Eine Gesellschaft auf Schlafentzug

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Eine Gesellschaft auf Schlafentzug

Von Lucas Münger, 23.12.2018

Die längsten Nächte des Jahres böten massenhaft Zeit für wohliges Schlummern. Doch daraus wird nichts: Schlafen ist nicht gut fürs Bruttosozialprodukt.

Journal21.ch will die Jungen vermehrt zu Wort kommen lassen. In der Rubrik „Jugend schreibt“ nehmen Schülerinnen und Schüler des Zürcher Realgymnasiums Rämibühl regelmässig Stellung zu aktuellen Themen.

Lucas Münger ist 16 Jahre alt und wohnt in Zürich. Er besucht die vierte Klasse des Realgymnasiums Rämibühl, wo er als Schwerpunkt Altgriechisch und Englisch gewählt hat. Er spiel in seiner Freizeit gerne Klavier und interessiert sich sehr für Biologie, weshalb er auch oft im Zoo Zürich anzutreffen ist.

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Der Schlaf hat ein Image-Problem: Schon  der berühmte Feldherr Napoleon soll gesagt haben: «Vier Stunden schläft der Mann, fünf Stunden die Frau und sechs ein Idiot.» Wenig schlafen zu müssen, scheint zu einer Tugend wie Mut oder Stärke geworden zu sein, die es zu fördern gilt.

Dabei ist es offenkundig, dass wir nicht auf Schlaf verzichten können. Schlaf hilft dem Körper bei der Genesung von Krankheiten und beschleunigt die Heilung von Wunden. Ohne ihn riskieren wir, durch Konzentrationsmangel gefährliche Fehler zu machen. Schlaflosigkeit wird als Foltermethode benutzt und endet nach ein bis zwei Wochen sogar mit dem Tod. Wir brauchen Schlaf also, um zu überleben. – Und trotzdem wollen wir uns absichtlich davon abhalten? Der Grund dafür ist schnell gefunden:

Die Ansprüche, die an uns gestellt werden, nehmen durch die heutige Leistungsgesellschaft eine immer längere Zeitspanne innerhalb der vierundzwanzig Stunden ein, die ein Tag zur Verfügung stellt. Unser Tagesverlauf ist also auch ohne Schlafen schon vollgestopft genug, und auch von den Jungen, die entwicklungsbedingt mehr Schlaf benötigen, wird immer früher immer mehr verlangt: Sport treiben, ein Instrument üben, soziale Kontakte im realen und im digitalen Leben pflegen und alles, was für das blosse Überleben des Körpers sonst noch erledigt werden muss. Dazu kommen immer mehr Hausaufgaben, das Lernen für die lieben Prüfungen und das tägliche Besuchen eng durchgeplanter Lektionen.

Die Schule als Zeitfresser. Seltsam, wenn man bedenkt, woher die Bezeichnung überhaupt kommt. Die Wurzel des Wortes «Schule» findet man im Altgriechischen «σχολή». Doch «σχολή» bedeutet nicht etwa «Notenabgabe», «Hausaufgabenkontrolle» oder «Prüfungsstress», sondern viel mehr «Müssiggang». Damit gemeint ist das freie Ausleben seiner Wünsche, die Trägheit und das Untätig-Sein. Untätig sein? Einfach mal vor-sich-hin-existieren und in Tagträumen und Gedanken versinken können? Dieses Gefühl kennen wir nicht mehr, schon alleine wegen des Smartphones nicht, welches schnellstens jeden noch so kurzen Augenblick, in dem unser Hirn tagsüber mal nicht beschäftigt wäre, zu füllen weiss.

So werden selbst die wenigen Lücken, in denen unser Hirn ausschalten könnte, restlos ausgefüllt. Für die «σχολή» bleibt keine Zeit. Vom Menschen wird mehr und mehr verlangt, eine Maschine zu sein. Jederzeit muss die gewünschte Leistung erbracht werden, jederzeit muss man eingeschaltet und erreichbar sein. Doch wir Menschen sind keine Maschinen! Dies ist aber irgendwie in Vergessenheit geraten.

