüglich des Vorhandenseins von Massenvernichtungswaffen richteten, von Gordon und Miller nicht berücksichtig worden seien. Gordon habe sich zudem nur mit wenigen Kritikern getroffen.

Auf die Kritik von Massing erwiderte Gordon: „Ich bleibe bei meiner Behauptung, dass es eine weit verbreitete Annahme von Experten innerhalb und ausserhalb der US-Regierung war, dass der Irak Massenvernichtungswaffen herstellen wollte. Das Thema ist weitaus komplexer als Massing es darstellt.“

In einem Interview einer Sendung des Public Broadcasting Service im Januar 2007 hatte Michael Gordon ausdrücklich eine Erhöhung der US-Truppen im Irak unterstützt. Daraufhin veröffentlichte der Ombudsmann der NYT seine Missbilligung darüber, dass der Chef-Korrespondent für nationale Sicherheit der Zeitung seine persönliche Meinung über den Irak im nationalen Fernsehen veröffentlicht habe. Gordon entschuldigte sich für diesen Fauxpas.

Den politischen Kontext im Irak verdrängt

Zusammen mit General Bernard E. Trainor hat Gordon seine Erfahrungen in zwei Büchern „The General‘s War“, das den Zweiten Golfkrieg 1991 thematisiert, und den Bestseller „Cobra II: The Invasion and Occupation of Irak“ zum Irakkrieg 2003 festgehalten. The General‘s War wurde unter anderem vom damaligen Verteidigungsminister Dick Cheney gelobt. Die liberale Wochenzeitschrift The New Republic kritisierte hingegen, dass Gordon und Trainor „in der militärischen Fehleranalyse wie gefangen erscheinen und so unbeabsichtigt das grundlegende Problem im Irak verdrängen, das ein Politisches ist“.

Auch im Ukraine-Konflikt eine unrühmliche Rolle

Der Fall Gordon hat Zweifel an der unabhängigen Berichterstattung der NYT geweckt. Erneut ins Gerede kam die NYT, als das Weltblatt im April 2014 auf der Frontseite eine Fotoreportage veröffentlichte, die beweisen sollte, dass russisches Militär in der Rebellion der Ostukraine direkt involviert sei und eine getarnte russische Invasion bevorstehe. Nach kritischen Reaktionen aus der Leserschaft sah sich die Redaktion zu einem Rückzieher veranlasst. Sie musste der Leserschaft mitteilen, dass die Zeitung das Bildmaterial aufgrund eines Lecks im US-Aussenministerium erhalten habe. Im US-Aussenministerium, so entschuldigte die Redaktion ihren Fehler, habe man die Fotos mit falschen Legenden versehen. Die damalige Ombudsfrau der NYT, Margaret Sullivan, tadelte die Redaktion, sie hätte die Echtheit der Bilder überprüfen müssen. Die „Verwechslung“ der Fotos und Legenden kann aber auch anders interpretiert werden: Die NYT wurde vom US-Aussenministerium bewusst instrumentalisiert, weil sie weltweit ein Leitmedium ist.

Dies erinnert wiederum an die unrühmliche Rolle der NYT, als sie sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 von der Regierung manipulieren liess und behauptete, der Irak sei im Besitz von Massenvernichtungswaffen. Im Zentrum der Kritik stand erneut der „eingebettete Journalismus“, der sich von den Spin-Doctors der Bush-Regierung von einer „vierten Gewalt“ zu einer „vierten Front“ umfunktionieren liess, wie es Tommy Franks, der Oberbefehlshaber der US-Truppen im Irak, genüsslich formulierte. Der US-Journalismus als Institution stürzte in eine Vertrauenskrise, von der er sich bis heute noch nicht erholt hat.

Angst, gegen den Mainstream schwimmen zu müssen

Verantwortlich für die manipulierte Berichterstattung über den Irak-Krieg waren nicht nur die Journalisten, sondern auch die Verlagsmanager und TV-Bosse. Sie hatten Angst, gegen den patriotischen Mainstream schwimmen zu müssen und dadurch Leser, Zuschauer und Werbung zu verlieren. Der Medienkritiker Michael Massing nennt das „Pack-Mentality“: „Der Kontrast zwischen dem Auftreten der Presse nach dem Ende des Krieges und ihrer Ängstlichkeit vorher zeigt eine der beunruhigendsten Eigenschaften des amerikanischen Journalismus auf.“ 

* Roman Berger war Washington- und Moskaukorrespondent des Tages Anzeigers.

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Kommentare

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Das demonstrative Schweigen "eben nicht nur" der sogenannten "vierten Gewalt" zu 9/11, jetzt seit 16 Jahren, ist tatsächlich nur noch unerträglich, deswegen nenne ich sie eben nur noch "Die Manipulative" oder "Die Masturbative". Wenn weltweit sämtliche sogenannten Staatsgewalten zum grössten Verbrechen unserer Zeit und in der Folge zu den Millionen Opfern schweigen, und die nun schon längstens von investigativen Journalisten wie ein Christopher Bollyn beim Namen genannten Verdächtigen sich gar nie davor fürchten müssen, vor einem "Nürnberger Tribunal" zur Verantwortung gezogen zu werden, da kommt mir grad nur der „Advocatus Diaboli Parvus“ in den Sinn, als er vor 100 Jahren zu "Lenin" sagte: "Glauben Sie meiner Erfahrung, Wladimir Iljitsch, bei grossen Dingen wird man nie ertappt, Nur kleine Fische gehen ins Netz ..." (Elisabeth Heresch - Geheimakte Parvus - Die gekaufte Revolution - Verlag Herbig). Und in der heutgen Zeit kann eben wie kürzlich der "Geopolitical Futures" Händler Gerorge Friedman lässig daher sagen: "all Muslims are not terrorists, all terrorists are Muslims", er sagt eben nicht "all Jewish are not warfare planner and financiers, all warfare planner and financiers are Jewish".

