Ein Rebell zwischen zwei Buchdeckeln

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Ein Rebell zwischen zwei Buchdeckeln

Von Jürg Schoch, 18.12.2011

Lässt sich eine streitbare Persönlichkeit wie der Genfer Soziologe so zwischen zwei Buchdeckel klemmen? Jürg Wegelins Biografie* kommt merkwürdig sanft daher.

Libertärer Marxist, weisser Neger, Nestbeschmutzer, Schaumschläger, linker Christ, Anarchist. Jean Ziegler, 1934 in eine bodenständig-konservative Berner Familie hineingeboren, hat viele „Titel“. Als junger Mann schon kennzeichnete ihn eine immense Neugier auf die Welt und vor allem ein Sensorium dafür, was in dieser Welt falsch lief. Deshalb zog es ihn in diese Welt hinaus, er durchmass sie wie kaum ein anderer Schweizer Politiker und Intellektueller. Jetzt ist Ziegler ein alter Mann, der sich, im Gegensatz zu den meisten alten Männern, nicht zurück-, sondern noch immer, vielleicht mehr denn je, gegen die Welt auflehnt. Keine Anzeichen von Müdigkeit, Resignation oder Kompromissen. Als er kürzlich während der Präsentation seines Buches auf dem Podium sass, schlug er mit seiner Rhetorik (auch mit seinem Witz und Sarkasmus) das Publikum augenblicklich in seinen Bann.

Der Schweizer Journalist und Publizist Jürg Wegelin beschreibt nun in einer Biografie Werdegang und Wirken von Jean Ziegler. Der Autor stützte sich auf Gespräche mit zahlreichen Weggenossen, auch auf solche mit Ziegler selber, dessen Vorlesungen an der Universität Bern er einst besuchte. Ausserdem stand ihm das umfangreiche Material zur Verfügung, das Ziegler unlängst im Bundesarchiv deponiert hat: 140 Schachteln mit Briefen, Reden, Manuskripten und andern Dokumenten. Eine komfortable Ausgangslage also für eine Biografie, die, wie der Autor betont, keine autorisierte ist.

Der Prophet im eigenen Lande

Für die in ihrer Selbstgerechtigkeit ruhende Schweiz war Ziegler während Jahrzehnten das, was man eine wandelnde Provokation nennen könnte, oder eine schreibende! Sein erstes „Interventionsbuch“ (Eine Schweiz – über jeden Verdacht erhaben, 1976) liess die Wogen hochgehen, sein zweites (Die Schweiz wäscht weisser, 1990), womöglich noch höher. Ohne jede Beisshemmung griff Ziegler an: Die Gnomen der Zürcher Bahnhofstrasse, ihre Wasserträger in der Politik, die Superpatrioten und Vorzeigeeidgenossen, die Schwarz-, Flucht-, Drogen- und andere zwielichtige Gelder versteckten und sich damit bereicherten. Und wie er in den Wald rief, tönte es zurück. Ungezählt sind die Intrigen und Polemiken gegen Ziegler, ungezählt auch die Versuche, ihn mundtot zu machen und aus dem Nest zu werfen, das er dauernd beschmutzte.

Heute fallen die Urteile über Ziegler milder aus. Denn vielen Zeitgenossen ist spätestens seit Offenlegung der unsäglichen Machenschaften unseres Finanzplatzes bewusst geworden, in welche Abgründe die heilige Kuh mit Namen Bankgeheimnis das Land gestossen hat. Im Grunde habe dieser Ziegler eigentlich Recht, heisst es allenthalben, sogar in bürgerlichen Kreisen. Der einst geschmähte Prophet im eigenen Land wird auch durch seinen vehementen Kampf gegen den Hunger aufgewertet, den er als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung führt.

Fast zu gediegen

Wegelin beschreibt das bewegte Leben Zieglers, die Brüche und Widersprüche, die zahlreichen Prominenten, die zu dessen Freundeskreis zählen, in einer klaren, nüchternen Sprache. Er benennt auch die Schwächen seines „Helden“, sein gebrochenes Verhältnis zu Zahlen, die mangelnde Sorgfalt in seinen Büchern, die ihm so manchen Prozess bescherte. Und er zeigt - das sind die berührendsten Passagen des Buches – den privaten Ziegler, seine merkwürdige Neigung zur Mystik, seine Abneigung gegen Handy, Computer, Fernsehen. Alles liest sich ganz gut – und doch kommen bei der Lektüre immer wieder Zweifel hoch: Ist diese Biografie nicht zu glatt, zu nett, zu wohlanständig verfasst? Weshalb dringt der Autor nicht tiefer in den Zieglerschen Kosmos ein? Weshalb begnügt er sich damit, den vielen Anfeindungen und Zusammenstössen nur Oberflächenbehandlungen zu widmen. Der Leser erfährt kaum mehr, als die Medien einst darüber berichteten. Wenn der Autor schon über eine breite Materialfülle verfügt: Warum leuchtet er etwa die Intrigen, die die Genfer Philosophin Jeanne Hersch oder die Rechtsfakultät der Universität Bern gegen Ziegler inszenierten, nicht eingehender aus. Wegelin kritisiert die etablierten Uni-Koryphäen durchaus zu Recht. Aber seine Kritik wäre noch überzeugender, wenn er auch deren Standpunkte klarer dokumentiert hätte.

