Ein Subjekt namens Publikum

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Ein Subjekt namens Publikum

Von Urs Meier, 07.03.2016

Wo Menschen sich zu einer kulturellen Darbietung zusammenfinden, geschieht etwas Eigenartiges mit ihnen. Sie werden zum Publikum. Doch das klappt nicht immer.

«Hochverehrtes Publikum!» So werden wir noch begrüsst im Zirkus, im Variété, vielleicht beim Strassentheater. Dabei verbeugt sich der befrackte Direktor oder eine Karikatur von ihm, zieht artig den Zylinder und spricht wohlgesetzte Worte ins Auditorium, in dem anscheinend lauter Majestäten Platz genommen haben. Unterhaltende Künste lieben das schillernde Spiel mit der höfischen Höflichkeit, das schnell in Frechheiten changieren kann, und das Publikum geniesst die Wechselbäder der Stimmungen wie die Hochgefühle und Schrecken auf der Achterbahn.

Informeller Kontrakt

Die Eintrittskarte zur circensischen Lustbarkeit ist ein Kontrakt, der eine zufällige Gruppe von Menschen für zwei Stunden zum Publikum vereint. Für eine Ansammlung von Einzelnen aufzutreten, erschiene den Artisten und Schauspielern widersinnig. Sie brauchen das mythische Gegenüber, das sich im kollektiven Singular ansprechen lässt. Weder die «sehr geehrten Damen und Herren» noch die «werten Genossinnen und Genossen» begeben sich in diese Art der Transformation. Der geheimnisvolle Vorgang vor Bühne und Podium ähnelt allenfalls der Konstituierung einer «lieben Gemeinde» unter der Predigtkanzel.

Doch in religiösen oder politischen Versammlungen gilt es ernst und auf Dauer. Die Einheit kommt hier, wenn sie denn wirklich gemeint ist, durch Ausschliessungen zustande. Man gehört dazu, und das unterscheidet einen von allen, die nicht dazugehören. Dem Entweder-Oder entgeht nur, wer sich selbst aufteilt. Die meisten schaffen das und sichern sich so ihre Spielräume. Mit dem Trick des doppelten Spiels kann man dazugehören und dennoch Vorbehalte machen, sich also ein- und gleichzeitig ein bisschen ausschliessen. Solche Selbstteilungen können jedoch anstrengend sein. Sie erfordern Rechenschaft. Man muss sich erklären, zumindest vor sich selbst.

Vereinigung ohne Zwang und auf Zeit

Zu einem Publikum zu gehören ist hingegen ganz leicht. Hier ist die Vereinigung zwanglos und selbstverständlich. Sie kommt ohne Ausschliessungen zustande. Das Eintrittsbillett ist die temporäre Identitätskarte für die Unio mystica der Zugehörigkeit zum Publikum. Nach der Vorstellung ist diese Verwandlung umstandslos aufgehoben.

Nicht gemeinsame Meinungen und Absichten verbinden die Menschen zum Publikum, sondern gemeinsames Lachen und Erschrecken, je nachdem auch die Einhüllung in Gerüche von Sägemehl und Raubtieren, die Musik des Sesselknarrens und Stimmenbrodelns, die Erregung der Augen durch Samt, Glitter und schweifende Lichtkeulen.

Verbunden sind die Menschen im Publikum nur durch gleich gerichtete Aufmerksamkeit. Das bewirkt eine ebenso diffuse wie intensive Nähe, obschon die Anwesenden miteinander nichts zu tun haben. Von der Anfangserwartung bis zum Schlussapplaus kann die Gemeinschaft im Zuschauerraum eine magische Dichte annehmen, die aber zu nichts verpflichtet. Bei Vorstellungen ernster und hochkultureller Art ist dies nicht anders. Auch ein erhobenes, bewegtes oder erschüttertes Publikum vereint und verläuft sich dann wieder. Was zurückbleibt, gehört nur den Einzelnen.