Vergleicht man die Berichterstattung zum Zeitpunkt eines geopolitisch wichtigen Konflikts mit der späteren historischen und investigativen Aufarbeitung desselben so überrascht die Diskrepanz ungemein. Dabei ist es nicht einmal die ungeheure Diskrepanz die überrascht, da der "fog of war" oder gemachte Fehler, die in jeder Berufsgruppe vorkommen, die Abbildung der Wirklichkeit natürlich erschweren, sondern wie die fehlerhafte Berichterstattungen mit der "Staatsräson" korrelieren.

Der Journalismus muss sich dem endlich stellen und die Frage klären, weshalb dieser trotz Einhaltung journalistischer Standards so oft für die Kriegspropaganda instrumentalisiert werden konnte.

'Embedded journalism' gibt's nicht 'nur' bei der Kriegsberichterstattung und-Kommentierung. Es fehlt auch in andern Bereichen oft und manchmal nachhaltig an mittlerer Distanz der Medienschaffenden (und ihrer Chefs) zu den Objekten. Zum 'embedded journalism' im zweiten Irakkrieg erlaube ich mir folgende Ergänzungen: Ein 'Schuldgeständnis' legte auch "The Economist" recht frühzeitig ab. Hingegen konnte sich die sonst vielfach so hervorragende "NZZ" dazu nicht bequemen. Der damalige Chefredaktor schwieg hartnäckig wie eine Auster. Reinhard Meier, zur fraglichen Zeit stellvertretender Leiter der "NZZ"-Auslandredaktion, löffelte sich als Pensionierter im "Journal21". Sein Vorgesetzter bei der "NZZ", Hansrudolf Kamer, dachte wohl nicht einmal im Traum daran, seine zahlreichen "NZZ"-Texte des vorauseilenden Gehorsams gegenüber G.W. Bush und seinen Nächsten in der "Weltwoche" auch nur zu erklären. Unter den führenden Printmedien stach "The Guardian" durch seine Qualität heraus. In diesem Blatt wurden die relevanten Fragen frühzeitig gestellt.

Ein Tabu Thema für die «embedded» Schweizer Journalisten, nicht nur der NZZ und SRF, sind auch die Terroranschläge vom 11. September 2001. Die Ereignisse vom 11. September 2001 wurden von Ingenieuren, Architekten und Piloten untersucht, aber die Ergebnisse dieser Untersuchungen wurden in den Schweizer Medien weitgehend totgeschwiegen. (http://www.ae911truth.org/)
Zahlreiche Fakten wurden bisher vorgelegt die zeigen, dass die Zwillingstürme des World Trade Centers nicht in der Art und Weise eingestürzt sein konnten, wie dies im offiziellen Untersuchungsbericht behauptet wurde, nämlich durch die Schäden der Flugzeugeinschläge und der Brände.
Bei den Terroranschlägen dem 11. September 2001 sind fast dreitausend Menschen umgekommen. Vergessen wird, dass auch heute noch viele Menschen in den USA sterben an den Folgen des 11. September 2001. Der Staub der sich damals über New York ausgebreitet hat, und dem besonders die vielen Helfer ausgesetzt waren, hatte viele Menschen krankgemacht, man spricht von 75'000 Personen. Siehe:
http://www.ae911truth.org/news/376-news-media-events-how-911-continues-t...

Herzlichen Dank für diesen Artikel, der ein wesentliches Problem benennt, warum wir heute die vielen Menschen sehen, die Fake-News und alternativen Fakten mehr Glauben schenken, als den offiziellen Quellen aus Politik und Wissenschaft.
Instinktiv merken die Menschen sehr schnell, wenn es nicht die ganze Wahrheit ist, die ihnen da aufgetischt wird und dort beginnt dann die Suche nach Hintergründen. Das Internet ist dann der Ort, wo diese Suchenden vermeintliche Antworten finden, wobei viele, in Quellenkritik ungeübte, dann auf diese "Fakten" und alternativen Wahrheiten stossen, die von bestimmten Kreisen ganz bewusst manipuliert werden, um den eh schon verunsicherten Menschen das Vertrauen in die Institutionen noch weiter zu zerstören, denn nur extrem verunsicherte Menschen wählen extremistische Politiker!
Der Satz: «Im Zentrum der Kritik stand erneut der „eingebettete Journalismus“, der sich von den Spin-Doctors der Bush-Regierung von einer „vierten Gewalt“ zu einer vierten Front“ umfunktionieren liess, wie es Tommy Franks, der Oberbefehlshaber der US-Truppen im Irak, genüsslich formulierte.» könnte gut als Schlüssel dienen, um die ganze Glaubwürdigkeitsdiskussion um die freie Presse von Seiten der alternativfaktischen Rechten zu verstehen.

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