Dass Wegelin für Ziegler Sympathien hat, kann man ihm nicht vorwerfen. Das Problem ist nur, dass solche Sympathien das Schreiben beeinflussen. So fällt auf, dass der Biograf mit Zieglers Gegnern strenger ins Gericht geht, was in vielen Fällen richtig sein mag. Damit kontrastiert die eigentümliche Rücksichtnahme auf Ziegler selber, wo deutliche und nicht nur geflüsterte Worte der Kritik am Platz wären. Dessen Nähe zu zweifelhaften Figuren behandelt Wegelin mit viel Empathie. Jenen, die Zieglers Verbindungen mit Muammar al-Ghadhafi kritisierten, flickt er fast mehr am Zeug als Ziegler selber. Dabei könnte ein Biograf immerhin die Frage stellen, ob bei all den vielen Freund- und Bekanntschaften auch Opportunismus, Eitelkeit, vielleicht gar Geltungsdrang im Spiel waren.

Was fehlt

Ziegler ist nach seinen vielen Reisen und Begegnungen zur Erkenntnis gelangt, dass es nicht linke Parteien („verknöcherte Wahlbürokraten“) sein werden, die die Gesellschaft verändern. Diese Rolle traut er Bürgerbewegungen zu. Das ist schon deshalb ein interessanter Ansatz, weil während der Wende im osteuropäischen Raum, namentlich in der DDR, solche spontanen Bewegungen innerhalb der Zivilgesellschaft die treibenden Kräfte waren. Darüber hätte ein Mann wie Ziegler ohne Zweifel etwas zu sagen, sein Biograf aber verfolgt diese Fährte nicht.

Wie auch andere Fährten fehlen. Dass Ziegler für eine bessere und gerechtere Welt kämpft, weiss heute jedermann. W i e er dieses Ziel erreichen möchte, bleibt unklar. Das leninistisch-marxistische Konzept der UdSSR hat er, lange vor deren Untergang, verworfen. Welches wäre die Alternative? Was genau setzt er der „Weltdiktatur des globalisierten Finanzkapitals“ entgegen? Merkwürdigerweise gibt die Biografie darauf kaum Antworten, jedenfalls keine präzisen. Wie sie auch der zentralen Frage ausweicht, die sich der Politiker, Soziologe und Intellektuelle Jean Ziegler ohne Zweifel dauernd stellt: Wie bringt man die Interessen des selbstbestimmten Individuums mit jenen der Gesellschaft unter einen Hut?

Und doch: Es ist gut, dass Wegelin diese Biografie geschrieben hat. Sie zeigt wesentliche Aspekte dieses Querdenkers auf. Sie festigt auch Stellung und Ansehen des oft Verfemten. Aber sie zeigt nicht den ganzen Ziegler. Der ist zu komplex, als dass er sich auf 180 Seiten zwischen zwei gediegene Buchdeckel bannen liesse.

*Jürg Wegelin: Jean Ziegler. Das Leben eines Rebellen. Nagel & Kimche 2011, Fr. 25.90.

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Kommentare

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Was man Jean Ziegler zugute halten muss, ist seine Unbeirrbarkeit auf dem Weg der "guten" Sache. Etwa den Hunger auf dieser Welt, der durch die Rohstoffbörsen noch pervers akzentuiert wird. Ziegler hat Prozesse nie gescheut, was auch auf ein für ihn unantastbares Selbstverständnis schliessen lässt. Aber im Gegensatz zu den "Cüpli-Sozialisten, die inhaltlich, sprachlich und vor allem beim eigenen Salär sich der herrschenden Klasse angenähert haben, bleibt Ziegler sich treu. Und dies ist ihm hoch anzurechnen. Aber er ist wohl auch ein Patriarch, der sich keine Selbstbeschränkung auferlegt und die Selbstreflexion nicht als dringlichste Aufgabe betrachtet, was sein manchmal ungebrochenes oder gar irriges Verhältnis zu Diktatoren erklären mag. Dennoch war Ziegler in der öden Politlandschaft ein Farbtupfer, und er ist es in anderer Mission noch immer.

Ernst nehmen muss man J. Ziegler nicht so sehr. Teilt die Welt in "links" und in "national-konservativ" ein. Und letzteres heißt bei ihm so viel wie: doof, gierig, link, unsozial (er selber ist hier eine Definition schuldig geblieben ...). Nehmen wir mal einen intelligenten Konservativen. Beispiel: Michel Friedmann. Der ist sehr schnell im Kopfe und rhetorisch herausragend, sicher auch hochgebildet. Was nach meiner unmaßgeblichen Meinung "rechts" und "links" unterscheidet, sind unbewußte, im limbischen System angelegte Wertungskonstanten, nicht der wertfreie, instrumentelle Intellekt .

Ja er stört! Er hat immer gestört! Nichts stört so sehr wie ausgesprochene Wahrheiten. Thomas Bernhard hat auf eine andere Art in Österreich gestört, Dürrenmatt hats getan mit vielen Anderen, den Alltag störenden Zeitgenossen. In Ruhe konsumieren,verbrauchen das wollen wir und keine Einblicke in die Schlachthäuser der Gegenwart. Lieb Vaterland magst ruhig sein........! Leider! .....Jede Zeit braucht seinen Advokatus Diaboli!

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