Eine Studie in Kontrasten

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Eine Studie in Kontrasten

Von Ignaz Staub, 24.08.2020

Mit den Parteitagen der Demokraten und der Republikaner beginnt die heisse Phase des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfs.

Kein Pomp und keine Ballone, kein Firlefanz und kein Konfetti, keine Clowns und kein Zirkus: der viertägige Parteikongress der US-Demokraten ging vergangene Woche virtuell über die Bühne. Ein trockener Anlass, ausgerechnet in Milwaukee, das sich seit Ankunft deutscher Auswanderer in den 1840er-Jahren rühmt, Amerikas Bierhauptstadt zu sein. Mit landesweit populären Marken wie Miller, Papst oder Schlitz.

Die Parade und die Prominenz der Rednerinnen und Redner im Wisconsin Center war eindrücklich: ehemalige Präsidenten wie Barack Obama oder Bill Clinton, frühere First Ladies wie Michelle Obama oder Hillary Clinton, gegenwärtige Parteigranden wie Bernie Sanders oder Andrew Cuomo, aufstrebende Parteistars wie Tammy Duckworth oder Alexandria Ocasio-Cortez – ein demokratisches All-Star-Team. Auch an Pathos und Patriotismus, wie echt auch immer, mangelte es in Milwaukee nicht

Zwar spielten die meisten der politischen Player im Home Office, doch Auftritt, Mix und Taktik stimmten weitgehend. Obwohl es noch zu früh ist, um zu wissen, ob sich der «bounce», d. h. der Rückprall des virtuellen Parteitags positiv auf die Umfrageergebnisse der Demokraten niederschlägt. Seit 2004 hat der durchschnittliche Zugewinn an Popularität von Präsidentschaftskandidaten nach Parteitagen nur noch zwei Prozent betragen. Bei den zwei Wahlen zuvor hatte er noch bei sechs Prozent gelegen.

Offen bleibt auch die Frage, wie stark der telegene Event in Milwaukee den progressiven Flügel der demokratischen Partei zu besänftigen oder zu motivieren vermag. Zwar hat sich Senator Bernie Sanders vorbehaltlos hinter seinen früheren Rivalen Joe Biden gestellt und seine Anhänger dazu aufgerufen, geeint gegen Präsident Donald Trump zu stimmen. Doch die linksliberale Abgeordnete Alexandra Ocasio-Cortez (AOC) erhielt lediglich eine mickrige Minute Redezeit zugestanden – weniger Zeit, als es braucht, um Wasser zum Kochen zu bringen, wie jemand bemerkte.

AOC aber nutzte die minime Zeit maximal: «Nur eine winzige, kleine Minute, aber sie dauert eine Ewigkeit.» Die 30-jährige New Yorkerin sprach weniger über ihre Partei als über eine amerikanische Volksbewegung, «die die Wunden rassistischer Ungerechtigkeit, Kolonisierung, Frauenfeindlichkeit und Homophobie anerkennen und heilen will.»

Einer Bewegung auch, «welche die unhaltbare Grausamkeit einer Wirtschaft einklagt, die explosive Ungleichheiten des Reichtums für die Wenigen auf Kosten der nachhaltigen Stabilität für die Vielen belohnt.» Nicht eben, was demokratische Geldgeber an der Wall Street oder im Silicon Valley gerne hören. Auch dem Partei-Establishment um die 80-jährige Nancy Pelosi dürfte die Rede nur bedingt gefallen haben. Dies umso weniger, als einzelne Kommentatoren kritisierten, die Demokraten hätten es wie 2016 versäumt, genügend auf die Stimmen der Latinos zu hören.

Im Vergleich war Ex-Vizepräsident Joe Bidens Nominierungsrede in Milwaukee konventionell, wenn auch für seine Begriffe überraschend kraftvoll und fehlerfrei. Anders als bei früheren öffentlichen Auftritten aus dem Keller seines Hauses in Wilmington (Delaware) wirkte der 77-Jährige wach und konzentriert, als er davon sprach, er werde, falls gewählt, «in Verbündeter des Lichts sein, nicht der Dunkelheit».

Als Erstes, versprach Biden, werde er das Corona-Virus unter Kontrolle bringen, das so viele Leben ruiniert habe: «Denn ich verstehe etwas, was unser Präsident von Anfang an nicht verstanden hat: Wir werden unsere Wirtschaft nie erneut zum Laufen bringen, wir werden unsere Kinder nie wieder sicher zur Schule schicken, wir werden unsere alten Leben nie wieder zurück haben, bis wir mit diesem Virus fertig werden.» Er werde, gelobte der demokratische Kandidat, ein Präsident sein, der Amerikas Alliierten und Freunden zur Seite steht und das den Feinden der Nation klar macht: «Die Tage des Sich-Anbiederns an Diktatoren sind vorbei.»

