Eine Offensive ohne Grenzen

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Eine Offensive ohne Grenzen

Von Reinhard Schulze, 18.02.2020

Das Regime in Damaskus ist militärisch im Aufwind. Das Momentum ist auch wegen der russischen Waffenhilfe auf seiner Seite.

Eine hochrangige türkische Militärdelegation reiste am 17. Februar 2020 nach Moskau, um die militärische und politische Lage in der nordwestsyrischen Provinz Idlib zu erörtern. Die seit mehreren Tagen anhaltende Offensive der Truppen des Regimes in Damaskus, die massiv von russischen Einheiten unterstützt wird, hat zu grösseren Gebietsverlusten der Rebellen westlich von Aleppo geführt. Vor allem die Eroberung der strategisch wichtigen Autobahn von Homs nach Aleppo bestätigt den militärischen Erfolg der Damaszener.

Eine Schlappe für Erdoğan

Das Regime in Damaskus wird sich wohl kaum die Chance nehmen lassen, die sich ihm nun bietet. Das Momentum ist auf seiner Seite, die russische Waffenhilfe und besonders die russischen Luftangriffe auf Stellungen der Organisation zur ultraislamischen Befreiung der Levante HTS und der Syrischen Nationalarmee (SNA) in Idlib gewährleisten einen relativ schnellen militärischen Fortschritt. Durch die Eroberung der Autobahn ist auch der militärische Nachschub sichergestellt.

Wie lange die in Zentral- und Westidlib stationierten Verbände der HTS noch Widerstand leisten können, ist schwer zu prognostizieren. Die HTS ist heute weit weniger schlagkräftig als noch vor wenigen Monaten, als sie noch über etwa 30'000 Kämpfer verfügt haben soll. Sie hat ihre ehemals gefürchtete Offensivkraft verloren. Das könnte sogar bedeuten, dass das HTS-Regime in Zentral- und Ostidlib in relativ kurzer Zeit kollabiert.

Denn ähnlich wie der sogenannte Islamische Staat beruhte der territoriale Erfolg der HTS vor allem auf seiner Offensivkraft. In der Defensive sind solche ultraislamischen Gebietsherrschaften deutlich unterlegen. In der Defensive verlieren sie ihre sozialen Unterstützungsnetzwerke, zudem entgleitet ihnen durch die Fluchtbewegung die soziale Kontrolle. Der Nachschub, sofern noch vorhanden, ist kaum noch koordiniert an dem lokalen militärischen Bedarf ausgerichtet.

Eine Machtteilung in Idlib?

All das spricht dafür, dass das Regime von Damaskus die militärische Hoheit über grosse Teile der Provinz Idlib erlangen wird. Allerdings deutet sich jetzt schon an, dass die Türkei versuchen wird, eine militärische Teilung von Idlib herbeizuführen. Die Gebiete, die im an die Türkei angrenzenden Westen der Provinz unter der Herrschaft der Syrischen Nationalarmee stehen, gelten als türkisches Interessensgebiet. Zu erwarten ist also, dass die Türkei dem Regime in Damaskus die Kontrolle über zwei Drittel der Provinz Idlib, das bislang als Gebietsherrschaft der HTS galt, zugestehen wird. Das Gebiet westlich davon würde zugleich als Auffangregion für die fast 1 Million Binnenflüchtlinge dienen, die dann durch internationale Hilfswerke auf syrischem Gebiet versorgt werden müssten.

Das Resultat wäre also die Aufteilung der Herrschaftsmandate über die Provinz Idlib. Das Regime von Damaskus könnte dabei geltend machen, dass seine Souveränität über Idlib wiederhergestellt sei und dass die Türkei lediglich ein Sicherheitsmandat über den Westen der Provinz gewissermassen im Namen von Damaskus ausübe.

Syrische und russische Truppen nehmen Erdogans Drohkulisse so nur bedingt ernst. Solange ihr Operationsgebiet nicht die unmittelbare Machtsphäre der Türkei im Westen Idlibs berührt, ist ihr Handlungsfeld von der Türkei kaum bedroht. Erdoğans Aufforderung, die syrischen Truppen sollen sich bis Ende Februar aus den Gebieten, die ihnen nicht zustehen, zurückziehen, wird als Einladung gelesen, sich genau in diesen Gebieten festzusetzen, die ihnen «zustehen». Sollte sich das Regime in Damaskus nicht mit einer solchen Aufteilung der militärischen Macht in Idlib zufriedengeben und eine Eroberung auch der westlichen Gebiete von Idlib ins Auge fassen, droht eine Eskalation der militärischen Gewalt zwischen türkischen und syrischen Truppen.

Auch auf diplomatischem Parkett versucht die Türkei, ihre Stellung in Syrien politisch abzusichern. Dem dient zum einen der Besuch der Militärdelegation in Moskau, der allerdings ergebnislos endete. Zum anderen lanciert die Türkei Initiativen, an den sogenannten Sotchi-Prozess anzuknüpfen, also an die trilateralen Verhandlungen auf höchster Ebene zwischen der Türkei, Russland und Iran. Ziel sei es, die ursprünglichen Grenzen des Abkommens von Sotchi wiederherzustellen, um eine Waffenstillstandszone einzurichten. Auch der US-Sondergesandter für Syrien James Jeffrey stellte klar, dass das Sotchi-Abkommen eingehalten werden müsse.

