Eine Fee aus dem hohen Norden

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Eine Fee aus dem hohen Norden

Von Annette Freitag, 03.03.2020

Sonntagmorgen in Aarau. Es ist grau, feucht, kalt und leer in der Stadt. Dann, gegen das Kultur- und Kongresshaus hin, strömen Leute aus allen Richtungen.

So öd, wie Aarau zunächst wirkt, ist dieser Vormittag dann doch nicht. Der Saal wird voll. «Souvenir de Florence» steht auf dem Programmzettel und ein international besetztes Streich-Sextett spielt nicht nur Piotr Iljitsch Tschaikowskys musikalische Erinnerungen an seinen Aufenthalt in Florenz, sondern auch ein Stück von Richard Strauss und eine Sonate von Øistein Sommerfeld, einem norwegischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, der bei uns weniger bekannt ist.

Eldbjørg Hemsing ist der zweite norwegische Name an diesem Sonntagmorgen. Und er gehört einer Geigerin, die ebenfalls noch nicht so sehr bekannt ist in unseren Gefilden. Das könnte sich aber schnell ändern, denn dieser Tage erscheint ihre neue CD, die sie Edvard Grieg gewidmet hat, dem bekanntesten norwegischen Komponisten, zu dem sie eine ganz besondere Beziehung hat. Darüber hinaus konnte sie sich einem grossen Publikum präsentieren, als sie bei der Friedensnobelpreis-Verleihung in Oslo spielte.

Musikalische Reise

Sehr blond, sehr hellhäutig, sehr schön und im schmalen, langen, ärmellosen Kleid tritt sie auf die Bühne: wie eine flüchtige Fee aus der nordischen Sagenwelt verzaubert sie ihr Publikum im Handumdrehen – auch mit Hilfe ihrer Geige … Klar und kräftig klingt sie, zart und verträumt, wehmütig und draufgängerisch: Eldbjørg Hemsing schafft das alles und nimmt das Publikum im Rahmen von «:argovia philharmonic» mit auf diese musikalische Reise von Italien in die Weiten Norwegens.

Während nach dem Konzert die Bühne schon wieder umgebaut wird, setzt Eldbjørg Hemsing sich zu mir. Der kleine Rollkoffer ist schon wieder gepackt, statt weissem Feen-Gewand ist nun der warme Pullover angesagt. Ihr Strahlen ist das gleiche geblieben. Und sie hat auch noch Geburtstag an diesem Tag: genau dreissig Jahre alt ist sie geworden. Gefeiert wird am Abend in Norwegen.

Foto ©Nikolaj Lund
Foto ©Nikolaj Lund

Irgendwie fragt man sich schon, was Eldbjørg Hemsing nach Aarau gebracht hat. «Ein Zufall!», sagt sie. «Ich war mit Rune Bergmann und seinem Orchester in Polen auf Tournee und er lud mich ein.» Rune Bergmann ist ebenfalls Norweger und der neue Chefdirigent von «:argovia philharmonic». Da könnten ja aus einem Konzert auch mehr werden. «Mal sehen …», sagt sie lachend.

Dass sie sich auf ihrer neuen CD so intensiv mit Grieg beschäftigt, kommt nicht von ungefähr. Hemsings Ururgrossvater hatte Grieg vor rund 170 Jahren zu seiner «Ballade» (Opus 24) inspiriert. Und das kam so: «Edvard Grieg hatte einen Assistenten, der hiess Ludvig Mathias Lindenman und der reiste durch Norwegen, um für Grieg Volksmelodien zu suchen», erzählt Eldbjørg Hemsing. «Lindenman kam auch in die Gegend, aus der ich stamme, und traf dort meinen Ururgrossvater. Der war Bauer, aber sehr musikalisch und er war immer am Singen. So sang er auch Lindeman eine Melodie vor, die er für Grieg aufschrieb. Sie hat Grieg so gefallen, dass sie ihn zu einem Klavierstück inspirierte, eben zu dieser Ballade. Die meisten Leute haben keine Ahnung, dass dieses Klavierstück aus einer Volksmusik-Quelle stammte und mit Sicherheit weiss niemand, dass dieser Bauer ein Vorfahre von mir war!»

