Eine Stimme Amerikas

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Eine Stimme Amerikas

Von Ignaz Staub, 23.01.2019

Russell Baker ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Russell who? Einer der besten Kolumnisten, die Amerika je hatte.

Russell Bakers Talent blitzte schon früh auf. An der High School in Baltimore gewann er einen Aufsatzwettbewerb. Der Titel des siegreichen Opus: «Die Kunst des Essens von Spaghetti». Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem er als Pilot der US-Marine diente, begann er nachts für die «Baltimore Sun» als Polizeireporter zu arbeiten. Sein Wochenlohn: 30 Dollar.

Trotzdem wollte der 22-Jährige in der Folge nie mehr etwas anderes machen, als für eine Zeitung tätig zu sein: «Das Einzige, was ich konnte, war schreiben, und diese Einsicht gründete allein auf meinem Verdacht, dass ich nie ernsthaft würde arbeiten können und dass Schreiben keine Arbeit erforderte.»

Später einmal, nach einem Vortrag über Journalismus vor College-Studenten, wurde Russell Baker  gefragt, was für Fächer Journalistenschulen unterrichten sollten. Seine Antwort: «Die ideale Journalistenschule braucht nur ein Fach. Studenten müssten sechs Stunden lang vor einer geschlossenen Tür warten. Dann würde die Tür sich öffnen, jemand kurz den Kopf hinausstrecken und sagen: ’Kein Kommentar’. Die Tür würde wieder zugehen und die Studenten müssten kurz vor Redaktionsschluss einen 800 Wörter langen Artikel schreiben.»

Dank der Queen Korrespondent geworden

Auf der Redaktion der «Baltimore Sun» stieg Baker dank seines Talents rasch auf und wurde bereits 1950, mit 25 Jahren, Korrespondent des Blattes in London – gerade rechtzeitig, um über eine Krönung berichten zu können: «Königin Elizabeth machte aus mir einen Auslandkorrespondenten. Bevor sie auftauchte, hatte meine Zeitungslaufbahn darin bestanden, Polizisten in Baltimore zuzuhören, wie sie von tollen Hinrichtungen durch den Strang erzählten, und über Möchte-gern-Staatsmänner zu berichten, wie sie den Zustand der Welt beklagten.»

Nach seiner Zeit in London wechselte Russell Baker für die «Sun» nach Washington D. C., wo ihn die «New York Times» entdeckte und 1954 als Kongress-Berichterstatter anstellte. Was den 29-Jährigen aber bald langweilte, denn sein Job beinhaltete, schrieb er, in den Gängen der hehren Institution herumzustehen und zu warten, «bis jemand herauskam und mich anlog».

5000 Kolumnen für die «New York Times»

Um den vielversprechenden Reporter nicht zu verlieren, bot ihm die «Times» an, für die Meinungsseite des Blattes schreiben zu können. Er nahm an. Russell Bakers erste Kolumne erschien am 16. Juli 1962, die letzte 36 Jahre später vor seiner Pensionierung. Dazwischen schrieb er unter der Rubrik «Observer» fast 5000 Kolumnen oder insgesamt 3,7 Millionen Wörter über Gott und die Welt. Für herausragende Kommentare gewann er 1979 den Pulitzer-Preis.

Einen zweiten Pulitzer erhielt er 1983 für seine Autobiografie «Growing Up», ein Bestseller, der sich über eine Million Mal verkaufte und heute vielen als eine der besten Autobiografien der amerikanischen Literatur gilt, auf einer Stufe mit den Werken von James Thurber, H. L. Mencken und Mark Twain: «Das Problem des Biografen besteht darin, dass er nie genug weiss. Das Problem des Autobiografen ist es, zuviel zu wissen.»

Russell Baker nannte seine Beiträge «eine ungezwungene Kolumne ohne etwas Drängendes, das sich lohnt, der Menschheit mitzuteilen». Er schrieb nie auf Vorrat, sondern immer nur spontan: «Falls ich eine Kolumne vorschreibe und dann sterbe, würde die Times etwas gratis kriegen.» Was er mit 750 Wörtern dreimal pro Woche kreierte, beschrieb der Kolumnist als «Ballett in einer Telefonkabine».

