Eine Eule zum Anfassen

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Eine Eule zum Anfassen

Von Helmut Scheben, 20.11.2020

Bei Harry Potter ist sie Hexenbotin, in Athen Vogel der Weisheit, in Solothurn ein alpinistisches Wahrzeichen.

Die Eule gilt als nachtaktiv, man bekommt sie selten zu Gesicht. Nicht weit von Solothurn gibt es aber eine Eule, die man tagsüber besuchen kann, und sie hat offenkundig nichts gegen Versuche der Annäherung. Die «Eul» ist ein Felsen, den wohl alle kennen, die im Jura klettern. Der Eulengrat ist eine viel frequentierte Route. Auf dem Ausbildungsprogramm der SAC-Jugend steht er ganz weit oben. Wenn es im November ruhiger wird im Jura und die Sonne es gut meint, ist die Kletterei über die Eule eine Augenweide und Sinnenfreude. Auch für Climber, die nicht mehr zur SAC-Jugend zu rechnen sind.

Wer sie von weitem sieht, erkennt, woher sie ihren Namen hat. Der Fels sieht tatsächlich aus wie ein Uhu, das dunkle Loch in der Mitte ist der Schnabel. Der Einstieg liegt auf etwa 900 Metern Höhe. Letzten Mittwoch irrten wir eine Zeitlang in einem gespenstischen Nebelwald herum, bis wir ihn gefunden hatten. Schon nach der ersten Seillänge sahen wir blauen Himmel über uns, und mein Kletterpartner Reto sagte: «Bevor du weitergehst, schau mal zurück.» 

Die Eule; der schwarze Fleck in der Mitte ist der Schnabel. (Foto: Helmut Scheben)
Die Eule; der schwarze Fleck in der Mitte ist der Schnabel. (Foto: Helmut Scheben)

Da unten lagen Solothurn und das Mittelland im Nebelmeer, und wir standen auf einer Felskuppe in der Sonne. Das Problem der kalten Finger war erledigt, der Kalksteingrat war schon aufgewärmt und stand hell über uns im Morgenlicht. 

Was hat man nicht alles gesagt und geschrieben über den düsteren Monat November, den Monat aller Seelen, aller Toten, aller Trauer und aller Kälte. Ganze Literaturen entstanden rund um die November-Depression und um Liebe, Leben und Sommer, die so schnell vergangen seien. Nur unromantische Satiriker wie Wilhelm Busch erinnerten uns im Herbst, der Sommer sei ja auch nicht immer so toll: «Wohl war es ein Entzücken, zu wandeln im Sonnenschein, nur die verflixten Mücken, mischten sich immer darein.»

Reiz des Spätherbsts

Stimmt. Zum Klettern ist der Sommer lange nicht so gut wie der kühle Spätherbst. Vorbei ist jetzt die Zeit des Wettrennens gegen die aufziehenden Sommergewitter, die Zeit von Sonnencreme und Sonnenbrand, vorbei die Schweissausbrüche am Fels und die Blasen in den Kletterfinken. Die Novembersonne brennt nicht mehr, aber sie tut gleichwohl das Ihre, um den Vitamin-D-Speicher noch etwas zu füllen. 

Der Eulengrat ist mit seinen neun oder zehn Seillängen keine schwierige Kletterei, aber man sollte ihn auch nicht unterschätzen. Da er so häufig begangen wird, ist der relativ weiche Kalkstein stellenweise «abgespeckt», wie die Alpinisten sagen. Dann ist der entscheidende Tritt an einer Schlüsselstelle so glattpoliert, dass die Gummmisohle des Kletterfinkens keinen Reibungshalt mehr hat. An einem kleinen Pfeiler mit dem lustigen Namen Pfaffengilet ruft mir Reto von oben zu: «Keine Chance, das ist hier einfach Schmierseife.» Man umgeht also den Fettfleck auf der Weste des Geistlichen, die ansonsten makellos hell in der Sonne steht, und findet einen Aufstieg weiter links. 

Felsbänder und Wald, die Kennzeichen der Juralandschaft (Foto: Helmut Scheben)
Felsbänder und Wald, die Kennzeichen der Juralandschaft (Foto: Helmut Scheben)

Der Jura ist die Region für das Winterklettern. In den Alpen ist das Felsklettern um diese Zeit schwierig, weil an den schattigen Stellen schon zu viel Schnee liegt. Die Jura-Höhen sind nicht die Hochalpen, es sind keine Matterhörner in Eis und Schnee, keine unnahbaren Giganten weit weg da oben über der Baumgrenze. Die Jurafelsen sind hellgraue Fluenbänder, die überall leicht erreichbar sind. Sie leuchten über den Dächern der Dörfer aus dem Wald hervor oder steigen auf aus den Schluchten des Doubs und anderer Juraflüsse. Vielleicht ist dies das Geheimnis ihrer Attraktivität: dass sie Teil einer Kulturlandschaft sind, in der die Siedlung, der Wald und die Felsen jenes unzertrennbare Biotop bilden, das wir als gastfreundlich empfinden.

Beim Ausstieg wartet ein Sitzplatz unter Föhren. (Foto: Helmut Scheben)
Beim Ausstieg wartet ein Sitzplatz unter Föhren. (Foto: Helmut Scheben)

Bei der letzten Seillänge wählen wir die bequeme Route über das rechte Ohr der Eule, und am Ausstieg warten ein Sitzplatz unter Föhren und die Reichtümer im Rucksack: ein Apfel, ein Stück Tête de Moine und Minzetee mit Honig. Das war am 18. November, und die Sonne schien fast so warm wie an einem Spätsommertag.

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