Drei Geigerinnen in der Familie

Eldbjørg Hemsing hat diese Ahnenforschung jedenfalls dazu geführt, sich noch mehr mit Grieg zu beschäftigen und dies in eine CD münden zu lassen. «Ich habe auch selbst ein kleines Stück dazu komponiert, um mit diesem ‘Familien-Link’ Edvard Grieg die Ehre zu erweisen. Es ist nur dreieinhalb Minuten lang, so eine Art Thema und Variation. Es war eine lustige und spannende Erfahrung für mich und ich bin richtig glücklich, dass es so herausgekommen ist.» «Homecoming», also «Heimkehr» nennt sie das kleine Stück, das auch auf der Grieg-CD ist. Und? Wird sie jetzt auch weiterhin komponieren? «Wer weiss … ich möchte erst mal sehen, wie die Leute darauf reagieren …», sagt sie, aber man spürt, dass sie schon Lust hätte, mit Komponieren weiterzufahren. Zumal es Geigerinnen schon zur Genüge gibt in der Familie Hemsing. «Meine Schwester Ragnhild spielt ebenfalls Geige und unsere Mutter ist sogar Geigenlehrerin! Und wir haben auch ein kleines Hemsing Festival, in dem aber auch noch ein paar andere Musiker neben den Hemsings mitspielen …» Sie strahlt wieder übers ganze Gesicht, wenn sie davon erzählt, wie einzigartig dieses Festival ist, das in einfachen Holzhäusern und Kirchen in der ganz speziellen, ländlichen Winter-Atmosphäre Norwegens stattfindet. Vorfahren könne man bei diesen Konzerten mit Langlauf-Skis, erzählt sie. Schwarze Limousinen sind weniger geeignet.

Ihre Geige ist eine Guadagnini und fast 270 Jahre alt. Was bedeutet ihr dieses Instrument? «Meine Violine ist meine Stimme! Mit ihr kann ich alles ausdrücken, ohne Worte zu brauchen. Nur schon der Klang …! Dunkel, voller Glückseligkeit bis hin zu hell und brillant. Eine grosse Spannweite!» Die Geige wird natürlich auch dabei sein, wenn Eldbjørg Hemsing im Juni mit dem Luzerner Sinfonieorchester auftritt. Dann allerdings nicht in der Schweiz, sondern am Janacek-Festival in Ostrava im Osten Tschechiens.

Vom Notenblatt zum Aktienkurs

Als Solistin aufzutreten heisst auch, immer auf Achse zu sein. Heute hier, morgen dort und übermorgen sonstwo. Ist das nicht auch ganz schön anstrengend? Eldbjørg Hemsing sieht das ganz anders. «Wenn man so viel reist, hat man auch einen grossen Freundeskreis. Es macht Spass, an fremde Orte zu kommen und neue Leute kennenzulernen. Reisen ist doch die beste Lebens-Schule. Ich komme übrigens immer gern in die Schweiz, nicht nur wegen der Schokolade, sondern wegen der Schönheit des Landes und weil die Menschen offen und freundlich sind.»

Bevor Eldbjørg Hemsing zum Flughafen fährt, frage ich sie doch noch, was sie denn so macht, wenn sie nicht gerade Geige spielt. Und da kommt gleich noch mal ihr strahlendes Lachen, jetzt sogar ein bisschen verschmitzt: «Ich habe viele Interessen, wenn ich mich aber richtig entspannen will, dann mache ich etwas ganz anderes …», es folgt eine kleine Pause und sie fährt fort: «… dann vertiefe ich mich in Börse und Aktienhandel …! Seit mindestens zehn Jahren beschäftige ich mich damit, es ist meine Leidenschaft! Der Aktienkurs ist ein totaler Bruch zur Musikwelt. Ich liebe diese Kombination.»

Und plötzlich sieht man Eldbjørg Hemsing mit ganz anderen Augen. Sie ist nicht nur die feenhafte Geigerin, musisch und romantisch, sondern sie steht auch fest mit beiden Beinen auf dem Boden der Finanzwelt. Grossartig! Und beeindruckend.

CD: Eldbjørg Hemsing, Simon Trpceski: «Grieg – The Violin Sonatas», BIS 2456

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