Und so sind wir pausenlos beschäftigt, um tagein und tagaus in zunehmender Zeitknappheit alles «Wichtige» zu erledigen und bloss nichts «Entscheidendes» zu verschlafen. Gespart wird stattdessen bei dem, was langweilig und ertraglos scheint: dem lebenswichtigen Schlaf, in dem kein direkter Nutzen zu finden ist. Wer Zeit zum Schlafen aufwendet, hat in dieser Zeit nichts erreicht. Wieso dann so viel Zeit in etwas investieren, das keinen Ertrag abwirft?

Unser Lebensstil stimmt nicht mehr mit unserer Natur überein. Jeder kennt die kurzfristigen Konsequenzen von Müdigkeit: Die Konzentration lässt nach, die Augenlider werden schwer und je länger man standhalten will, desto öfter nickt man plötzlich ein. Gefährlicher wird es, wenn man längerfristig zu wenig schläft. Die unangenehmen Folgen von langanhaltendem Schlafmangel werden der Wissenschaft dank Experimenten immer klarer: Schläft man beispielsweise über einen Zeitraum von zehn Tagen jede Nacht nur sechs Stunden, verhält man sich, wie wenn man ein Promille Alkohol im Blut hätte. Wer zu wenig schläft, ist also unkonzentriert, begeht Flüchtigkeitsfehler und kann Risiken nicht richtig einschätzen.

Was geschieht, wenn eine ganze Gesellschaft zu wenig Schlaf bekommt? Die Folgen kann und will man sich vielleicht gar nicht vorstellen, jedoch entwickeln wir uns genau in diese Richtung. Wir sind alle unfreiwillige Teilnehmer des Langzeitexperimentes «Gesellschaft auf Schlafentzug». Wohin uns aber eine immer schlaflosere Bevölkerung führen wird, können wir erst wissen, wenn die Folgen bereits eingetroffen sind und es zu spät ist.

Es gibt nur eine Möglichkeit, den Teufelskreis des Schlafmangels zu durchbrechen: Der Schlaf muss einen höheren Stellenwert bekommen und in unseren Köpfen, unserer Kultur und unserer Gesellschaft wieder an Wichtigkeit gewinnen.

Und so sollten wir die winterliche Dunkelheit der längsten Nächte des Jahres nicht als lästig und trostlos abstempeln. Versuchen wir doch einmal, diese langen Nächte als eine Botschaft zu sehen, welche uns im ewigen Leistungsdruck, dem  kräftezehrenden Weihnachtsstress und der allgegenwärtigen Müdigkeit an das Ausschalten, die «σχολή» und an die Vorzüge des Schlafens erinnern soll. Durchatmen, entschleunigen, träumen. Mensch sein.

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Verantwortlich für die Betreuung der jungen Journalistinnen und Journalisten von „Jugend schreibt“ ist der Deutsch- und Englischlehrer Remo Federer ([email protected]).

Weitere Informationen zum Zürcher Realgymnasium Rämibühl unter www.rgzh.ch

Kommentare

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Lieber Lucas
Der Papst und Sie verbreiten die gleiche Weihnachtsbotschaft: Weniger endlose Gier, mehr bewusstes Menschsein. Ihr Artikel war mir gestern sehr präsent, als ich (unausgeschlafen: Ich hatte "natürlich" den Wecker gestellt, um ja mit allem "Wichtigem" fertig zu werden) versuchte, mir einen Weg durch die von ferngesteuerten Menschlein in der St. Galler Marktgasse zu bahnen-alle gestresst und gehetzt und auf der Flucht - wovor? Vor sich selbst, wahrscheinlich.. Der Mensch hetzt, weil er Angst hat vor der Zeit mit sich alleine. Lieber weiter im Laufrad kreisen, als zu reflektieren.

Ein wunderbares Plädoyer für mehr Musse! Genau richtig im Weihnachts- und Harmonie- und Neujahrsplanungs-Stress. Herzlichen Dank!

Sehr gute Arbeit!
Sie haben das Problem klar und deutlich analysiert und dargestellt ohne Schulmeisterlich zu wirken.
Bravo!

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