Das Regime setzt auf die Offensive – und Russland hilft

Doch die russische Regierung lässt die Initiative der Türkei auflaufen. Vollmundig erklärte der russische Aussenminister Lawrow noch vor Abreise der türkischen Delegation, dass die «Regierungstruppen 90% des Landes» kontrollierten. In Aleppo orchestriert das Regime Siegesdemonstrationen. Doch unterstehen de facto nur etwa zwei Drittel des Landes der syrisch-russischen Kommandogewalt.

Operatives Ziel ist wohl die Eroberung eines etwa 30 Kilometer breiten strategisch bedeutsamen Landstreifens des Sheikh Barakat Berglands zwischen Aleppo und der türkischen Grenze. Sollte dieser Vorstoss gelingen, würden regimetreue und russische Truppen die westlichen Rebellengebiete von der Afrin-Region, die von der Syrischen Nationalarmee kontrolliert wird, abspalten und Idlib weiter militärisch isolieren.

Besonders betroffen vom Artilleriebeschuss und Bombenangriffen ist die Kleinstadt al-Atārib etwa 30 Kilometer westlich vom Stadtzentrum von Aleppo. Die Zerstörungen sind gewaltig, die Opferzahlen steigen dramatisch an, zivile Einrichtungen wie Krankenhäuser gelten als «legitime Ziele» der syrischen Artillerie und der russischen Bomben. In den vergangenen vier Tagen sind fast 50'000 Menschen aus den umkämpften Gebieten geflohen. Dazu liess der Machthaber in Damaskus verlauten: «Der Kampf um die Befreiung der Provinzen Aleppo und Idlib geht weiter, ungeachtet all der heissen Luft, die aus dem Norden kommt.»

Es bleibt abzuwarten, ob die Regimetruppen tatsächlich den Vorstoss bis an die türkische Grenze wagen werden oder ob sie, wie Beobachter vor Ort vermuten, zunächst versuchen werden, sich auf den Höhen von Sheikh Barakat festzusetzen. Sollten sie tatsächlich auf die Grenzstation Aṭmeh vorstossen, dann wären die dortigen Flüchtlingslager unmittelbar bedroht. Neuesten Berichten zufolge hat Russland weitere Su-24-Bomber auf den Luftwaffenstützpunkt Hmeimim verlegt. Das lässt eine weitere Eskalation vermuten.

Es ist zudem nicht auszuschliessen, dass Verbände der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF), also der Allianz aus kurdischen und anderen nordsyrischen Milizen, die die Region von Tell Rifʿat nördlich von Aleppo kontrollieren, in die Kämpfe auf Seiten des Regimes eingreifen werden. Schon werden die ersten Gefechte der SDF mit Einheiten der türkisch unterstützten Syrischen Nationalarmee in der Nähe des Dorf Barad erwähnt. Die Gegend von Barad, aus dem sich jüngst Verbände der HTS zurückgezogen haben, ist zugleich auch operatives Ziel der Armee des Regimes. Dies stärkt die Vermutung, dass sich zumindest in der Region nordwestlich von Aleppo eine taktische Allianz zwischen SDF und der Syrisch-arabischen Armee des Regimes in Damaskus gebildet hat.

Auflösung der HTS?

Schon kursieren Gerüchte, dass der Kommandant der HTS, Abū Muḥammad al-Jawlānī, die Auflösung der Organisation bekannt geben wird. Innerhalb der Organisation gibt es offenbar grundsätzlich divergierende Auffassungen darüber, welche Strategie angesichts der Offensive des Regimes zu wählen sei. Die Autorität al-Jawlānīs hat stark gelitten, ein einheitliches Kommando ist kaum noch zu erkennen.

Ob dies schon die ersten Anzeichen für einen Kollaps des Regimes der HTS ist, wird sich noch zu erweisen haben. Unstreitig aber haben ultraislamische Bünde wie die HTS ihren Zenith überschritten, oder wie es al-Jawlani ausdrückte: «Die Mission der HTS ist zu Ende.» Ungeklärt ist, was dann mit den Kämpfern der HTS geschehen wird. Das Ende der HTS wäre aber nicht gleichbedeutend mit dem Ende des Kriegs um Idlib. Selbst wenn Idlib ganz unter der Kontrolle der syrisch-russischen Verbände stünde, wäre der syrische Krieg noch lange nicht zu Ende.
 

Kommentare

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Danke für die Informationen. Es fällt mir auf, dass etwaige Gebietsansprüche der Kurdischen Bevölkerung nicht erwähnt werden.

Europa bzw. die EU hat keine echten Mittel um in Syrien tätig zu werden. Andernfalls hätte man in diesem Krieg schon längst tätig werden können. Die geopolitische Bedeutungslosigkeit Europas besteht schon seit längerem, hinzu kommt der absehbare wirtschaftliche und damit auch kulturelle Abstieg. Russland und anderen haben sich in Asien grosse Alternativen zur Zusammenarbeit aufgetan. Moralische Überlegenheit musste schon immer mit harten wirtschaftlichen, militärischen und technologischen Fakten unterlegt sein. Diese haben die USA im Gegensatz zu Europa, sind aber wie der Westen insgesamt aus unerfindlichen Gründen tief gespalten. Europa kann nur noch das letzte tun, was es tun kann: Die 1 Millionen Syrer aufnehmen, die aktuell in Idlib sind. Vermutlich kommen noch ein paar mehr, weil die soziale Sicherheit in Europa besser ist. Mehr kann Europa nicht tun.

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