Eine Chance für die Schweiz

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Eine Chance für die Schweiz

Von Birgit Eger Bertulessi, Mailand - 06.05.2014

In einem Jahr, am 1. Mai 2015, soll die Weltausstellung in Mailand ihre Tore öffnen. Wie präsentiert sich die Schweiz?

Eine Entdeckungsreise bringt «La Svizzera da gustare» - die Schweiz zum Geniessen. Mit Spezialitäten aus verschiedenen Regionen will die Schweiz den Italienern weniger bekannte Seiten des Nachbarlandes näherbringen. Die erste Etappe dieser Wanderausstellung ist jetzt vom 30. April bis 11. Mai in Mailand auf der Piazza del Cannone, im September ist Rom an der Reihe. Schliesslich werden die Schweizer Spezialitäten am renommierten Salone Internazionale del Gusto in Turin vorgestellt, der vom 23. bis 27. Oktober 2014 stattfindet. Hier können die Besucherinnen und Besucher die Schweiz neu entdecken und Qualitätsprodukte degustieren und kaufen.

Zudem werden Themen rund um Ernährung und Innovation mit Workshops, Degustationen und Vorträgen vertieft. Die „gusto“-Roadshow wird von „Präsenz Schweiz“ und vom EDA organisiert, sie bringt den Italienern jeden Tag einen Teil der Schweiz näher - Städte, Regionen, Kultur, Wirtschaft und Tourismus - mit der Absicht, die Leute ein Jahr später zum Besuch des Schweizer Pavillons an der Expo zu bewegen.

Schweizer Skepsis

Obwohl die Schweiz als erstes Land seine Teilnahme an der Expo zugesichert hatte, nahm die Öffentlichkeit in der Schweiz bis jetzt nur wenig von diesem Ereignis Kenntnis. Die Zeitung Südostschweiz zum Beispiel titelte zum Auftritt des Kantons Graubünden am „giro del gusto“: „Graubünden bastelt an der Expo 2015 in Mailand“. Diese wenig schmeichelhafte Schlagzeile bezieht sich aber auf ein positives Austausch-Projekt, wie die Zeitung dann auch schreibt: Bei dem Projekt «Discover Graubünden – Scoprire i Grigioni» handelt es sich um eine Entdeckungsreise von Schülern der Schweizer Schule in Mailand nach Graubünden. Daraus entstanden ist ein interessantes Portrait über den Kanton. Graubünden als einer der vier teilnehmenden Gotthard-Kantone kommt in Mailand eine besondere Bedeutung zu.

Foody - das Maskottchen der Expo 2015
Foody - das Maskottchen der Expo 2015

Energy for life

Das Maskottchen "Foody", in Anlehnung an die Bilder des Renaissance-Künstlers Arcimboldo, ist der Disney-Einstieg in das komplexe Thema der Expo: Feeding the planet. Energy for life. (Nutrire il pianeta, energia per vita. - Den Planeten ernähren, Energie für das Leben). Die Fragen zu diesem Thema sind nicht neu: Ist es möglich, Wasser und Nahrungsmittel für die gesamte Bevölkerung der Erde zu garantieren? Ist es möglich, eine ausreichende Versorgung vermehrt sicher zu stellen? Kann man neue Lösungen finden, die auch die Biodiversität unseres Planeten berücksichtigen?

Bereits im Vorfeld und an der Expo vom 1.Mai bis 31. Oktober 2015 sollen konkrete Lösungsansätze gefunden werden und vor allem will man dieses Mal die Besucher in Diskussionsrunden und Anlässen dazu ermuntern, mit den entsprechenden Informationen eine eigene Antwort auf diese Fragen zu finden.

Schweizer Pavillon

Die Schweiz liefert zum Thema „Food“ folgendes Wortspiel in ihrem Beitrag: „Confooderatio helvetica“. Die Idee und der Pavillon wurden in einem Wettbewerb aus mehr als 100 Projekten ausgewählt, gewonnen hat ein junges Team aus Brugg im Kanton Aargau. Fünf von weither sichtbare, durchsichtige Silotürme sollen mit typischen Schweizer Nahrungsmitteln gefüllt werden. Die Besucher dürfen sich bedienen, aber es wird nicht nachgefüllt. Sobald sich die Regale leeren, senken sich die Plattformen der Türme und so verändert sich der Schweizer Pavillon bis zum Ende der Expo. Im Laufe der Zeit bleibt also nur mehr wenig zum Mitnehmen, so dass die späteren Besucher am eigenen Leib erleben können, wie das Konsumverhalten der Vorgänger darüber entscheidet, wie lange es noch für die „Nachkommen“ reicht.

Eine Chance für die Schweiz

Die aktiven Teilnehmer von Schweizer Seite sind grössere Städte wie Basel, Zürich und Genf sowie die vier Gotthard-Kantone, die von Mailand aus relativ schnell zu erreichen sind: Graubünden, Wallis, Uri und natürlich das Ticino, Chiasso liegt ja nur etwa 40 Kilometer von Milano entfernt. Es wäre aber eine Fehleinschätzung, wenn die Schweizer denken, diese Expo sei nur für die Südschweiz relevant.