Er habe sich, sagte Joe Biden gegen Ende seiner Rede, zur Präsidentschaftskandidatur entschlossen, weil Donald Trump nach den Zusammenstössen zwischen Demonstranten und weissen Nationalisten in Charlottesville bemerkt habe, es gebe «sehr feine Leute auf beiden Seiten». Sein Vater habe ihn gelehrt, dass Schweigen Mittäterschaft bedeute und er habe weder schweigen noch mitschuldig werden wollen: «Vielleicht wird die Geschichte einst feststellen, dass das Ende des Kapitels amerikanischer Dunkelheit hier und heute Nacht begann, als Liebe und Hoffnung und Licht sich im Kampf für die Seele der Nation vereinten. Und diese Schlacht werden wir gewinnen, und wir werden es gemeinsam tun, das verspreche ich euch.» Worauf die Organisatoren den Song «A Sky Full Of Stars» der britischen Rockband «Coldplay» einspielten: ein Himmel voller Sterne. Stars and Stripes forever.

Donald Trump war der grosse Abwesende in Milwaukee. Obwohl es der Präsident nicht lassen konnte, den Parteitag seines Gegners mit gehässigen Twitter-Kommentaren zu begleiten. Doch die Demokraten machten nicht den Fehler, sich – wie zuvor befürchtet – allein auf ihn zu fokussieren, sondern sie besannen sich auch auf eigene Stärken: den Einsatz für eine bessere Krankenversicherung, eine zugänglichere Bildung, einen nachhaltigeren Umweltschutz, eine menschlichere Einwanderungspolitik, einen höheren Stundenlohn, d. h. für mehr soziale Gerechtigkeit generell. 

An Barack Obama lag es, Donald Trump direkt zu demontieren – entgegen der Gepflogenheit, wonach frühere amerikanische Präsidenten Amtsinhaber im Weissen Haus nicht kritisieren. Unter dem Titel «A More Perfect Union» (der Präambel der amerikanischen Verfassung entlehnt) wandte sich Obama aus dem National Constitution Center in Philadelphia an den Parteitag in Wisconsin.

Er habe gehofft, sagte Amerikas 44. Präsident, sein Nachfolger werde ein gewisses Interesse daran zeigen, seinen Job ernst zu nehmen – dass er die Bürde des Amtes fühlen und eine gewisse Achtung für die Demokratie entwickeln würde, zu der Sorge zu tragen sein Job sei: «Doch er hat das nie getan. Während fast vier Jahren hat er sich nicht angestrengt; kein Interesse, eine gemeinsame Basis zu finden; kein Interesse, die überwältigende Macht seines Amtes zu benutzen, um jemandem ausser sich selbst und seinen Freunden zu helfen; kein Interesse, die Präsidentschaft als etwas anderes zu behandeln als noch eine Reality Show, die er dazu benutzen kann, jene Aufmerksamkeit zu erhalten, die er begehrt.»

Donald Trump, folgerte Barack Obama, sei nicht in sein Amt hineingewachsen und zwar, weil er das nicht könne. Und die Folgen dieses Versagens würden schwer wiegen: «170’000 tote Amerikanerinnen und Amerikaner. Millionen von Jobs verloren. Während jene an der Spitze immer mehr verdienen. Unsere schlimmsten Impulse freigesetzt. Unser stolzer Ruf in der Welt arg beschädigt und unsere demokratischen Einrichtungen bedroht wie nie zuvor.» Die jetzige Regierung habe gezeigt, dass sie willens sei, die Demokratie niederzureissen, wenn es nötig sei, um zu gewinnen.

Der Parteitag der Republikaner beginnt diese Woche in Charlotte (North Carolina). Punkto Show, Spektakel und Special Effects dürfte die Bestätigung der Kandidatur Donald Trumps die Nominierung Joe Bidens um einiges übertreffen. Auch die Fakten-Checker, welche den Wahrheitsgehalt der diversen Reden und Einblendungen überprüfen, dürften beschäftigter sein – am stärksten wohl abends, wenn Donald Trump jeweils zur besten Sendezeit spricht und am Donnerstag seine Ernennung vermutlich aus dem Weissen Haus verdankt. Den Event der Demokraten in Milwaukee hat der Präsident im Übrigen als «dunkelsten und zornigsten und düstersten Parteitag der amerikanischen Geschichte» bezeichnet.

Chefredaktor David Remnick erinnert im «New Yorker» an H. L. Mencken (1880–1956), den legendären Kolumnisten der «Baltimore Sun», der für seine spitze Feder bekannt war. «Ein nationaler Parteitag hat etwas, was ihn so faszinierend macht wie eine Erweckung oder eine Hinrichtung durch Erhängen», schrieb Mencken 1924 über den Parteitag der Demokraten in New York, wo im Madison Square Garden 103 Wahlgänge nötig waren, bis sich die Delegierten auf einen Kandidaten einigen konnten. Prophetisch meinte er auch, er schliesse nicht aus, dass sich das Weisse Haus dereinst «mit einem Trottel schmücken» werde.

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