Ein Prosit auf die Gemütlichkeit!

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Ein Prosit auf die Gemütlichkeit!

Von Klara Obermüller, 22.03.2015

Vielleicht hat die Schweiz ein Stück wie dieses nötiger denn je.

Unter dem Einfluss der grossen Wirtschaftskrise des letzten Jahrhunderts entstanden, hat Ödön von Horvàths bitter-böses Stück „Kasimir und Karoline“ bis heute nichts von seiner Brisanz verloren. In der Regie von Barbara Weber ist es zur Zeit auf der Pfauen-Bühne zu sehen.

Da wollen zwei nichts weiter als auf den Rummel gehen: die Sorgen vergessen und sich ein wenig amüsieren in diesen düsteren Zeiten. Doch die Fröhlichkeit ist brüchig, die Gemütlichkeit ranzig, und es dauert nicht lange, bis die Stimmung kippt. Kasimir, von Beruf Chauffeur, ist Tags zuvor „abgebaut“ worden, entlassen, weggeworfen wie ein ausgelatschter Schuh. Er hat noch vier Mark in der Tasche, seine Zukunftsaussichten sind düster. „Ohne Geld bist halt der letzte Hund“, sagt er und piesackt seine Verlobte Karoline so lange, bis auch sie sich von ihm abwendet und ihn in seinem Pessimismus bestätigt. „Eine wertvolle Frau“ tut so was nicht, sagt sie und geht dann doch mit einem andern mit, einem Zuschneider, der ihr eine Achterbahnfahrt spendiert und Hoffnung auf ein besseres Leben macht.

Bis Altötting und Oberammergau 

Von einem besseren Leben träumen sie alle in dem Stück: die Erna, die Elli, der Merkl Franz und wie sie alle heissen. In Gestalt eines Zeppelin fliegt es über ihre Köpfe hinweg und entschwindet ihren Blicken dorthin, wo keiner von ihnen hinkommen wird. Ausser nach Altötting und Oberammergau haben sie’s nicht geschafft. Und auch davon reden sie nur, und man weiss nicht so recht, ob nicht auch diese Namen nur Chiffren sind für die Sehnsucht nach einer anderen Welt.

Barbara Weber, bis vor kurzem Co-Leiterin des Neumarkt-Theaters, hat das Stück für die Pfauen-Bühne inszeniert: nicht ganz so drastisch wie seinerzeit Christoph Marthaler, aber nicht minder poetisch. Die von Patrick Bannwart gestaltete Bühne bietet funkelnd und blinkend den idealen Schauplatz für dieses Theater der Illusionen, Verblendungen und falschen Hoffnungen. Gleichzeitig lässt sein Talmi-Glanz die Schäbigkeit der Figuren nur umso schmerzlicher zum Vorschein kommen. Karoline (Marie Rosa Tietjen) ist nicht hübsch, Kasimir (Christian Brambach) nicht stattlich, Lukas Holzhausens Schürzinger kein wirklicher Filou und André Willmunds Merkl Franz auch als Ganove noch ein Versager. Und selbst die sog. Honoratioren Rauch (Michael von Burg) und Speer (Claudius Körber) sind nichts weiter als dumpfe Spiesser, die sich auf Grund ihrer gesellschaftlichen Stellung für etwas Besseres halten. Einzig Siggi Schwientek vermittelt in der Rolle als rührend besorgter „Schutzengel“ eine leise Ahnung davon, wie wahre Menschlichkeit aussehen könnte.

Hohe Kunst und literarische Qualität

Umso krasser wirkt vor diesem Hintergrund die Art und Weise, wie Horvàth seine Figuren sprechen lässt: immer eine Spur zu hoch, immer ein wenig unecht und gestelzt, voller Klischees und bildungsbürgerlichen Floskeln, die so gar nicht zur Erbärmlichkeit ihrer äusseren Erscheinung passen wollen. Darin liegt der Humor, durch den Horvàth seine „Ballade von stiller Trauer“ gemildert sehen wollte. Darin liegt aber auch die hohe Kunst und literarische Qualität des Autors. Horvàth verstand es, durch Künstlichkeit einen Realismus zu erzeugen, der die Realität, wie sie sich ihm präsentierte, in ihrer ganzen Erbärmlichkeit und Verlogenheit entlarvte.

Ödön von Horvàth war ein Aufklärer, gar kein Zweifel. Er analysiert in seinen Werken, er zeigt auf, er demaskiert, aber den Glauben an einen neuen Menschen und eine bessere Welt hat er längst verloren. Da steht er dem frühen Brecht näher als dem späten. „Gerne wär’ ich zu dir gut, einmal in dem tristen Leben, einem Mann mich hinzugeben, ist das ein zu hohes Ziel?“ So könnte auch Karoline singen und wie ihre Schwester Polly erkennen, dass die Verhältnisse leider Gottes nicht danach sind. Und dass diese sich je ändern könnten, auch dafür bestand schon zu Beginn der dreissiger Jahre wenig Hoffnung.

Demaskierung der ideologischen Volkstümlichkeit

Nach dem Anschluss Österreichs im März 1938 ist Horvàth ins Exil nach Paris gegangen und dort wenig später während eines Gewitters von einem herabstürzenden Ast erschlagen worden. Das ganze Ausmass der nationalsozialistischen Verbrechen hat er nicht mehr miterlebt. Aber er hat sie kommen sehen. In einem Stück wie „Kasimir und Karoline“ hat er den Nährboden beschrieben, auf dem sie gediehen – und jederzeit auch wieder gedeihen könnten.

Barbara Weber musste Horvàths Stück nichts hinzufügen und nichts wegnehmen, um den Bezug zur Aktualität herzustellen. Die Art, wie der Autor die Figuren zeichnet und das Verhängnis seinen Lauf nehmen lässt, spricht für sich. Und das Publikum versteht. „Das horvàthsche Volkstheater gehört zu den luzidesten politischen Bühnenwerken der deutschen Sprache“, schreibt Daniel Binswanger in seinem äusserst lesenswerten Programmheft-Beitrag. „Es demaskiert die ideologische Volkstümlichkeit – die Volkstümlichkeit, die Vorbedingung ist für die Tyrannei der sozialen Kälte. Vielleicht hat die Schweiz die ‚Volksstücke’ heute notwendiger denn je.“  

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