Dante Martinelli, Generalkommissär für die Schweiz an der Expo Milano 2015, sieht die Weltausstellung als Gelegenheit für die ganze Schweiz, die Beziehungen zu Italien, ihrem zweitwichtigsten Handelspartner, zu festigen. Ausserdem ist auch ein längerfristiges Rahmenprogramm mit dem Namen „Verso l’Expo Milano 2015“ von 2013-2016 geplant, damit der Schweizer Auftritt vor aber auch nach der Expo Spuren hinterlassen wird. „Die Schweiz soll mit ihrer Innovationskraft und ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt stärker in das Bewusstsein des italienischen Publikums rücken.“

Die Welt vor der Haustür

Die räumliche Distanz zwischen der Deutschschweiz und dem Mailänder Messegelände in Rho ist vergleichsweise klein, auch wenn die Alpen als Wetter- und Sprachgrenze diese Distanz oft grösser erscheinen lassen. Ein kurze Reise im Kopf: Basel liegt gleich weit weg wie Nice in Frankreich (326 km), aber auf jeden Fall ist es fast doppelt so weit von Mailand bis Rom (fast 600 km). Zürich (267 km) ist fast so nah wie Venedig (280 km). Chur (200 km) ist näher als Bologna (236 km). Turin (128 km) ist doppelt so weit weg wie Lugano (65 km). Der Flughafen von Lugano wird sicherlich von einigen Besuchern benutzt, denn zum Beispiel der Flughafen Milano Malpensa liegt auch 35 km von Rho, und Bergamo, der drittgrösste Flugplatz in Italien, ist fast 60 km weit weg.

Expo der Lombardei

Nicht nur jeder Teilnehmerstaat der Expo, auch das Gastgeberland Italien will auf dieser Bühne natürlich möglichst viel Aufmerksamkeit. Es geht in diesem Fall auch um die Präsentation der Lombardei, eines der „Zugpferde“ von Italiens Wirtschaft, und um Mailand als wirtschaftliche Hauptstadt des Landes. Es gab schon mehrere Skandale und einige Köpfe in der Leitung sind schon gerollt. Auf allen Ebenen haben sich aber jetzt die Politiker dieses Projekt zu Herzen genommen und arbeiten trotz unterschiedlicher Parteiinteressen zusammen: Auf nationaler Ebene Matteo Renzi, auf regionaler Ebene Roberto Maroni und lokal Giuliano Pisapia, der Bürgermeister von Milano. Sie alle stehen unter enormem Erfolgs- und Zeitdruck.

Musikalische Tour durch die Region

Die Lombardei macht Werbung für die Expo in Mailand mit der Tour "terra & acqua" mit Musikern vor Ort, unter der Leitung des in der Region sehr bekannten Liedermachers Van de Sfroos aus Como: Eine Reise durch die Lombardei, damit die eigene Bevölkerung die schönen Seiten, die kulturelle Vielfalt und die Traditionen dieser Region entdecken kann.

In jeder Stadt dieser Tour finden einen ganzen Tag lang diverse Veranstaltungen zur Expo statt, um das Projekt bekannt zu machen und den Unternehmen der Region die Möglichkeit geben, wie sie die Expo am besten als Plattform nutzen und ihre Stärken zeigen. "Zu diesen Stärken zähle ich auch diejenigen Künstler auf „Null-Distanz“ (auf Italienisch"a chilometro zero" d.h. lokal, normalerweise für lokal produzierte Lebensmittel verwendet), die über ihre heimische Gegend singen aber nicht super bekannt sind," meint der Musiker Van de Sfroos.

„Wir wollen unsere Bevölkerung für die Expo motivieren, aber es ist auch ein Anlass, um die eigenen lokalen Produkte neu zu entdecken und wieder mehr zu schätzen." (nächstes Konzert von Davide Van de Sfroos in Milano am 18.Mai 2014, www.itinerarifolk.it)

„Think global, act local“

Die Präsentation des anspruchsvollen Themas Ernährung in Form einer musikalischen Tour mit Spezialitätenmarkt wie "terra & acqua" mag etwas oberflächlich erscheinen. Es entspricht auf den ersten Blick auch dem Klischee, das die meisten Menschen nördlich der Alpen von Italien haben... Dolce far niente, Musik hören, auf der Piazza schlendern und leckere Sachen essen. Bei genauerem Hinsehen hat diese Tour zum Ziel, die lokale Bevölkerung nicht nur zu informieren, sondern auch zu motivieren, statt dem global verbreiteten "fast food" einige besondere, lokale „slow food“-Speisen zu verzehren. Wenn die Menschen rund um Milano einige lokale Spezialitäten kennen und schätzen lernen, und wieder vermehrt vor Ort produzierte, saisongerechte Produkte einkaufen, ist das schon ein kleiner Schritt zur bewussten Ernährungsweise jedes Einzelnen. Abgesehen von diesen langfristigen Zielen macht es natürlich Sinn, wenn die einheimische Bevölkerung stolz auf ihre eigenen Produkte ist, denn das ist die beste Werbung für eine solche Riesenveranstaltung wie die Expo.

Bei der Expo in Milano sind sicherlich handfeste wirtschaftliche Interessen im Spiel, wie bei den vorangegangen Weltausstellungen 2012 in Yeosu, 2010 in Shanghai und 2008 in Zaragoza. Ziel ist ja nicht nur die Präsentation des Gastlandes, sicherlich wollen alle Teilnehmerstaaten Werbung machen, wie auch die Schweiz für ihre Nahrungsmittelindustrie, Landwirtschaft und den Tourismus werben wird. Eine solche Ausstellung erfüllt aber auch immer das menschliche Bedürfnis nach einem einmaligen Erlebnis, auch im Zeitalter der globalen Vernetzung, wo es Trubel und unerwartete Ereignisse gibt, die auch durch das Internet nicht zu ersetzen sind.

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