„Eine Nation der Ideale“

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„Eine Nation der Ideale“

Von Ignaz Staub, 28.08.2018

Donald Trump versäumt es, dem verstorbenen John McCain Respekt zu zollen. Der Senator indes wendet sich posthum an die Nation.

Dass Donald Trump und John McCain, obwohl Parteigenossen, keine Freunde waren, ist hinlänglich bekannt. Der Präsident hatte im Wahlkampf einmal erklärt, John McCain, der in Vietnam fünf Jahre lang in Gefangenschaft sass und gefoltert wurde, sei für ihn kein Kriegsheld: „Helden lassen sich nicht gefangen nehmen.“ Trump war es seinerzeit gelungen, sich in fünf Fällen einem Aufgebot in die Armee zu entziehen.

„Charakterloser, kleiner Feigling“

McCain wiederum verärgerte Trump, als er im Senat die entscheidende Stimme abgab gegen dessen Plan, Barack Obamas Gesundheitsreform rückgängig zu machen. Auch hatte der Senator, unheilbar an einem Hirntumor erkrankt, kein Hehl gemacht aus dem Umstand, dass er Donald Trump, im Gegensatz etwa zu Barack Obama oder zu George W. Bush, nicht an der Gedenkfeier am Samstag in der National Cathedral in Washington D. C. sehen wollte. Die Beerdigung findet am Sonntag im Kreise der Familie auf dem Gelände der US-Naval Academy in Annapolis (Maryland) statt. McCains Grab, mit Blick auf den Severn River, liegt neben jenem seines Freundes Admiral Chuck Larson.

Dass der 45. Präsident nicht die Grösse hatte, seinem Rivalen nach dessen Tod für den Dienst am Vaterland gebührend Anerkennung zu zollen, hat etliche Amerikanerinnen und Amerikaner und nicht zuletzt viele Kriegsveteranen erzürnt. „Donald Trump weigert sich, für John McCain die Fahne (über dem Weissen Haus) auf Halbmast wehen zu lassen. Wie wir (…) bemerkt haben: Donald Trump ist ein pathetischer, dünnhäutiger, selbstverliebter, charakterloser, kleiner Feigling“, schrieb denn die Veteranengruppe VoteVets auf Twitter.

Verschränkte Arme

Der Grund des Zorns? Zwar hatte das Weisse Haus am Montagmorgen die amerikanische Flagge noch auf Halbmast gesetzt, sie am Nachmittag aber wieder an der Spitze der Fahnenstange wehen lassen. Erst auf öffentlichen Druck hin und nach heftigen Reaktionen in den sozialen Medien bequemte sich das Weisse Haus dazu, die Fahne erneut tiefer zu hängen, wie das überall im Lande Ämter und Institutionen taten.

Dabei liegt es im Ermessen des US-Präsidenten, die Dauer zu bestimmen, während der die Flagge auf Halbmast weht. Auf Fragen von Reportern, die sich im Weissen Haus nach seiner äusserst verhaltenen Reaktion auf John McCains Tod erkundigte, schwieg Donald Trump und starrte mit verschränkten Armen in die Kamera. Dafür lobte er sich für die Erneuerung eines Handelsabkommens mit Mexiko.

Insel der Bitterkeit

Auch war es ihm am Wochenende wichtiger gewesen, sich via Twitter negativ über American Football und positiv über den Golfer Tiger Woods zu äussern. Bereits Ende Juni nach der Ermordung von fünf Journalisten der „Capital Gazette“ in Annapolis hatte es Tage gedauert, bis Donald Trump anordnete, die Flaggen auf Halbmast wehen zu lassen. „Das Weisse Haus ist inzwischen eine Insel der Bitterkeit und des Grolls in einer Nation, die in Respekt und Wertschätzung vereint ist“, folgerte zu Wochenbeginn der konservative Kommentator Bill Kristol, ein Kritiker des Präsidenten.