Grenzüberschreitungen

Es gab eine Zeit der Bemühungen, über solche Grenzen hinaus zu gehen, zum Beispiel in Theaterexperimenten mit Publikumsdiskussionen oder anderen Interaktionen. Kunst wollte verbindlich werden, politisch sein, Ergebnisse zeitigen, Meinungen machen. Vielleicht sind solche Wirkungen erreicht worden, doch immer um den Preis von Ausschliessungen. Der Zugriff auf das Auditorium suggerierte dem Publikum, eine Versammlung von mehr oder weniger Gleichgesinnten bilden zu sollen. Engagierte Kunst wurde zur Sache der Engagierten. Es blieb kein Platz für clevere Identitätsmauscheleien. Dafür oder dagegen, drinnen oder draussen!

Der Erfolg derartiger Versuche war gleichzeitig ihr Scheitern. Politisch getriebene Kunstmacher stiessen an Grenzen, die sie darauf zurückverwiesen, dass sie immer Komödianten, Musikanten, Gaukler und Artisten bleiben. Mit ihrem Publikum dürfen sie alles anstellen, solange sie den Respekt bewahren für die Grenzen und den Verfallstermin des Kontrakts, der mit dem Kauf der Eintrittskarte geschlossen wird. Darüber hinaus geht nichts.

Gegenseitiger Respekt

Respekt braucht es ebenso auf der anderen Seite. Wie wenig selbstverständlich er im Grunde ist, illustriert ein Vorfall, über den der «Kölner Stadt-Anzeiger» berichtet hat. Bei einem Programm von «Concerto Köln», einer auf Alte Musik spezialisierten Formation, in welchem kontrastierende moderne Stücke neben barocken Werken standen, kam es zum Eklat.

Während des vom iranischen, in England lebenden Cembalisten Mahan Esfahani gespielten «Piano Phase» von Steve Reich wurde es im Saal unruhig, Einzelne randalierten, liefen geräuschvoll weg – und erzwangen den Abbruch. Die Aufbegehrenden waren aus jenem besonderen Publikumskontrakt ausgeschert, der bei klassischen Konzerten halt ein ziemlich rigoroses Setting von Verhaltensnormen einschliesst.

Konventionen des Publikumsverhaltens

Seit dem Aufkommen eines bildungsbürgerlichen Verständnisses von Hochkultur im späten 18. Jahrhundert wird klassische Musik vor mäuschenstill sitzenden Menschen gespielt, die gelernt haben, solche Disziplin während zwei und mehr Stunden durchzuhalten und sich im Idealfall lückenlos auf die Darbietung zu konzentrieren.

Frühere Epochen kannten derart strenge Rituale für den Genuss solcher Musik nicht. Die Kapellen an den Höfen spielten zu Zeremonien, Diners und Bällen. Da wird der Geräuschpegel nicht gering gewesen sein. Kirchenmusik wurde bei dem einst üblichen Kommen und Gehen in Gottesdiensten durchaus nicht immer sehr andächtig angehört. Das ähnelt den Bräuchen, die heute ausserhalb klassischer Musikgattungen herrschen: Das Gebot der stillgestellten Körper, der totalen Stille im Auditorium und der durchgehend konzentrierten Aufmerksamkeit ist beim Jazz atypisch, bei Pop und Rock undenkbar.

Unterschiedliche Arten des Bezugs zwischen Präsentierenden und Adressaten also. Doch jedes Genre hat seine Konventionen des Publikumsverhaltens. Keine Form von kultureller Darbietung ist möglich ohne diese ganz verschiedenartigen, oft noch nicht einmal bewussten Vereinbarungen, welche den jeweiligen Performing Arts Zeit, Raum, Aufmerksamkeit und gesellschaftliche Bedeutung geben.

Zum kulturellen Ereignis kommt es nur, wenn die Besucher fähig und willens sind, den temporären Kontrakt zu schliessen und sich in jenes geheimnisvolle Kollektivsubjekt namens Publikum verwandeln zu lassen. Dabei spielt keine Rolle, ob dieses nun mitsingt, tanzt und leuchtende Handybildschirme schwenkt, ob es den hervorgetretenen Solisten mit Szenenapplaus dankt – oder ob es still dasitzt und auch mal ein sperriges Werk geduldig und höflich entgegennimmt.

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