Auch Alltägliches und scheinbar Banales

Als «Observer» nahm sich Russell Baker in der «New York Times» allen möglichen Themen an, nicht nur der hohen Politik, sondern auch Alltäglichem oder auf den ersten Blick Banalem. «Sein Schreiben», steht im Nachruf der Zeitung, «reifte seinen Bewunderern zufolge zur Literatur: ein Witz, manchmal surreal, häufig absurd, unterwegs in den dunkeln Gängen des Paradoxen, stets verfasst mit einem Unterton guter Absicht».

Russel Bakers Kolumnen waren oft ironisch, aber nie zynisch und auch sich selbst und die eigenen Schwächen verschonte er nicht, so etwa seine endlosen Versuche, Proust zu lesen. Er meinte wohl auch sich selbst, als er schrieb: «Amerikaner lieben dicke Bücher und dünne Frauen.»

Selbst «Times»-Kollegen wurden gelegentlich zur Zielscheibe seines Witzes. 1975 zum Beispiel machte sich Baker über Craig Claiborne, den Restaurant-Kritiker des Blattes, lustig. Claiborne hatte in der «Times» en détail ein Mittagessen zu zweit in Paris beschrieben, das aus 31 Gängen bestand und in dessen Verlauf neun Weine getrunken wurden. Der ganze Spass kostete 4000 Dollar.

Baker parodierte den Artikel, indem er akribisch beschrieb, wie er sich am selben Abend zu Hause in Abwesenheit seiner Frau mit Lebensmitteln aus dem Kühlschrank ein bescheidenes Mahl zubereitet hatte: «Das Essen begann mit einem 1975er Diet Pepsi, das in einer Wegwerfbüchse serviert wurde. Obwohl sein Bouquet nicht besonders auffällig war, weckte sein metallischer Nachgeschmack Erinnerungen an Blechbüchsen, an denen man seinerzeit in einem ersten Anflug kindlicher Neugier geleckt hatte.»

A propos Kinder hatte Russell Baker für seine Leserschaft folgenden Rat parat: «Versuchen Sie nicht, Kinder so aufwachsen zu lassen, damit sie sind wie Sie, oder sie werden tatsächlich so.» Er selbst war in ärmlichen Verhältnissen in Virginia und New Jersey aufgewachsen und hatte früh seinen Vater, einen Steinmetz, verloren.

Flöhe aufgelesen – um des Journalismus willen

Geradezu prophetisch liest sich heute, was Baker lange vor Donald Trump zum Thema Impeachment bemerkt hat: «Eine Gruppe von Politikern, die sich dazu entscheiden, einen Präsidenten seiner mangelnden Moral wegen abzusetzen, gleicht der Mafia, die sich trifft, um den obersten Boss zu beseitigen, weil er am Sonntag nicht in die Kirche geht.»

Russel Bakers letzte «Times»-Kolumne erschien an Weihnachten 1998, «an einem Tag, an dem sowieso niemand eine Zeitung liest». Unter dem Titel «Ein paar Worte zum Schluss» beschrieb er, wieso er den Journalismus liebte: «Dank Zeitungen habe ich während vier Stunden Afghanistan besucht, den Taj Mahal bei Mondlicht gesehen, im Morgengrauen bei Lamm und Couscous gefrühstückt, während ich an einem Marmorteich in einem maurischen Palast in Maroko sass, und einmal auf dem Balkan eine hartnäckige Familie von Flöhen aufgelesen.»

Wie kaum ein anderer Zeitgenosse verkörperte Russel Baker die eigene Devise, wonach ernsthafter Journalismus nicht feierlich zu sein braucht. Gleichzeitig bedauerte er den Niedergang der amerikanischen Presse: «Der Journalismus wird durch eine Wall Street-Theorie zurückgestutzt, wonach es möglich ist, den Profit zu maximieren, indem man das Produkt minimiert.» Und er sagte auch noch dies: «Nichts stirbt in Amerika leichter als die Tradition.»

Quellen: The New York Times, The Washington Post, NPR

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