Subtile Kritik an Donald Trump, ohne den Präsidenten direkt zu nennen, war auch einer Erklärung zu entnehmen, die Rick Davis, John McCains früherer Wahlkampfmanager, am Montag an einer emotionalen Pressekonferenz in Phoenix (Arizona) verlas. Der Senator hatte die Abschiedsrede an die Nation noch vor seinem Tod verfasst, ein „maverick“, ein unbeugsamer Einzelgänger, bis zum Schluss:

„Liebe Amerikanerinnen und Amerikaner, denen ich während sechzig Jahren dankbar gedient habe, und vor allem liebe Bewohner Arizonas, ich danke euch für das Privileg, euch zu dienen und für das reiche Leben, das zu führen mir mein Dienst in Uniform und im öffentlichen Amt erlaubt hat. Ich habe versucht, unserem Land ehrenhaft zu dienen. Ich habe Fehler gemacht, aber ich hoffe, meine Liebe für Amerika wird zu meinem Vorteil gegen sie abgewogen werden.

Ich habe oft bemerkt, dass ich der glücklichste Mensch auf Erden bin. Ich fühle mich noch heute so, obwohl ich mich auf das Ende meines Lebens vorbereite. Ich habe mein Leben geliebt, das ganze Leben. Ich habe Erlebnisse, Abenteuer und Freundschaften erfahren, die für zehn Leben ausreichen würden, und ich bin so dankbar. Wie die meisten Leute bedauere auch ich einiges. Aber ich würde nie einen Tag meines Lebens, in guten oder in schlechten Zeiten, gegen den besten Tag von jemand anderem tauschen.

Ich verdanke diese Befriedigung der Liebe meiner Familie. Niemand hat je eine liebere Frau gehabt oder Kinder, auf die er stolzer war als ich auf meine. Und ich verdanke sie (die Befriedigung) Amerika. Mit Amerikas Anliegen verbunden zu sein – Freiheit, Gerechtigkeit, Respekt für Menschenwürde – macht glücklicher als die flüchtigen Vergnügen des Lebens. Wer wir sind und wie wertvoll wir sind, wird nicht behindert, sondern gefördert, wenn wir im Dienste einer guten Sache stehen, die grösser ist als wir.

‚Mitbürgerinnen und Mitbürger‘ – diese Verbindung hat mir mehr bedeutet als jede andere. Ich habe als stolzer Amerikaner gelebt und bin als solcher gestorben. Wir sind Bürgerinnen und Bürger der grössten Republik der Welt, einer Nation der Ideale und nicht des Bluts und Bodens. Wir sind gesegnet und ein Segen für die Menschheit, wenn wir diese Ideale zu Hause und in der Welt aufrecht erhalten und fördern. Wir haben geholfen, mehr Menschen aus Tyrannei und Armut zu befreien als je in der Geschichte. Dabei haben wir grossen Reichtum und grosse Macht gewonnen.

Wir schwächen unsere Grösse, wenn wir unseren Patriotismus mit Stammesrivalitäten verwechseln, die in allen Ecken der Erde Groll, Hass und Gewalt gesät haben. Wir schwächen sie (die Grösse), wenn wir uns hinter Mauern verstecken, statt diese niederzureissen, wenn wir an der Macht unserer Ideale zweifeln, statt ihnen zu vertrauen, jene grosse Kraft für Veränderungen zu sein, die sie stets gewesen sind.

Wir sind dreihundertfünfundzwanzig Millionen meinungsstarke, lautstarke Individuen. Wir streiten und kämpfen miteinander und verteufeln uns manchmal gegenseitig in unseren rauen öffentlichen Debatten. Aber wir haben stets mehr gemeinsam gehabt als Dinge, die uns trennten. Wenn wir uns nur daran erinnern und grosszügig davon ausgehen, dass wir alle unser Land lieben, dann werden wir gut durch diese herausfordernden Zeiten kommen. Wir werden stärker aus ihnen hervorgehen, als wir zuvor waren. Wir haben das immer getan.

Vor zehn Jahren hatte ich das Privileg, nach den Präsidentschaftswahlen meine Niederlage einzugestehen. Ich will meinen Abschied von euch mit dem tief empfundenen Vertrauen gegenüber Amerikanerinnen und Amerikanern beenden, das ich am jenem Abend gefühlt habe.

Ich fühle es noch heute tief.

Verzweifelt nicht angesichts unserer gegenwärtigen Schwierigkeiten, sondern glaubt immer an das Versprechen und die Grösse Amerikas, denn nichts hier ist unausweichlich. Amerikanerinnen und Amerikaner geben nie auf. Wir geben uns nie geschlagen. Wir verstecken uns nicht vor der Geschichte. Wir machen Geschichte.

Lebt wohl, liebe Amerikanerinnen und Amerikaner. Gott segne euch, und Gott segne Amerika.“

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